Singen kann sie nicht, genau das ist ihr Kapital. Wenn die Melodie auch nur ein bisschen aus der mittleren Tonlage herausklettern will, bangt man um diese kleine Stimme. Wird sie einbrechen oder nur ein wenig verrutschen?

Nein, zu retten ist da nichts. Isabelle Huppert ist als Schlagersängerin in der Rolle der „Laura“ etwa so begabt wie die legendäre Florence Foster Jenkins als Opernsängerin – null Talent, aber das mit der größtmöglichen Attitüde dargeboten. Das konnte man schon in François Ozons Komödie „Acht Frauen“ sehen, als Isabelle Huppert in der Rolle der Augustine ihre „Message personnel“ sang, einen recht larmoyanten Sprechgesang mit expressiver Begleitung der Hände.

Die Liebe des Publikums

In „Ein Chanson für Dich“ zitiert sie ihren Auftritt von damals, es ist hinreißend, rührend – und niemals lächerlich, weil Isabelle Huppert ihre Schwäche kennt und in ihren Rollen mit größter Würde zeigt. Während Jenkins’ zweifelhafter Erfolg darin bestand, dass ihr Publikum sie auslachte und sich an ihrer Unzulänglichkeit ergötzte, bekommt „Laura“ möglicherweise das, was sie am meisten braucht: Die Liebe ihres Publikums.

Es weint, es leidet, es freut sich mit ihr, es fühlt sich von ihr verstanden in seinen unausgesprochenen Sehnsüchten, zu Hause in den mühsam abgestotterten Reihenhäusern, den miefigen Sportclubs und den Café-Bars mit Spielautomaten.

Fragile Schlagerwelt

Der belgische Regisseur Bavo Defurne porträtiert mit seinem zweiten Spielfilm „Ein Chanson für Dich“ die Welt der Schlagerstars und ihres Publikums, und dazu gehören neben den Gewinnern vor allem auch die Verlierer. Was wird aus jenen, die bei Eurovision Song Contests schon in der Vorauswahl scheitern? Was wird aus den Siegern, wenn sie älter werden? Die Karrieren sind fragil wie Baisers, Abstürze meist kläglicher und endgültiger als in der Rockmusik, wo das Comeback nach dem Drogen-Rehab fast schon Standard ist.

Nun könnte man eine solche Geschichte mit jenem Realismus erzählen, mit dem die belgischen Regisseure Dardenne solche Milieus untersuchen, als Ringen um das Überleben, nah am sozialen Tod. Kleine Verbrechen stecken in der Geschichte, Betrug, ein Scheidungsdrama, ein heftiges Suchtproblem.

Ohne Pathos

Defurne aber ist näher bei Almodóvar als bei den Dardennes, obgleich ihm Pathos fremd ist: Er hat sich für ein Melodram entschieden, das sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Selbstironisch tunt Defurne alles gerade so weit hoch, dass es noch keine Satire, aber ein großes Vergnügen ist: Die Liebesgeschichte Lauras mit einem jungen Amateurboxer, die Schauplätze, die Kostüme, die Musik, die Gesten, selbst die Pasteten, die Laura in ihrer monotonen Real-Existenz als Hilfsarbeiterin in einer Fleischfabrik belegt, haben die Aura der Künstlichkeit.

Defurne, der als Ausstatter für Peter Greenaway gearbeitet hat, entwarf für jeden Ort ein eigenes Farbkonzept, lotst Laura aus ihrem schilfbraunen 80er-Jahre-Appartement auf die grell funkelnden Landschaften der Fernsehbühne und steckt sie in einen Retro-Look von verblasstem Glamour.

Das Problem der Mutter

Das Antlitz der Huppert ist dabei so ohne Arg und Abgrund, wie selten in ihrem gewaltigen Werk. Laura ist eine schlichte Frau, ihre Wünsche sind so simpel wie die Texte ihrer Songs. Ihre Mittel setzt sie unbedenklich ein.

Selbstverständlich verliebt sich ein Mann in sie, mag er vierzig Jahre jünger sein, das ist nicht sein Problem, sondern das seiner Mama. Den Geliebten und tapsigen Manager seiner Angebeteten spielt Kévin Azais so hingebungsvoll, dass am Ende nicht nur sein großflächiges Rücken-Tattoo in Erinnerung bleibt. Encore!

Ein Chanson für Dich: Regie: Bavo Defurne Buch: Bavo Defurne, Yves Verbraeken, Jacques Boon Kamera: Philippe Guilbert Darsteller: Isabelle Huppert, Kévin Azais, Johan Leysen u.a. Spielfilm, 90 Minuten, Farbe Belgien/Luxemburg, Frankreich 2016