Sie waren die Weltbürger. Das neue Berlin. Sie waren auf der richtigen Seite. Sie nahmen Leuten die Wohnung weg, aber mit besten Absichten.
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BerlinJennifer lag auf dem Fußboden und lauschte. Sie hörte nichts. Sie liebte Ruhe, aber die Stille dort unten klang wie ein Vorwurf.

Vor zehn Tagen, am dritten Advent, war die Tür der Wohnung unter ihnen zugefallen. Es hatte endgültig geklungen, abschließend, ohne dass sie hätte sagen können, warum. Der Mann in der Wohnung war nie laut gewesen. Manchmal schien er etwas umzuschichten. Neu zu sortieren. Manchmal klang es, als würde er sich seine Stiefel ausziehen und sie fallen lassen, vielleicht von einem Hochbett. Sie stellte sich vor, dass er in seinen Sachen schlief. Er schien nie Besuch zu haben, dennoch bildete sie sich ein, manchmal Sexgeräusche zu hören, ein unterdrücktes, lustvolles Stöhnen. Wenn er telefonierte, verließ er das Zimmer, sie hörte immer nur den Anfang des Gesprächs, Begrüßungsfloskeln.

Manchmal hörte sie einen Song, den er, so stellte sie sich das vor, entdeckte oder wiederentdeckte. Er hörte ihn dann ein paar Mal, halblaut. Meist waren es Frauenstimmen. Michelle Shocked, Lana Del Rey, Suzanne Vega, Cat Power, First Aid Kit, Stevie Nicks. Manchmal hielt sie die Shazam-App an die Dielen, um die Sängerin zu erkennen. Zuletzt hörte er viel Cigarettes After Sex, eine Band, deren Sänger zumindest klang wie eine Frau. Es gab eine neue Platte. Der erste Song hieß: „Don’t Let Me Go“. Natürlich hielt sie das jetzt für eine Botschaft. Am dritten Advent war die Musik verstummt.  
Der Mann hieß Kowalski, an seinen Vornamen erinnerte sie sich nicht.

„Alles okay, Jen?“, fragte Ludwig, als er aus der Küche ins Wohnzimmer kam. Es klang ein bisschen besorgt. Sie mochte diese besorgte Stimme nicht. Sie mochte es auch nicht, wenn Ludwig ihren Namen aussprach, als käme sie aus Tennessee und nicht aus Frankfurt am Main. Dschönn.

Ludwig hatte ihr in der Woche zwischen dritten und viertem Advent erzählt, dass er Kowalski gerade kündigt habe. Sie war überrascht, wenn auch nur ein wenig. Sie hatten ein paarmal darüber geredet, eine Spinnerei eher: Wir schneiden ein Loch in den Boden und nehmen uns Kowalskis Wohnung dazu. Sie würden auf zwei Etagen leben, eine Treppe, die man im Morgenmantel herunter stolzieren könnte wie Johannes Heesters. Dann geh ich ins Maxim, hatte Ludwig gesungen. Sie hatte gelacht. Das Haus gehörte ihnen. Die Kündigung steckte jetzt in Kowalskis Briefkasten. Sie dachte jedesmal daran, wenn sie dort vorbeilief.

Kowalski war der Einzige im Haus, der keinen Aufkleber hatte, der darum bat, keine Werbung einzuwerfen. Sie fand das sympathisch. Es passte zur Musik, die er hörte. Kowalski war auch der einzige im Haus, der noch rauchte. Sie schnüffelte am Parkett, aber sie roch nichts außer dem leicht nussigen, kreidigen Geruch der spermafarbenen Seife, mit der Irina, ihre Putzfrau, die Lärchendielen wusch. Der letzte Raucher hatte das Haus verlassen.  

