Zur Verhandlung ist der Dieb über die Moabiter Geheimgänge in den Gerichtssaal geführt worden, er wird hinter einer Barriere platziert, die ihm erschweren soll zu fliehen. Ein Justizbeamter in Uniform bewacht die Saaltür.

Der Angeklagte ist ein großer, schwerer Mann mit gut geschnittenem Haar und ehrlichem Handwerkergesicht, es sieht nicht so aus, als hege er Fluchtgedanken. Er ist Pole und hat einen Dolmetscher.
Die Richterin interessiert sich dafür, wo Bogdan M. gewohnt hat in Berlin, bevor man ihn festnahm. Unterschiedlich, sagt er, bei Freunden, und die Richterin sagt: Ist doch schön, wenn man viele Freunde hat.

Die Richterin ist gern ironisch, wenn sie ungefähre Antworten bekommt, Bogdan M. war ein Mann ohne Adresse. Was er in Berlin gemacht hat, will sie wissen, und Bogdan sagt, auf’m Bau. Und was in Göttingen, Ulm, Tübingen, Stuttgart? Dasselbe, sagt der Mann. Dass er in den Städten auch Wodka geklaut hat, sagt er nicht. Bogdan M. ist achtmal einschlägig vorbestraft, die Strafen wurden immer strenger, summierten sich, und endlich hatte er zehn Monate Gefängnis auf dem Konto, die darf er nun absitzen.

Als die Anklage verlesen ist, bietet die Richterin dem Manne an, er könne sich zu dem Vorwurf äußern, wie es Sitte ist vor Gericht. Freilich kann er es auch bleiben lassen. Bogdan M. steht auf, streckt die Arme gen Himmel und öffnet sie weit, große Geste, Blick nach oben: Ich gebe alles zu. Setzt sich. Fertig. Auftritt beendet.

Das war ein Geständnis, man könnte Bogdan M. verurteilen, abführen, den Fall zu den Akten legen. Aber so eilig hat es die Richterin nicht, ein kleiner Läuterungsversuch muss sein, so knapp vor Jahresende. Tolle Empathie, kommentiert sie, tut mir leid, äfft sie nach, ich geb’s ja zu … Noch besser wäre, Sie würden es nicht mehr machen, schimpft sie. Warum klauen Sie immer wieder?
Keine Geld, sagt der Pole auf Deutsch.

Ich könnte ja verstehen, wenn Sie Hunger hätten, aber warum Wodka? – Ich war durstig. – Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass es Wasserhähne gibt? – Wasser hat keine Prozente. – Wie viel brauchen Sie am Tag? – Eine Flasche, halber Liter. – Seit wann trinken Sie? – Lange, lange. – Wie soll es weitergehen?

Die Richterin gibt sich die Antwort gleich selber: Strafe absitzen, raus, wieder klauen, neue Strafe, wieder rein. Sie sind 51, soll es das gewesen sein? – Neineinein.

Das traurige Leben eines Alkoholikers, die Richterin malt aus, es könnte sogar blutig enden. Dass man Opfer einer Straftat wird, eventuell: Man ist betrunken, gerät in Streit, plötzlich ist da ein Messer, ein Stecken oder man kriegt eine Bierflasche über die Rübe, und ratzfatz ist man tot.

Ich lebe schon so viele Jahre, mir ist so etwas noch nicht zugestoßen, sagt Bogdan M.
Himmelherrgottnochmal.

Ob er denn jetzt, im Gefängnis, trinkt, will die Staatsanwältin wissen. Tut er nicht. Wie es ihm geht. Gut. Ob es ihm auch mal schlecht ging. Ja, am Anfang. Ob er den Alkohol vermisst. Schon. Die Staatsanwältin findet eine kurze Freiheitsstrafe unausweichlich, sie beantragt zwei Monate. Die Verteidigerin ist der Meinung, ein Monat reiche aus. Selbst wenn Sie sechs Monate verhängen, sagt sie, Sie werden diese Perspektive nicht ändern. Ihren Mandanten belehrt sie: Sie dürfen ja saufen. Sie dürfen den Alkohol nur nicht klauen.

Bogdan M. hat das letzte Wort. Ich möchte mich bedanken, sagt er. Wofür? Die Richterin schickt Bogdan M. für zwei weitere Monate hinter Gitter und hält ihm eine Standpauke, in der Wörter wie Perspektivlosigkeit, Passivität und kampflos vorkommen. Sie haben überhaupt keine Idee, wie Sie aus diesem Hamsterrad herauskommen, wirft sie ihm vor. Gefängnis, weiß sie, ist auch keine: Das einzige, was wir erreichen, ist, dass Sie in der Zeit im Knast keinen Wodka bei Lidl klauen.

Der Angeklagte nimmt es gleichmütig. Es ist Winter, im Gefängnis ist es warm, und es gibt zu essen. Bogdan M. hat keine Familie, niemanden. Und die besagten Freunde vermutlich auch nicht.