Was bitte soll man dazu nur wieder sagen? Vielleicht ist dieser siebzigminütige Abend ein schlechter Scherz? Auch Theatern sei das Scherzen zugestanden, klar.

Nur tun sie hier ja derart ernst, tiefgründelnd und wer-weiß-wie-bedeutungsvoll. Es ward ja sogar ein Johann-Gottlieb-Fichte-Zitat auf den Programmzettel gedruckt, und zwar nicht irgendeines, sondern das meistzitierte und meistmissverstandene überhaupt, nämlich: „Das Ich setzt das Nicht-Ich als beschränkt durch das Ich. Das Ich setzt sich selbst als beschränkt durch das Nicht-Ich.“ Ein Scherz? Satire im Namen des Deutschen Idealismus? Eher nicht.

Ein Blick nach vier Jahren

Also gut, dann sei diese Veranstaltung also ernst genommen. Zum Beispiel diese Szene aus dem Stück des vielgespielten Romanciers und Dramenschreibers Roland Schimmelpfennig: Es geht ein Mann („zwischen Vierzig oder Fünfzig“) in die Firma, sieht Jenni, „die Empfangsdame, noch jung, keine Dreißig, sitzt da seit vier Jahren.“

Kaum, dass der Mann je aufsah in diesen vier Jahren, „aber an diesem Morgen“, da schon, denn „plötzlich, nach vier Jahren, hebt sie den Blick. Es ist Juli.“ Und „ihr wird warm, und sie öffnet sich“ – „ einen Knopf ihrer Bluse“. Und hernach geschieht es: Während der Mann in den Fahrstuhl steigt, spaltet er sich auf, verwandelt er sich – „in den zweitobersten Knopf der Bluse der Empfangsdame Jenni“.

All diese Möglichkeiten!

Ja, das steht da wirklich in diesem komisch tragischen Drama mit dem einfallsreichen Titel „Der Tag, als ich nicht ich mehr war“. Nein, nein, das soll kein klebriger Erotikkitsch sein, auch kein schrulliger Sexismus, kein schrumpeliges Frauen-Männer-Schubladisieren, auch kein blödes Midlife-Crisis-Symptom-Etwas. Das will ganz und gar bewusstseins-, daseins- und überhaupt philosophisch als Erkundung der unerschöpflichen, aber immer realen Möglichkeitswelten verstanden werden. Ernsthaft!

Denn dieser Mann erlebt sich fortan in doppelter Ausführung, begreift also erstens, dass ein anderes Leben möglich gewesen wäre (und sogar noch ist) und zweitens, dass das andere Leben nicht unbedingt ein besseres oder schlechteres sein muss, weil man sich jedes Dasein und jeden Umsturz dessen stets nur unter den Bedingungen denken kann, in die man verwickelt ist.

Narzissmus-Probleme

Dass der Dichter Schimmelpfennig in diesem seinem, als Auftragswerk für das Deutsche Theater verfassten Text also das Doppelgänger- und Selbstspiegelmotiv, die literarisch vielfach besungenen Nöte, aber auch Freuden des Narzissmus zum Einsatz bringt, hat höchstmögliche Absichten: Es soll hier der Gegenwartsmensch in seinem Innersten, das nichts mehr zusammenhält, begriffen werden.

Es werden deshalb auch allerlei trickreiche Techniken der Figuren- und Szenenzeichnung bedient, das verlässliche Wechseln von der Figuren- in die Prosarede etwa, stets übrigens im ausgesucht bemühten Verzicht auf jeden planen Realismus.

Achtung, Fichte fällt!

Allein, es ist dies bloße Spielerei, ausgedachtes Problemstückeln. Denn dieses Drama wird immer wieder von seiner eigenen hausbackenen Biederkeit eingeholt. Der Mann lebt da mit Frau und Kindern in einem kleinen Haus samt Fichte (!) im Vorgarten, und wenn er mit seinem zweiten Ich aus dem alten Leben ausbricht – dann geht’s in die Kneipe, wird gesoffen und als höchsten Ausbund an richtig wildem Mann-Dasein der Baum gefällt und mit der Axt das Bier geöffnet. Und in der Bar singt, ach!, eine „rote Rita“, die freilich auch seine Frau ist, einen Schlager ins Mikro: „Wenn du nicht da bist, wo du bist / wo bist du dann“. Herrje.

Im Grunde hat Anne Lenk aus diesem pseudophilosophischen Dramolett mit lauter angelesenen Konflikten und papiernen Figuren, denen man dringend den Kontakt mit dem guten alten echten Leben jenseits der Wohlstandsblasenhaftigkeit wünscht, das einzig Vernünftige gemacht: Sie lässt es noch alberner, verblasener und substanzloser aussehen, als es ohnehin ist. 

Quatsch aus Notwehr 

Dass die Jenni etwa im körperfarbenen Strumpfhosen-Dings mit Riesenknopf am Bauch auftritt, steht bei Schimmelpfennig nicht. Aber was soll man mit so einer Szene sonst auch anstellen.

Lenk übersetzt auf einer drolligen Guckkastenbühne die Vorlage entsprechend konsequent in Quatschbudentheater, lässt Camill Jammal und Elias Arens als Doppel-Mann, Franziska Machens und Maike Knirsch als Doppel-Frau wahlweise die Augen aufreißen, wenn’s Schrecken zu spielen oder die Stirn runzeln, wenn’s Staunen darzustellen gilt, lässt Tabitha Frehner und Jeremy Mockridge als Kinder manchmal schön unbeteiligt oder genervt tun und alles immer aussehen, als gälte es, sich über alles lustig zu machen, was ihnen der Text in den Mund legt. Ein Spielen im Notwehrmodus. Versteht man bestens.