Das March-Matriarchat in Greta Gerwigs „Little Women“ (im Uhrzeigersinn): Mutter Marmee (Laura Dern) und die Töchter Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh), Beth (Eliza Scanlen) und Jo (Saoirse Ronan).
Foto: Sony Pictures 

BerlinHier muss jetzt etwas verraten werden, nämlich das Ende von Greta Gerwigs Film „Little Women“. Es geht nicht anders, weil dieses Ende so schön klarmacht, dass es in der Verfilmung des gleichnamigen Romans ebenso sehr um das Buch geht wie um dessen Autorin Louisa May Alcott. Und warum es überhaupt kein Widerspruch ist, dass die Regisseurin und Schauspielerin Greta Gerwig, die nach sehr jetztzeitigen Filmen wie „Frances Ha“ zur Ikone der Generation Y erklärt wurde, für ihre zweite Regiearbeit einen 150 Jahre alten Stoff gewählt hat – die über sieben Jahre hinweg erzählte Geschichte von vier Schwestern in der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs, ihrem Alltag, ihren Träumen, ihrem Erwachsenwerden.

Also, gleich ist es raus: In Gerwigs „Little Women“ bleibt Jo March, die rebellischste und eigenwilligste der Schwestern, unverheiratet. Das wurde übrigens in Amerika, wo der Film seit Dezember in den Kinos ist, auch in so gut wie jeder Besprechung ausgeplaudert. Dort kennen allerdings, anders als hier, viele Menschen den Plot des Romans, der auf Deutsch „Betty und ihre Schwestern“ heißt. Wer sich etwas mehr mit der Entstehungsgeschichte dieses geliebten und oft verfilmten Klassikers der amerikanischen Literatur beschäftigt hat, weiß auch, dass Louisa May Alcott ihre Heldin eigentlich nicht verheiraten wollte; sie tat es, weil sie glaubte, der Konvention und den Erwartungen ihrer Leser entsprechen zu müssen.

Die Oscarnominierung für beste Regie blieb aus

„Ich wollte ihr ein Ende geben, das sie gemocht hätte“, hat Greta Gerwig in einem Podiumsgespräch mit der Directors’ Guild gesagt. Es ist, als ob sie sich die Hand reichen, über die Jahrzehnte hinweg. Gerwig, 36, zeigt Alcott, die genau so alt war, als sie begann, „Little Women“ zu schreiben, für welche Veränderungen Frauen wie sie den Weg geebnet haben. Eine Filmheldin darf jetzt am Ende unverheiratet bleiben – und eine Frau kann ihre Vision auf die Leinwand bringen und dafür fünf Oscar-Nominierungen bekommen, wie soeben Gerwig. Dass „Little Women“ – in Deutschland ab 30. Januar in den Kinos – in der Kategorie „Beste Regie“ unbeachtet blieb, gilt allerdings als weiterer Beweis dafür, dass das Filmbusiness immer noch weitgehend ein Club weißer Männer ist.

Mit Gerwigs Filmende rückt die Geschichte näher an Louisa May Alcotts Leben heran. Auch die Schriftstellerin ist unverheiratet und kinderlos geblieben. „I’d rather be a free spinster and paddle my own canoe“, sie wäre liebe eine alte Jungfer, die ihr eigenes Ding macht, so prägnant hat Alcott ihren Wunsch nach einem selbstbestimmten, nicht vom Vermögen und Willen eines Ehemannes abhängigen Leben in ihrem Tagebuch formuliert. Greta Gerwig lässt Jo den Satz im Film sagen.

Tatsächlich gibt es viele Parallelen zwischen Jo March und ihrer Schöpferin Louisa May Alcott: Auch sie war die zweitälteste von vier Schwestern und wuchs in relativer Armut auf, mit fortschrittlich denkenden Eltern, die gegen Sklaverei und Prügelstrafe in der Schule waren. Auch Alcotts Familie musste jahrelang ohne den Vater auskommen, der im Bürgerkrieg war, und ihre jüngere Schwester starb mit Anfang 20. Susan Cheever, die eine Biografie über Louisa May Alcott geschrieben hat, bezeichnet „Little Women“ als erste Autofiktion – jene Mischung von Autobiografie und Fiktion, die mit Autoren wie Édouard Louis, Rachel Cusk oder Ocean Vuong gerade viel beachtet ist.