„Ich höre nix“, sagte sie.
„Was?“, fragte Ludwig.
„Kowalski“, sagte sie.
Sie stand auf. Er sah sie fragend an.
„Meinst du, er hat die Kündigung schon gelesen?“, fragte sie.
„Wenn, dann arbeitet er jetzt an der Entgegnung“, sagte Ludwig. „Ich freu mich schon drauf.“

Er hatte eine Mappe mit den Beschwerdebriefen aufgehoben. In einem hatte Kowalski auf zwei Seiten die Form des Loches beschrieben, das in den zwei Jahren in seiner Decke entstand, in denen sie das Dach ausbauten. Es hatte zunächst die Form der Insel Usedom gehabt, schrieb Kowalski, später die von Madagaskar. Er hatte die Jahreszeiten in diesem Loch vorbeiziehen sehen, behauptete Kowalski, er hatte beobachtet, wie der Rauch seiner Zigaretten in dem Loch verschwand, das dicker wurde, zu Sardinien erst, dann zu Sizilien.

Kowalski war Heimerzieher gewesen, er hatte eine Kindertheatergruppe geleitetet, einen Jugendklub, er hatte die Liebe seines Lebens verloren, die in einer Band gesungen hatte, für die er Texte geschrieben hatte. Sie war mit dem Sänger durchgebrannt. Sie hieß Lisa. Die Band hieß Luftschloss, der Sänger Lars. Lisa wollte nie Kinder, dann bekam sie gleich zwei nacheinander mit dem neuen Mann. Es hatte Kowalski aus der Bahn geworfen, obwohl auch er eigentlich nie Kinder gewollt hatte.

All das stand in den Beschwerdebriefen, die er an die Hausverwaltung schrieb. Er hatte drei Marmeladengläser mit dem Material gefüllt, das aus seiner Decke rieselte. Seine Plattensammlung war bei einem Wasserschaden beschädigt worden. Darunter das Weiße Album der Beatles, das er Ende der 80er-Jahre für 250 Ostmark auf einem Schwarzmarkt in Kolobrzeg gekauft hatte. Das war eine Stadt an der polnischen Ostsee, wo Kowalski Mitte der 80er-Jahre ein Ferienlager besucht hatte. Im Herbst ’89 war er nach einer Demonstration durch das Stadtzentrum von Neustrelitz eine Nacht inhaftiert worden.

Er hatte dem Beschwerdebrief drei Blätter aus einer Akte beigelegt, die die Staatssicherheit über ihn angelegt hatte, als er Student an einem Lehrerbildungsinstitut gewesen war. Es blieb Jennifer unklar, worum es auf diesen Blättern ging, und wer eigentlich woran schuldig war.

Kowalski war seit fünfzehn Jahren in psychiatrischer Behandlung. Er hatte der Hausverwaltung die Medikamente aufgelistet, die er nahm. Upper und Downer. Sie kannten auch die Nebenwirkungen. Die Hausverwaltung, die Ludwig beschäftigte, saß in Zeesen bei Berlin. Sie wussten dort, dass Kowalskis Vater, der in einem Dorf in Mecklenburg lebte, mit schweren Herzproblemen zu kämpfen hatte, und seine Schwester nach einem Motorradunfall im Rollstuhl saß, im gleichen Dorf, in dem sein Vater wohnte. Sie kannten in Zeesen sogar den Blutalkoholgehalt des Mannes, der den Unfall verschuldet hatte. 2,8 Promille.

Aus all diesen Dingen hatte Kowalski sich eine Mietminderung errechnet, die ihn am Ende die Wohnung kosten würde. Er hatte einfach nur noch die Hälfte seiner Miete bezahlt, er hatte nicht auf Mahnungen reagiert. Er hatte sich im Recht gefühlt. Ein Opfer der Zeiten und Umstände. Der grundsätzliche Beschwerdebrief trug den Namen eines Songs vom Weißen Album als Überschrift: Ob-La-Di, Ob-La-Da.

Wovon Kowalski lebte, ging aus dem Schreiben nicht hervor. Er musste Mitte fünfzig sein. Zehn Jahre älter als sie. So alt wie Ludwig. Man traf ihn selten außerhalb seiner Wohnung, und wenn, trug er eine Baseballkappe und eine Brille mit dickem schwarzen Rahmen.  

