Illustration: Klaus Zylla

RomMein Ziel für den Tag heißt Centrale Montemartini und ist ein Museum im ehemaligen Elektrizitätswerk. Dreiundzwanzig Minuten Weg von meinem neuen Zuhause aus, sagt das Navi. Zu Fuß über die Tiberbrücke und mitten durchs pensionierte Industriegebiet. Immer schön auf den weit sichtbaren Gasometer zu, das große runde Gestell. Ist umgeben von hohen Mauern und Stacheldraht, das Areal. Verbrettert und verschlossen sind sämtliche Tore. Kein Schlupfloch zu finden. Sind nur von außerhalb zu bestaunen, die gigantische Stahlkonstruktionen und anderen arbeitslos gewordenen Industrieriesen. 

Ich schieße ein paar Fotos, zoom mir die Objekte näher heran. Und dann ist plötzlich Ende der Tour, Sackgasse. Den ganzen Weg zurück mag ich nicht gehen. Es regnet zudem leicht. Also nehme ich den schmalen Trampelpfad am Fluss entlang. Der führt mich über Stock und Matsch. Ein echt glitschiger Watschelweg, der dann aber auch plötzlich endet.

Bleibt nichts weiter übrig, als seitlich den nassen Hang aufwärts zu erklimmen. Nahe dran abzurutschen, lande ich oben unweit einer Straße an. Und stelle zuerst einmal fest, dass ich hier schon gewesen bin. In genau dem Restaurant, vor dem ich stehe. Auf der Terrasse, berühmt geworden durch Pasolini, der dort seinen letzten Wein getrunken haben soll, bevor er in Ostia bestialisch ermordet worden ist. Ich bin, wie mühsam ich mich auch durch die Uferböschungen geschlagen habe, weit übers Ziel hinaus geraten. Nun muss ich ein Gutstück des Weges zurück. Immerhin auf dem Bürgersteig. Aber doppelt so viel Zeit als gedacht brauche ich schon bis zum Museum. Das ist tatsächlich geöffnet. Also nix wie rein.

Die Idee, alte Skulpturen mit Maschinen in einem Riesensaal zusammenzubringen, geht perfekt auf. Du weißt gar nicht so recht, was dich mehr begeistert. Der antike Marmorkopf oder die drei armdicken Schraubschlüssel? Der nackte Körper unterm hauchdünnen Lendenschurz oder diese riesige Trommel. Du siehst an der Statue eines Herrschers vorbei ins beleuchtete Innere der Maschinerie, staunst hinterm Sichtglas einen schmierigen Großkolben an.

Und flugs bin ich die Treppen empor, schaue von hoher Warte aus über den gesamten Maschinensaal vor mir wie unter eine Motorhaube geblickt. Ist alles hier viel, viel größer angelegt und hat so unfassbare Ausmaße. Rechts, links, diese schwarz angestrichenen Turbinen und gigantischen Riesenräder, erinnern mich an einen Film von Fellini. Da lässt er eine Gruppe Gutbetuchter von oben herab wie in den Bauch der Titanic auf halbnackte Arbeiter gucken. Und eine dämliche Damen kommt auf die Idee, der begnadete Sänger solle doch bitte eine Arie anstimmen. 

Allein auf der Balustrade suche ich mir vorzustellen, was unter mir einst geschuftet worden ist. Wie es sich anhörte? Wie laut die Fabrikhalle brüllte, stöhnte, schrie und vibrierte, als säße man direkt auf dem laufenden Motor eines Traktors. Ich tapse wieder hinab, tauche ein in die Museumsstille. Sechs Besucher mit mir und genauso viel Personal um uns herum unter der lichten Dachkonstruktion. In einem Eck sind zwei Sarkophage zu entdecken, in ihnen je ein Skelett. Die Gebeine, seht nur, sind mühselig fein mit Draht verknotet wiederaufbereitet worden. Die trage ich auf dem Nachhauseweg in meinem Kopf mit mir herum.