Louisa May Alcott allerdings machte ihr Leben nur widerstrebend zum Thema. Sie hatte bis dahin Geld mit Melodramen und anderen Auftragsarbeiten verdient, und nun verlangte ihr Verleger in Boston eine Geschichte für junge Mädchen. „Ich habe Mädchen nie gemocht und kenne kaum welche, meine Schwestern ausgenommen“, beschwerte sie sich in ihrem Tagebuch. Trotzdem begann sie im Mai 1868 zu schreiben, und notierte im August: „Es liest sich besser, als ich erwartet habe. Nichts Sensationelles, aber einfach und wahr, das meiste haben wir selbst erlebt.“

Louisa May Alcott mit Ende 20, als sie mit Auftragsarbeiten als Autorin schon Geld verdiente.
Foto: Bettmann

Es war nicht der Roman, den Louisa May Alcott gern geschrieben hätte. Vor allem war es anders als das, was die Schriftsteller schrieben, die sie kannte und mit denen sie aufgewachsen war. Louisa May Alcott verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Concord, jenem Städtchen in Massachusetts, das im 19. Jahrhundert zu einer Art amerikanischem Weimar wurde: Ab 1840 kamen dort Autoren zusammen, die von ähnlichen, für die Zeit unkonventionellen Ideen bewegt waren, Nathaniel Hawthorne gehörte dazu, Henry David Thoreau, Margaret Fuller und Ralph Waldo Emerson.

Emerson holte dazu und förderte, wen er mochte, auch Louisa May Alcotts Vater, ein Schriftsteller, Schulgründer und Idealist mit strikten Überzeugungen. Nach drei Jahren in Concord zog die Familie in die von Alcott gegründete Kommune „Fruitlands“, in der man gegen Privateigentum und die Ausbeutung von Tieren in jeder Form war, weswegen es nur vegane Kost und Bekleidung aus Leinen gab. Nach dem ersten Winter wurde das Experiment abgebrochen, ein paar unstete Jahren später zogen die Alcotts nach Concord zurück. Louisa May Alcott schrieb da schon, verkaufte erste Gedichte. Der Entschluss, Schriftstellerin zu werden, rührte auch daher, dass sie die finanzielle Not der Familie lindern wollte. Das Werk, das sie von ihren Geldsorgen dann für immer befreite, war ausgerechnet eines, das sie gar nicht hatte schreiben wollen. „Little Women“ wurde sofort ein Erfolg, sie tat es ab als „Moralbrei für die Kleinen“.

Die Realitäten eines Frauenlebens im 19. Jahrhundert

Das war es nie – zwar sind am Ende alle weiblichen Hauptfiguren entweder verheiratet oder tot, wie es in einem anständigen Roman zu sein hatte. Im Kopf bleibt aber die Vehemenz, mit der sich die angehende Schriftstellerin Jo March den Erwartungen an Weiblichkeit und Häuslichkeit verweigert. Und es bleiben Sätze und Dialoge, die einen so unvermittelten Einblick in die Realitäten eines Frauenlebens im 19. Jahrhundert geben, dass man meint, durch ein Schlüsselloch in jene Zeit zu blicken. Da ist etwa das Gespräch, in dem Jos Mutter ihr sagt, dass sie sie gut verstehe, weil sie ihr eigentlich ziemlich ähnlich sei. „Aber du bist nie wütend“, sagt Jo. „Ich bin fast jeden Tag meines Lebens wütend“, antwortet die Mutter.

Der feministische Subtext wurde von der Literaturwissenschaft seit den 70er-Jahren zunehmend entdeckt, Mädchen, die sich mit der widerspenstigen Jo identifizierten, gab es aber in jeder Generation. Simone de Beauvoir, Doris Lessing, Hillary Clinton, Joanne K. Rowling – sie alle haben sich irgendwann zu Jo-March-Fans erklärt. Die Musikerin Patti Smith schreibt im Vorwort einer „Little Women“-Ausgabe, wie ihr als Kind dieses Mädchen, das auch nicht war wie die anderen, Halt gab. Greta Gerwig sagt, sie habe das Buch so oft gelesen, dass sich Meg, Jo, Amy und Beth wie ihre Schwestern anfühlten.  Und die Fotografin Annie Leibovitz hat für ihr Buch „Pilgrimage“, in dem sie Orte in Amerika zeigt, die ihr wichtig sind, Louisa May Alcotts Haus in Concord besucht. Auch Gerwig hat in Concord gedreht, ein immer noch idyllischer Ort. Weil Alcotts Zuhause zu fragil ist für lange Dreharbeiten, hat sie es nachbauen lassen. Die Film-Jo lebt also an dem Ort, an dem ihre Schöpferin sie erfunden hat – und verschmilzt noch ein Stück mehr mit ihr.