„Wann muss er denn raus?“, fragte Jennifer.
„Er ist schon über zehn Jahre Mieter. Er hat eine Frist von neun Monaten“, sagte Ludwig. „Im August. Ich habe schon Zeichnungen machen lassen. Wir könnten dort die Bibliothek einrichten.“
„Die Bibliothek?“, fragte sie.
„Oder ein Gästezimmer“, sagte Ludwig.

Ludwig hatte weder Gäste, die über Nacht blieben, noch Bücher, dachte sie. Er machte das für sie. Er opferte ihr Kowalski. Er befriedigte ihren ganz persönlichen Eigenbedarf. Mit einer Bibliothek. Sie hatte Literaturwissenschaften studiert. Er schenkte ihr die Kündigung zu Weihnachten.  
„Soll ich Pullover oder lieber ein Hemd anziehen?“, fragte er.
„Hemd“, sagte sie.

Sechs Stunden später, nachdem alle aus der Kirche wiedergekommen waren, zeichnete Ludwig mit einem Kreidestück, das er sich offenbar für diese Gelegenheit besorgt hatte, für ihre späten Weihnachtsgäste einen Kreis aufs Parkett, dorthin, wo er die Treppe einbauen würde.

Es waren befreundete Paare, nur für einen Weihnachtsdrink. Kai und Vera. Boris und Jana. Tim und Paula. Keine Familie. Vera und Kai sowie Boris und Jana hatten Söhne, die eine gemeinsame Klasse einer internationalen Schule besuchten und auf Klassenfahrt in der Schweiz waren. Tim und Paula wohnten im zweiten Stock, wo ihre beiden Töchter einen Weihnachtsfilm sahen. Sie und Ludwig hatten keine Kinder. Erst noch nicht, jetzt nicht mehr. Ludwigs Vater lebte in der Schweiz, ihre Mutter in Frankfurt.
Es war kurz vor zehn.

Ludwig war für das Essen zuständig, Jennifer für die Musik. Carpaccio aus Winterkabeljau, Salat aus grünem Spargel, Orangen und frittiertem Grünkohl. Ein paar Weihnachtslieder, die dann in Christmaspop übergingen und schließlich in den Frauenchor, der von Kowalski inspiriert war. Mazzy Star, Dixie Chicks, Shelby Lynne, Adele, Joan Baez, Lucinda Williams.    

„Und was passiert mit Kowalski?“, fragte Paula aus dem zweiten Stock.
„Dem mussten wir kündigen“, sagte Ludwig.
Wir, dachte Jennifer, sagte aber nichts.
„Du weißt ja“, sagte Ludwig.
Paula nickte, als wisse sie es wirklich. Vielleicht fand sie Kowalski seltsam. Vielleicht fanden ihre Töchter Kowalski seltsam. Spooky. Weird. Creepy. Ein Gespenst. Ein Untoter.
Boris fragte: „Wer ist Kowalski?“
Tim sagte: „Gute Frage.“

Ludwig zitierte aus den Beschwerdebriefen. Seltsamerweise ergab sich aus dem Exposé, das Kowalski geschrieben hatte, um seine Mietminderung zu begründen, aus dem Weihnachtsgefühl, der Stimmung des Weißen Albums und dem, was man so wusste über Mecklenburg-Vorpommern und seine Bevölkerung, eine gewisse Logik, geradezu eine Zwangsläufigkeit, die Kowalski zurücktrieb in seine alte Heimat, wo der kranke Vater lebte und die verunglückte Schwester und der Winterwind über verlassen Landschaften fegte. Es schien so, als sei es besser so. Für alle.  

Ob-La-Di, Ob-La-Da
Life goes on, bra.
La-la, how the life goes on.
Sie standen um den Kreidekreis, der Ludwig und ihr den Weg in Kowalskis Welt öffnen würde, wie um ein Lagerfeuer.
„Es lohnt sich jedenfalls kaum noch, eine Wohnung zu kaufen“, sagte Kai.
„Mit dem Mietendeckel“, sagte Vera, seine Frau.

