Der Schauspieler Edgar Selge läuft vom Hamburger Hauptbahnhof zum Deutschen Schauspielhaus und repetiert unterwegs Kernsätze aus dem Stück, das er gleich spielen wird, etwa diesen: „Der Gipfel des menschlichen Glücks besteht in der absoluten Unterwerfung.“

Auf den Straßen toben Straßenschlachten zwischen Polizei und schwarz gekleideten Demonstranten, kurz vorm Theater wird ihm von einem arabisch anmutenden „Antänzer“ die Brieftasche geklaut. Manches ist inszeniert, manches real: Als klar wurde, dass die TV-Aufzeichnung von Selges „Unterwerfung“-Monolog nur am Wochenende der G-20-Tagung möglich war, fing das Filmteam die gewalttätigen Bilder ein und baute sie in ihre Rahmenhandlung ein. Ein „Staatsschützer“ (Michael Wittenborn) will in den politisch brisanten Zeiten die Aufführung schützen – wie auch den im Theater erwarteten Autor Michel Houellebeqc, der schon mehrfach Morddrohungen erhalten hatte.

Als Houellebecqs Roman im Januar 2015 erschien, wurde seine Vision eines islamisch regierten Frankreichs von einem Attentat brutal untermauert: Terroristen überfielen die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo, auf dessen Cover gerade eine Karikatur von Houellebecq stand, und töteten elf Menschen. Der Autor sagte daraufhin seine Werbetour ab, betonte später immer wieder, dass er und sein Werk sich weder von Islam-Hassern noch von Islamisten vereinnehmen ließen. „Unterwerfung“ wurde nicht nur ein internationaler Bestseller, sondern mehrfach adaptiert. Karin Beiers Monolog-Fassung am Deutschen Schauspielhaus ist anhaltend erfolgreich: Die Vorstellungen sind stets ausverkauft, Selge wurde 2016 zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt.

Die Bühnenmonologe von Selge haben hohen Schauwert

Regisseur Titus Selge, Neffe des Schauspielers, überzeugte mit seiner Idee, Theateraufführung und Filmszenen zu kombinieren, nicht nur die wagemutigen Redakteure des RBB, sondern auch Houellebecq. Mit den Bildern der Hamburger G-20-Krawalle bekommt der Film sogar eine dritte Ebene. Die ARD-Version der „Unterwerfung“ ist ohnehin kein Rückgriff auf die frühen 60er-Jahre, als das Fernsehen noch oft das Theater abfilmte, sondern eine originelle Idee, die nicht nur nahe am Text bleibt, sondern vor allem den Duktus dieses provokanten Werkes genau trifft. Denn so können sowohl die langen Reflexionen des Helden als auch die äußere Handlung der „Unterwerfung“ gut umgesetzt werden.

Wobei allein schon Edgar Selges Bühnenmonolog einen hohen Schauwert hat. Wie der Schauspieler sich vom gelangweilten, erschlafften Literaturdozenten François zu einem immer mehr vereinsamenden, von sich und der Welt angeekelten Zyniker entwickelt, das unterstreichen nicht nur sein Spiel und die immer schäbigere Garderobe, sondern auch Selges Herumlungern in diesem auffälligen Bühnenbild: einem großen Kreuz, das sich dreht und seinem Helden keinen Halt mehr bietet.

Ein Fest der Schauspielkunst

Selges Bühnenmonolog wird mit den inszenierten TV-Bildern aus Frankreich ergänzt. Die Wechsel sind keine harten Brüche, sondern geradezu fließend elegant montiert. So zeigt der Film den fiktiven Machtwechsel anno 2022, den Houellebecq beiläufig, ohne größere Kämpfe, in den Fernseh-Nachrichten geschehen lässt. Sozialisten wie Konservativen paktieren mit einem „gemäßigten“ Islamisten-Führer, um den Sieg der Rechtsnationalen zu verhindern.

Die gedanklichen Lücken des Textes kann auch der Film nicht schließen: Dass etwa alle französischen Frauen sich demnächst komplett dem Regime von Scharia und Patriarchat unterwerfen, sich klaglos aus Jobs und Öffentlichkeit zurückziehen, ist schlichtweg nicht vorstellbar. Aber Frauenbilder waren noch nie die Stärke von Michel Houellebecq, der gern aus der Perspektive des sexuell vereinsamten, frustrierten Mannes erzählt. Ganz gut schafft es diese Verfilmung, die seitenlangen Sex-Abenteuer einzudampfen, die nur in den Monologen anklingen. Daran waren frühere Houellebecq-Verfilmungen, etwa Oskar Roehlers „Elementarteilchen“, gescheitert.

Vor allem aber ist diese Verfilmung ein Fest der Schauspielkunst: Edgar Selges Bravourstück entfaltet auch in der dreifachen Fassung seine volle Wirkung. Einer darf ihm im Film Paroli bieten. Matthias Brandt spielt den flink gewendeten, ungemein eloquenten neuen Präsidenten der Universität Sorbonne, der nicht nur die eingangs zitierten Kernsätze der Unterwerfung philosophisch verbrämt, sondern auch dem entlassenen François eine ganz neue Lebensperspektive aufzeigt. Die Aussicht auf ein dreifaches Gehalt und drei junger Ehefrauen wecken auch bei François die Lust an der Unterwerfung.

Mittwoch, ARD, 20.15 Uhr, „Unterwerfung“