Berlin - Glück muss man haben und sich in den Finger nähen: Durch dieses vermeintliche Missgeschick wurde Barbara Wrede zum einzigen Mädchen im ganzen 500-Einwohner-Dorf, das hinfort nicht mehr in der Nadelarbeit, sondern mit den Jungs im Werken Unterricht nehmen durfte. Das war Anfang der 1970er Jahre in Emmen bei Wittingen, im ehemaligen Zonenrandgebiet von Niedersachsen. Als Trostpflaster gab es obendrein das dorf-erste Skateboard, das dann zur neuerlichen Unfallquelle wurde.

Hier taucht er auch schon auf: Robert, der sich bisher im Puppenwagen herumkutschieren ließ, wurde nun seinerseits angespannt und zog Barbara Wrede auf ihrem neuen Rollbrett. Erst hui, dann Gulli, heute Narbe am Kinn. Robert ist schuld. Robert, eine Schäferhund-Collie-Mischung, war der Hund in Wredes Kindheit. Robert ist der Ur-Inspirator, sozusagen Ehrenpräsident des „Köterklubs“, einer neuen Serie, die ab heute zirka zweiwöchentlich in der Rubrik Unterm Strich erscheint.

Krakelige, sprunghafte Entschlossenheit

Die Künstlerin Barbara Wrede ist den Lesern und Betrachtern der Berliner Zeitung bekannt durch ihre Unterm-Strich-Werke: „Die Landpartie“, ein 52-teiliges Bild-Text-Tagebuch von ihrem Aufenthalt im Salzwedeler Jenny-Marx-Haus, samt Fisch-Beißindex und Sozialkritik (2007). Oder das „Männerarchiv“ (2009/10), das in Bild und Text Männer auflistete − längst nicht alle, wie die Künstlerin betont −, die in Barbara Wredes Leben eine Rolle gespielt haben: Vom Opa über die erste Liebe bis hin zur irrtümlich eingegangenen Affäre mit einem Hunde-Züchter, der sich, wie zu lesen war, für seine Möpse mehr interessierte als für ihre.

Von legendärem unerschrockenen Wredeschen Humor sind auch die Schilderungen der heimatlichen Schützenfeste, an denen sie heute nicht mehr teilnimmt, wegen der durch den Genuss von zu viel Alkohol und zu wilder Erotik verursachten gesundheitlichen Gefahren. Schade.

Von krakeliger, sprunghafter Entschlossenheit, frei von zarten Kurven − also wie von Wredescher Hand ins Papier gefräst − zeigt sich die Lebenslinie der Künstlerin. Vorgezeichnet gewesen wäre der 1966 geborenen Tochter eines Tischlermeisters und einer Dorfladenbetreiberin eigentlich eine Gerade: Als Erstgeborene würde sie die Tischlerei des Vaters übernehmen, die zwei Jahre jüngere Schwester Anja − die als Spieleerfinderin und Illustratorin ebenfalls in Berlin gelandet ist − vielleicht den mütterlichen Laden.

Im Wege stand dem eigentlich nur ihr Wunsch, Künstlerin zu werden. Sie katapultierte sich mit viel Mut immer mal wieder aus ihrem sozialen Umfeld heraus und rappelte sich mit gut gelaunter Zähigkeit in eine neue Existenz hinein. Zwischendurch gab es Phasen, in denen sie, wie man so sagt, auf sich selbst zurückgeworfen war. Aber wieso eigentlich zurück? Für ihre Ausbildung machte sie gleich mal einen 700-Kilometer-Satz nach Süden, zu einem Meister in Oberammergau. Eine Frau, eine Preußin noch dazu, die Tischler werden will? Ganz klares Abseits.

Als sie sich dann 1988 an der Kunsthochschule in Kassel angenommen wurde − ihr damaliger Freund hat ihr geraten, doch mal eine Mappe vorzulegen −, brauchte sie auch erst einmal drei Semester, um sich von dem neuerlichen Kulturschock zu erholen. Vom Dorf mit einem Umweg über Oberammergau direkt hinein in den Kunstbetriebsnudeltopf. 1994 war sie dann nicht nur ausgebildete Tischlerin, sondern auch mit Auszeichnung diplomierte Künstlerin. Wohin nun? Antwort: nach Berlin.

Ihr Atelier: ein von Tatkraft durchpulster Raum

In einer früheren Schlosserei in Neukölln befindet sich heute Barbara Wredes Atelier: ein heller großer, dennoch ziemlich vollgestopfter, von Tatkraft Wredes durchpulster Raum. Sie hat eine kleine Ausstellung zum Thema Hund arrangiert, als wir sie besuchen. Sie kann auf reiches Material zurückgreifen. Seit 1994 fotografiert sie wartende Hunde − angeleint zum Beispiel vor Kauf-, Trink- und Spielhallen. Das umfangreiche Archiv (schön ordentlich mit Datum und Ort) wächst immer noch an − auf den meisten Bildern scheinen die Fotografierten genau zu verstehen, worum es Barbara Wrede geht, und legen einen Extrafunken Klage in den Blick. Für die Berliner Zeitung hat sie einige dieser Aufnahmen zeichnerisch umgesetzt.

Parallel erforscht sie bildnerisch die These von der Hund/Halter-Ähnlichkeit und porträtiert „Hunde vor dem Ruhm“ − es gibt inzwischen 150 Porträts, von denen einige in den Köterklub aufgenommen und Unterm Strich gezeigt werden. Wrede illustrierte Katharina Rutschkys Geschichtenbuch über den „Stadthund“ (2000) und betreibt meditative, bis zu einem Quadratmeter große Fellstudien, jeweils mit einem Buntstift. Kann man alles auch kaufen. Im Oktober soll es in der Galerie R31 eine Ausstellung geben: „Wartende Hunde − ein Versuch über die Treue“.

Einen eigenen Hund hat Barbara Wrede heute nicht mehr. Sie widmet ihr Hunde-Œvre dem japanischen Akita-Hund Hachiko, der zehn Jahre lang auf dem Bahnhof auf sein verstorbenes Herrchen wartete, bis er selbst starb − man vermutet, an Herzkrebs. Sein ausgestopfter Kadaver befindet sich heute im Nationalmuseum der Naturwissenschaften im Tokioter Bezirk Ueno.

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