Sie hatten vor zwei Jahren eine Vier-Zimmer-Wohnung in Pankow gekauft, nachdem Kai eines dieser Sachbücher über einen unmittelbar bevorstehenden Finanzcrash gelesen hatte. Jetzt hing ihm die Wohnung wie eine Stahlkugel am Bein, sagte er. Die Familie, die dort wohnte, war jünger als sie. Drei Kinder, ein Park vor der Tür, und wie es aussah, würde der Fluglärm über Pankow demnächst auch noch stoppen. Die Miete war gedeckelt, die würden nie ausziehen.

Wahrscheinlich dachten sie über ein viertes Kind nach. Kai wünschte sich bestimmt, dass dieser verdammte BER nie aufmachen würde. Seine Frau Vera redete von Schmiergeldern und illegalen Untermietverhältnissen, von einem Berliner Wohnungsschwarzmarkt.

„Außerdem werden Investoren abgeschreckt“, sagte Kai. „Internationale Investoren.“
Alle wussten, dass er nur von der Wohnung in Pankow redete, aber es war Weihnachten, und so unterbrach ihn niemand.

Jennifer dachte, wie seltsam es war, dass dieser Mietendeckel ausgerechnet Kowalski auf den Kopf gefallen war, den er doch, wenn sie es richtig verstand, eigentlich schützen sollte.

Paula spielte ihnen auf dem Handy den neuen Trailer der BVG vor, in dem die Berliner Unzulänglichkeit gefeiert wurde. Sie schienen stolz darauf zu sein, dass sie zu spät kamen, dass ihre Fahrkartenautomaten nicht funktionierten und ihre Busfahrer den Leuten die Tür vor der Nase schlossen. Eine Fremdheit befiel Jennifer, hier in der Stadt, hier in diesem Stadtbezirk, in diesem Wohnzimmer, an diesem Kreis. Sie fühlte sich wie einer dieser Stadtmenschen in Stephen Kings Romanen, die auf Indianerland siedelten. Unter sich, unter diesem Kreis, verborgenes Leben, Flüche, vor Jahrhunderten ausgesprochen, die sie nun einholten.

„Vielleicht sollte man in Mecklenburg kaufen“, sagte Tim.
„Oder in Lichtenberg“, sagte Boris.
Kai lächelte bitter. „Das ist doch das Harlem Berlins. Seit fünfzehn Jahren höre ich, Lichtenberg kommt jetzt. Aber ich kenn keinen, der dort wohnt.“
„Wir kennen doch nicht mal jemanden, der in Weißensee wohnt“, sagte Vera.

„Der Salat ist übrigens sensationell, Jenny“, sagte Jana.
„Danke“, sagte sie. „Den hat der Ludwig gemacht.
Ludwig nickte es weg mit seiner Ludwigbescheidenheit.
„Am Ende ist gut, dass du die Wohnung in Pankow hast, Kai, glaub mir. Ich hab einen Text über die beiden Männer gelesen, die den nächsten Crash ankündigen“, sagte Boris.

„Der größte Crash aller Zeiten“, sagte Kai. Er sah seine Frau an. Sie nickte. Wahrscheinlich lasen sie sich das Buch gegenseitig vor. Zehn Seiten Weltverschwörung, bevor sie die Nachttischlampen ausschalteten.

„Genau“, sagte Boris. „Da war ich kurz davor, mir irgendein Stück Land zu kaufen. Irgendeins. Oder ein paar Uhren.“
„Einen alten Porsche“, sagte Kai.

