Zunächst das, was wir nicht sehen: keine Maschinengewehre, keine Männer mit Bärten, keine IS-Flaggen, keine Mohammed-Karikaturen. Das Deutsche Theater zeigt Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ – und verzichtet auf fast alle Signalreize, die es sonst reflexhaft gibt, wenn es um diesen Roman, also um Islam, Abendland, Terror undsoweiter geht.

Das ist die beste Nachricht des Abends: Die Inszenierung von Stephan Kimmig müht sich nach Kräften, die schlichten Zuschreibungsmechanismen zu vermeiden. Eine hellblaue Burka gibt es einmal, ja, aber nur kurz, und nur, um sie sogleich demonstrativ auszuziehen. In dieser Theaterveranstaltung wird weder der Islam noch der Roman auf die Anklagebank gesetzt. Das ist schon mal was.

„Ich bin meiner überdrüssig“

Statt dessen zeigt sie ein helles Krankenhauszimmer. Zwei Schwenktüren hinten, ein Klinikbett, ein Himmel aus weißem Papier, eine schmale Treppe hinauf ins Nichts. Am Ende wird sich der Himmel senken und François ihn mit dem Kopf durchstoßen. Mit der bloßen Vernunft könne man keinen Gott und keinen Glauben begreifen, hat Martin Luther einst festgestellt. Wer das tue, gleiche jenen, die „mit dem Kopf durch den Himmel bohren und sich im Himmel umsehen“, aber da finden sie niemanden, „denn Christus liegt in der Krippe“, und „so stürzen sie herunter und brechen sich den Hals“.

François, die zentrale Figur des Romans und auch dieses Abends, startet in sein Bühnenleben bereits mit gebrochenem Hals. Er ist hier ein Eingelieferter, Pflegebedürftiger. Eine Krankenschwester kommt und wäscht ihn. Seine Geliebte Myriam, Marine Le Pen, ein Uni-Kollege, der Chefarzt: alles Bettkantensitzer am Krankenlager. In einer zentralen Szene hockt dort auch Mohammed Ben Abbès, der muslimische Politiker, den Houellebecqs Buch sich als Präsidenten nach den Wahlen von 2022 vorstellt.

Sanft beugt er sich zu François hinab, legt sich zu ihm, hält ihm die Hand – und verkündet mit samtener Stimme sein politisches Programm. Die Schulen in der Hand muslimischer Verbände, die Senkung der Arbeitslosigkeit, zu erreichen durch den „massiven Ausstieg der Frauen aus dem Arbeitsmarkt“ und durch die Idee des Distributismus, „die Aufhebung der Trennung zwischen Kapital und Arbeit“.

François lauscht ihm, und Steven Scharf spielt es als ein Ganzkörperlauschen, als würden seine Augen in stummer Ergebenheit beten und seine Finger bebend lobpreisen. Wenn er am Ende sein Krankenlager durch eine der Türen verlässt, wird er zu den Konvertierten gehören: Er ist Muslim geworden, nicht trotz der islamischen Politik von Abbès, sondern wegen ihr. Also aus Verzweiflung? „Ich bin meiner überdrüssig“, ruft François zu Beginn. Läuft mit kleinen, kecken Schritten an der Rampe hin und her, blinzelt ins Publikum, schäkert mit seiner Hoffnungslosigkeit – und tapst durch sein Figurenleben wie ein Fremder vor sich selbst.

Kein Bezug zu Charlie Hebdo

„Unterwerfung“ am Deutschen Theater ist damit ein nüchterner, fast ausgekühlter Abend. In einem derzeit so überhitzten Debattenklima, wo man schon in Verdacht gerät, wenn man den Islam nicht kritisiert, ist das ein bemerkenswertes Statement. Dem oberflächlichen, kurzatmigen Blick wird diese Inszenierung womöglich haltungslos vorkommen. Das ist sie nicht.

Sie nimmt sich vielmehr die Freiheit, keine vorschnelle Meinung zu formulieren, sondern ein Figurendasein begreifen zu wollen. Sie verteidigt die Kunst gegen den Journalismus. Dass das Buch am 7. Januar 2015 erschien, am Tag des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo, macht Kimmig ausdrücklich nicht zum Thema. Die oft wirren Diskussionen, zu denen es Anlass gab, auch nicht.

Das ist eine kluge Entscheidung, allerdings auch eine verfängliche. Mit François liegt bei Kimmig zwar nicht der Islam, sondern der Westen im Krankenbett, aber er liest das Houellebecq-Buch damit geradewegs als negative Utopie. Die Inszenierung tut so, als wäre „Unterwerfung“ mit „1984“ von George Orwell vergleichbar, als wäre Houellebecq nichts als ein Kassandra-Rufer. Es lässt sich aus dem Buch jedoch nicht herauslesen, ob es eine Islamisierung herbeisehnt oder sie befürchtet.

Houellebecq schildert lediglich einen gesellschaftlichen Zustand, er beschreibt Ängste und die von den Ängsten Getriebenen, schildert, wie es ist, hier und heute im Westen zu leben. Kimmig tut es ihm lange nach. Bis er François die Himmelsleiter hinaufsteigen lässt, auf der er einbricht. Bis der Papierhimmel sich senkt und François hinaustrippelt. Damit will dieser Abend Warnzeichen sein, wird er plump und polternd, weil er eine kommende Unterwerfung vorzeichnet, die nicht mehr wie bei Houellebecq möglich, sondern unausweichlich ist. Am Ende ist „Unterwerfung“ dann doch ein Leitartikel, leider.