Überraschungen im Untergrund in Berlins Mitte? Unerwartet marode Bausubstanz der Staatsoper? Unbekannte Schadstoffe im Mauerwerk? Nein, sagt der Architekt Gerhard Spangenberg, der 2001 im Auftrag des Landes Berlin die erste Zielplanung über eine Sanierung des wegen katastrophaler baulicher und Brandschutzmängel von der Schließung bedrohten Hauses vorlegte. Nein, sagt auch Klaus Wichmann, der fünfzehn Jahre lang technischer Leiter des Opernhauses an der Straße Unter den Linden war. So knapp und klar kann man das Ergebnis der ersten Zeugenbefragung durch den Untersuchungsausschuss Staatsoper des Berliner Abgeordnetenhauses zusammenfassen.

Über vier Stunden lang haben die Vertreter der fünf im Abgeordnetenhaus vertretenen Fraktionen die vor den Ausschuss geladenen Zeugen angehört. Bis auf einige unkonzentrierte Beiträge der Piraten geschah das erfreulich konzentriert und professionell. Keine der Fraktionen lässt durch ihre Fragen Zweifel daran aufkommen, dass die Verdoppelung der ursprünglich geplanten Kosten auf derzeit 400 Millionen Euro das Ergebnis einer unseriösen Planung war. Man hätte es wissen müssen.

Schwappiger Untergrund

Die Entstehung der zahlreichen Um- und Anbauten des im Jahr 1742 von Knobelsdorff errichteten Opernhauses waren bekannt. Die Pläne oder statischen Kommentare der ersten Generalsanierung aus den 1920er-Jahren lagen vor. Und der prekäre Wiederaufbau des im Krieg zerbombten und mehrfach ausgebrannten Gebäudes in den 1950er-Jahren war auch kein Geheimnis. „Wir wussten das“, sagte der Architekt Spangenberg.

Auch dass ein Teil des Hauses auf dem einst aufgeschütteten Festungsgraben stand, floss in dessen Planung ein. „Der berühmte schwappige Untergrund mit den Moorlinsen war ziemlich genau bekannt und war immer wieder Thema im Gespräch mit Fachleuten.“ Auf 200 Millionen Euro veranschlagte das Gutachten die Kosten. Ein Betrag, der in der Verwaltung als nicht vermittelbar galt.

Nur durfte Spangenberg darüber und die anderen Inhalte seines Papiers nicht sprechen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse lief laut Vereinbarung ausschließlich über die Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen. Die aber ließ das Gutachten in der Schublade verschwinden und verschwieg dessen Erkenntnisse. Ein Jahr Arbeit umsonst. Die Verbitterung darüber ist Spangenberg noch anzumerken. Zu dem späteren Wettbewerb war sein Büro nicht mehr zugelassen. Er wurde ausgeschlossen. So sieht das der Architekt.

Der Öffentlichkeit hingegen hat die verantwortliche Senatsbaudirektorin Regula Lüscher in der Vergangenheit jede Unwägbarkeit als unvorhersehbares Ereignis präsentiert – und hält somit die Verantwortung für die absurde Kostensteigerung vom Senat fern. Klaus Wichmann ärgert diese Unehrlichkeit. Hätte man den Bau sorgfältiger vorbereitet, wären die meisten Hindernisse eben nicht mehr unvorhersehbar gewesen, sagt er. Klaus Wichmann weiß viel, und er trägt dieses Wissen in knappen, klaren Worten vor.

So seien die in 16 Meter Tiefe vorgefundenen Holzpfähle schon in den 1920er-Jahren dokumentiert gewesen. Damals hat man für die erste Generalsanierung die Pflöcke einfach tiefer in den Boden gestampft. Frage der SPD-Fraktion: „Wo sind diese Unterlagen?“ Wichmann: „Ich habe sie – und ich hoffe doch das Landesarchiv.“

Den Bau eines gewaltigen Tunnels im morastigen Grund, etwa für den Transport der Kulissen vom Magazin zur Oper, hatte der Technische Leiter gemeinsam mit dem damaligen Geschäftsführer der Staatsoper und heutigen Generaldirektor der Opernstiftung, Georg Vierthaler, 2007 aus Kostengründen verworfen. Noch im selben Jahr löste die Intendanz Wichmanns Vertrag auf und versetzte ihn in den Ruhestand. Dabei sollte er sich ursprünglich als Generalbeauftragter der Oper um die Sanierung kümmern. Eine Zusage des Senats gab es bereits. Doch es kam anders – mit bekanntem Ausgang: Der Tunnel wurde wider besseres Wissen, unter hohen Kosten und mit enormem Zeitaufwand gebaut.

Es ist nichts grundsätzlich Neues, was in der Anhörung bekannt wird. Doch so konzentriert vorgetragen, wird deutlich, dass hier ein Projekt unter Vorgabe falscher Kosten und Zeitvorgaben politisch durchgedrückt wurde. Dafür spricht auch die Befragung des dritten Zeugen, Tessen von Heydebreck, der für den Verein der Freunde und Förderer der Staatsoper geladen wurde.

Nur mit der Zusage des Vereins, 30 Millionen Euro zur Sanierung beizutragen, konnte der Kultursenator und Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit das Projekt durchsetzen. Gekommen sind von den Staatsoper-Freunden am Ende drei Millionen. Von einer zehnmal höheren, „rechtsverbindlichen“ Zusage will Heydebreck nichts wissen. Auch wenn eine von den Grünen verlesene Pressemitteilung des Vereins aus dem Jahre 2006 anderes verkündet. „Ich erinnere mich nicht“, ist denn auch die häufigste Antwort Heydebrecks.

Bis Mitte 2016, pünktlich vor dem Beginn des Berliner Wahlkampfs, soll der Ausschuss seine Arbeit beendet haben. Ob aus diesem Skandal, wie jetzt alle Parteien beteuern, Lehren für die Zukunft gezogen werden, möchte man bezweifeln. Der Schaden für das Ansehen der Berliner Politik aber ist zweifellos enorm.