Jana nickte, Boris’ Frau. Sie rechneten alle mit dem Weltuntergang. Der Boden würde sich unter ihnen öffnen, und sie würden in die Unterwelt rutschen, in Kowalskis Welt. Jennifer sah auf den Kreidekreis. Sie fragte sich, ob sie die Fußbodenheizung beschädigen würden, wenn sie ein Loch in ihre Dielen schnitten.
„Land“, sagte Tim. Und dann noch mal. „Land.“

Es würde nicht lange dauern, da wären sie bei den 20er-Jahren in Berlin. Weimarer Republik. Die neue Staffel von „Babylon Berlin“. So wichtig. Der Wahlsieg von Boris Johnson. Trump. Orbán. Höcke und dieser kleine Pole. Österreich. Italien. Der brennende Regenwald. Der Niedergang der SPD, an der sie klebten wie an der großen Samstagabendshow. Weimarer Verhältnisse. Alles ging wieder los.

Dann würde ihre Rolle beginnen. Keine Sprechrolle. Sie war die Frau, die durchs Bild lief. Die geheimnisvolle Fremde. Jennifer Grünberg.
Sie trug einen Nachnamen, den ihr Vater von seiner ersten Frau mitgebracht hatte. Jennifer war weder Jüdin noch Amerikanerin. Sie hatte vergleichende Literaturwissenschaft an der Duke University in North Carolina studiert. Das war alles. Ludwig hatte ihren Namen angenommen. Er trug ihn wie einen Titel. Wie ihre Frankfurter Klassenkameraden, die von ihren Eltern Sarah, Hannah, Benjamin und Simon genannt worden waren. Einen Schlussstrich ziehen, gute Absichten zeigen, neue Deutsche sein.

Sein Großvater war Wehrmachtsoffizier gewesen, aber Ludwig hatte sich um die beiden Stolpersteine vor ihrem Haus bemüht, als erinnerten sie an das Schicksal seiner Familie. Als sie sie ins Pflaster setzten, hatte sie ihn zum ersten Mal weinen sehen. An ihrem Klingelschild stand J & L Grünberg. Vielleicht hatte schon ihr Vater seine erste Frau wegen dieses Namen geheiratet, dachte Jennifer. Um in der neuen Welt anzukommen.

Er hieß Hans-Peter. Jeder stellte sich seine kleine Geschichte zusammen. Ihr Doktorvater an der Duke University war Ariel Dorfman gewesen, ein argentinischer Jude, der im sozialistischen Chile zusammen mit Salvador Allende gearbeitet hatte. Kurz bevor Pinochet alles zerschlug. Auch diese Erfahrung trug ihre Figur durch die Kulissen dieser kleinen Prenzlauer Berger Weihnachtsgeschichte.

Sie waren die Weltbürger. Das neue Berlin. Sie waren auf der richtigen Seite. Sie nahmen Leuten die Wohnung weg, aber mit besten Absichten. Ihr Eigenbedarf war gut begründet. Jennifer dachte an die drei Blätter aus Kowalskis Stasi-Akte, mit der der Mann dort unten seine historische Rolle beschreiben wollte.  

„Wie auch immer, nächste Weihnachten können wir schon die Treppe herunterschlendern wie Heesters“, sagte Ludwig.  
„Was wollt ihr denn dort unten machen“, fragte Paula.
„Jen?“, fragte Ludwig.

Sie sahen sie an, als würde sie doch noch mit einer überraschenden Kindernachricht kommen. Ein Weihnachtsgedanke. Endlich ein Kinderzimmer. Die Krippe auf Kowalskis Etage. Sie wollte kein Kind. Sie wollte auch keine Bibliothek.

„Heesters war ein Nazi“, sagte sie.
„Was?“, fragte Ludwig.
Sie hörte ihn atmen.
„Ich glaube, das stimmt so nicht“, sagte Vera. „Hitler hat ihn nur ein paarmal als Graf Danilo in der Lustigen Witwe gesehen. In München.“
„Nur? Ich finde, das reicht“, sagte Jennifer.

