Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart vor Ausgaben ihres Buches "Omama" .  
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BerlinBereits neulich ging es hier um Lisa Eckharts Ausladung von einem Hamburger Literaturfestival. Was mich besonders überrascht: Von vielen Medien wird sie eine „umstrittene Kabarettistin“ genannt. – Soll das heißen, dass ihr Schaffen manchen mehr, anderen weniger gefällt? Wäre das berufsuntypisch? Hat sich da eine Streithenne unter lauter Schmunzelhasen geschmuggelt? Dürfte die denn das: verstören, Anstoß erregen, am Ende gar Unbehagen provozieren? Sollten normgerechte Satiriker nicht außerhalb jeder Diskussion stehen, wie buddhistische Mönche keiner Matratzenmilbe weh tun, schon gar nicht mit tückischen Sprüchen, sondern allen Menschen ein Sonnenschein oder ihnen zumindest fast so wurscht sein wie die Lottofee und der Bundespräsident?

Doch vielleicht war „umstritten“ gar nicht beschreibend gemeint. Das Wort dient ja häufig auch als Warnhinweis an die unschuldige Zivilbevölkerung: Vorsicht! Die besagte Person steht in einer gesellschaftlichen Ecke, auf dünnem Eis und unter Beschuss. Sich Nähernde könnten in einen Großkonflikt geraten und Kollateralschäden erleiden. Für die Rezeption derart brisanter Subjekte gilt, was einst – in etwas anderer Rechtschreibung – auf Ost-Essigflaschen stand: „Unverdünnt, Genossen, lebensgefährlich!“

Gut, letzteres ist übertrieben. Aber nur etwas. Denn noch bevor die vielfache Kleinkunstpreisträgerin Eckhart auf St. Pauli aus ihrem Debütroman vorlesen konnte, sauste denen, die sie dorthin gebeten hatten, die Muffe. Wegen der Nachbarschaft. Es hieß, im „bekanntlich höchst linken Viertel“ werde die umstrittene Kabarettistin bestimmt „nicht geduldet“. Die Sicherheit von Künstlerin und Zuhörern sei gefährdet. Die Veranstalter legten Frau Eckhart den Verzicht nahe. Die lehnte ab. Der Auftritt wurde gecancelt. Empörung. Das Festival ruderte zurück. Doch nun mag die Autorin nicht mehr.

Ende Januar war ich in ihrem Programm und habe es überlebt. Allerdings war da nebenan auch nur das brave Kanzleramt. Aber klar, Eckharts Kunstfigur kann Leute schon wuschig machen. Volle Kanne Narzissmus, Blasiertheit, Zynismus und Geschmacksgrenzverletzungen. Und über allem ihre Mehrdeutigkeit. Die Frau arbeitet sich nicht an Kapitalismus, Kohlendioxid und Donald Trump ab. Sie verhöhnt lieber Tugendstolz, der sich selbst nicht infrage stellt. Sie gibt den Geist, der stets verneint, überspitzt KIischees bis zur Kenntlichkeit und genießt es, wenn ihr Publikum erschauert, worüber es da gerade gelacht hat. Vor 20 Jahren wäre das wohl weniger heikel gewesen. Doch nach dem Intermezzo der Ironie herrscht nun mal wieder Bekennerzeit: Haltung zeigen. Sag mir, wo du stehst.

Mich hat die Show amüsiert. Dennoch kann ich in etwa nachvollziehen, warum andere das überhaupt nicht komisch finden. Was sich erheblich schwerer verstehen ließe: wenn man künftig eine örtliche Sturmhaubenexekutive – oder, noch erbärmlicher, die vorauseilende Furcht davor – regeln ließe, wer wann wo auftreten darf. Das wäre so „höchst links“, wie der Begriff in meiner alten Heimat interpretiert wurde. Dort brauchten Unterhaltungskünstler eine amtliche Zulassung, um eine öffentliche Plattform erklimmen zu dürfen. Umstrittene Kabarettisten gelangten kaum je in Bühnennähe. Für den Fall, dass es heute tatsächlich ähnliche Bestrebungen geben sollte: Keine Gewalt, bitte. Bildet – unumstrittene – Stadtviertelkulturduldungskommissionen!