Ludwig sah sie an, verständnislos, aber auch unendlich traurig. Sie mochte sein Geschenk nicht. Sie mochte die ganze Geschichte nicht. Ihre Geschichte. Er trug einen seiner engen schwarzen Pullover, obwohl sie sich doch ein Hemd gewünscht hatte. Seine Pullover waren zu eng, weil er annahm, man sehe so, dass er dreimal die Woche ins Fitnesscenter ging. Man sah nur Verzweiflung, einen Mann, der sich gegen sein Alter stemmte.  

„Ich geh mal kurz nach den Latkes gucken, Ludwig“, sagte sie.
„Wonach?“, fragte Jana.
„Ein Witz“, sagte Ludwig.
„Ach so“, sagte Jana, lachte aber nicht.

Jennifer ging ins Bad. Sie betupfte sich die Schläfen mit kaltem Wasser. Sie sah in den Spiegel. Sie wartete. Als sie zurück in den Flur trat, hörte sie ein Geräusch aus der Wohnung unter ihnen. Im Wohnzimmer redeten ihre Gäste, unbeeindruckt von ihrem rätselhaften Verschwinden weiter vom Weltuntergang.

Sie verließ ihre Wohnung und schlich im Treppenhaus nach unten. Die Tür zu Kowalskis Wohnung war nur angelehnt. Sie stupste sie an. Sie rief leise: Hallo. Niemand antwortete. Sie stieß die Tür auf und sagte: Frohe Weihnachten? Ein Weihnachtswunsch, als Frage formuliert. Es entsprach ihrer Stimmung.

Sie setzte einen Fuß in Kowalskis Welt, dann noch einen. Es war schummrig und roch muffig, sie fühlte sich nun wirklich, als betrete sie eine Art Begräbnisstätte, einen Friedhof der Kuscheltiere. Zum zweiten Mal an diesem Heiligen Abend dachte sie an Stephen King. Sie hatte an der Uni im Süden Amerikas nach Kafkas Spuren im Werk von Paul Auster gesucht. Aber wenn es darauf ankam, dachte sie an King.

Die Wohnung schien vor allem aus einem Zimmer zu bestehen, links eine kleine Küche, rechts das Bad. Sie ließ die Tür zum Hausflur weit offen stehen. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Sie sah Regale bis an die Decke, vollgestopft mit Büchern. Sie lächelte, als sie das Hochbett sah, unter dem ein Schreibtisch stand. Die Fenster waren mit Vorhängen bedeckt, denen man auch im Halbdunkel ansah, dass sie von Tausenden Zigaretten vergilbt waren. Sie sah an die Decke, auch die angeräuchert, in der Mitte der hellere Fleck, wo wahrscheinlich das Loch gewesen war, das bei den Bauarbeiten zu ihrer Wohnung entstanden war. Von hier aus sah es so aus, als habe es ganz am Ende die Form von Australien gehabt. An den Rändern Stuck.

Sie sah sich die Bücher in den Regalen an, eine Bibliothek, die vergessen wirkte. Sie erkannte Steinbeck, Roth, Heller, Updike, Chandler und auch Faulkner in deutschen Ausgaben, die sie nie gesehen hatte, ostdeutsche Ausgaben, nahm sie an. Christa Wolf, Maxie Wander, Christoph Hein, Monika Maron, Stefan Heym und Ulrich Plenzdorf. Dazu viele russische Namen. Gorki, Jewtuschenko, Aitmatow, Granin und Mascha Kaléko. Ein paar pädagogische Lehrbücher. Dazwischen verwaschene Farbfotos von langhaarigen Männern. In der Mitte ein Paar, ein schlanker Mann mit langen dunklen Haaren, offenes weißes Hemd, dunkel umschminkte Augen, Kowalski, nahm sie an. Die Frau in seinem Arm trug eine madonnenhafte Unergründlichkeit zur Schau, die Jennifer von Mitschülerinnen kannte, und immer verachtet hatte. Sie nahm an, dass es sich um Lisa handelte, die mit dem Sänger der Band Luftschloss durchgebrannt war, die sie nur aus den Beschwerdebriefen Kowalskis kannte.

Das Foto bildete den Mittelpunkt der Regalwand. Ein Altarbild. Die Zeitschaltung der Treppenhausbeleuchtung ging aus. Es war jetzt noch dunkler in Kowalskis Wohnung. Jennifer war im Osten angekommen.

Sie dachte an das berühmteste Stück ihres Doktorvaters Ariel Dorfman. „Der Tod und das Mädchen.“ Es handelt von einem Ehepaar in Chile nach der Diktatur, das nachts von einem Mann besucht wird, der eine Autopanne hat. Die Frau glaubt in ihm den Mann zu erkennen, der sie vor Jahren gefoltert hat. Sie ist sich nicht sicher, sie hatte damals im Kerker nur seine Stimme gehört, weil sie ihr die Augen verbunden hatten. Eine Fabel von Angst und Ungewissheit, Terror und Nebel.  

Jennifer wagte nicht, die Vorhänge zu öffnen, um zu sehen, wo Kowalski war. Vor einer Ikea-Büffelledercouch aus den 90er-Jahren stand ein Tischchen, auf dem ein kleiner Haufen Post lag. Sie stellte sich vor, dass Kowalski gerade von einer vorweihnachtlichen Reise zu seiner kranken Familie in Mecklenburg zurückkehrte. Er hatte Holz gehackt für den Winter. Er war mit dem Vater und der Schwester zum Nachmittagsgottesdienst in der Dorfkirche gewesen. Nach dem Abendessen war er nach Berlin zurückgefahren. Er hatte die ersten beiden Taschen und die Post nach oben gebracht und war jetzt noch mal runter zum Auto gegangen, um den Rest zu holen. Er fuhr, wenn sie sich richtig erinnerte, einen alten Volvo Kombi.

Jennifer sah die Post durch. Telekom, Amazon, Sparkasse, Krankenversicherung, Pizzaservice, eine Energierechnung und ein größeres, teurer aussehendes Briefkuvert, auf dem in Ludwigs Handschrift der Name Kowalskis stand. Sein Vorname war Klaus. Bestimmt hatte Ludwig noch einen kleinen Weihnachtsgruß beigelegt. Wir bedauern, Ihnen diese betrübliche Nachricht überbringen zu müssen, wünschen Ihnen trotz allem eine besinnliche Weihnachtszeit und ein frohes neues Jahr. J & L Greenberg.
Der Umschlag war ungeöffnet. Kowalski kannte sein Schicksal noch nicht.

Das Licht im Treppenhaus ging wieder an. Sie hatte noch anderthalb Minuten, höchstens zwei.
Jennifer stellte sich vor, wie Kowalski sie in seinem Wohnzimmer überraschte. Sie heißen also Klaus?, würde sie fragen. Klaus Kowalski?
„Meine Mutter mochte Alliterationen“, würde er sagen. „Meine Schwester heißt Katrin. Aber mich haben alle immer nur Kowalski genannt. Oder Stanley.“
„Endstation Sehnsucht?“, würde sie fragen.
„Ganz genau“, würde er sagen. „Brando“. Ein Lächeln. Vielleicht.

Sie nahm Ludwigs Umschlag vom Stapel. Es war ihr Weihnachtsgeschenk. Sie würde es später im Kamin verbrennen. Sie ging zur Tür. Sie glaubte, schon Kowalskis schweren Tabakatem zu spüren. Sie wollte ihn nicht sehen. Die Begegnung würde den weihnachtlichen Zauber zerstören. Dieses zarte Gefühl, genau am richtigen Platz zu sein. Zwischen den Welten. Ein Platz, an dem sie sich mit einem unbekannten Mann über gemeinsame Interessen hätte unterhalten können, während über ihnen der Weltuntergang besprochen wurde. Tennessee Williams und die Dixie Chicks. Sie wollte sich das weiter vorstellen können. Der Tod und das Mädchen.

Bevor sie die Unterwelt verließ, sah sich Jennifer noch einmal um und überlegte, wo ihre Bücherregale stehen könnten.