Uraufführung im Theaterdiscounter: „Seuche“ ist eine dystopisch-gegenwärtige Camus-Adaption

Die Seuche ist überall, sagt Thorben. Sie ist immer schon da, wo immer wir auch hinkommen und sei es auf einen anderen Planeten. Die Seuche − das ist die Weltlage. Und als er so spricht, sitzt er versteckt in einem kleinen Verschlag mit Kameraauge, das ihn zugleich auf zwei große Leinwände im Theaterdiscounter projiziert.

Dass Vieles absurd ist an diesem Abend, Vertraulichkeit und Öffentlichkeit hier direkt in eins fließen, gehört schon zu Thorbens treffender Analyse. Ja, die Lage ist ernst in der Quarantänestation, in die die zehn Schauspielstudenten des 3. Jahrgangs der UdK Albert Camus’ Nachkriegsroman „Die Pest“ ins Hier und Heute übersetzen.

Unsichtbares Kontrollregime

Keine toten Ratten liegen herum, keine Ärzte, Priester oder Stadtbehörden in Sicht wie bei Camus. Stattdessen haben die zwei Jungautoren Georgi Jamburia und Lars Werner zusammen mit Regisseur Fabian Gerhardt eine Art „Big Brother“-Situation geschaffen. Die „Seuche“, ob real oder fiktiv, ist als unsichtbares Kontrollregime aus der Ferne längst wirksam: Hier ist alles Innen, ein greifbares Außen gibt es nicht mehr.

Lichtbänder am Boden ziehen illusorische Wände, die für die Insassen dennoch undurchdringlich bleiben. Die Seuche, das ist auch die unentrinnbare durchdigitalisierte Cyberwelt, in der die zehn ihre Selbstbestimmung an dunkle Instanzen verloren haben. Doch zugleich bleibt der Draht zu ihnen über den seltsamen Kameraraum auch letzter Strohhalm zum möglichen Ausstieg.

Was ist diese Quarantäne eigentlich: Rettung oder Bedrohung? Bald stehen alle Gewissheiten kopf, alles wird zur Grundsatzfrage: Was und wer zählt hier noch? Jeder einzelne oder zuerst die Gesamtheit? Alle beginnen allen zu misstrauen und langsam fällt jeder auf seine eigenen Ängste und Lebenslügen zurück.

Freiheit und Verantwortung

Eine interessante Versuchsanordnung haben sich die Studenten da im Gefolge Camus ausgedacht, dessen allegorische Erzählung aus den 1940er Jahren ein Vergrößerungsglas auf menschliche Verhaltensweisen in einer Zwangsgemeinschaft legt, die das Leben nun mal ist. Und auch wenn heute andere politische Hintergründe mitschwingen, sind die darin gestellten Frage nach individueller Verantwortung und Solidarität so aktuell wie lange nicht.

Was ist denn, wenn individuelle Freiheiten und Privilegien plötzlich infrage stehen? Welchen Wert hat ein einzelner Mensch in der Leerformel „kollektive Sicherheit“? All das spielen die zehn in kleinen, alltagsnahen Streitszenen durch, ohne dabei zwar in tiefere moralische Schichten vorzudringen, doch reißen sie Vieles an. Schön wäre gewesen, wenn sie statt ihres aufgesetzten Pubertätsjargons eine bedeutendere Sprache gefunden hätten und das Spiel weniger auf Effekt gebürstet wäre. Feinheiten für das nächste Mal.

Seuche, 5., 8., 9.7., 20 Uhr im Theaterdiscounter, Karten unter Tel: 28093062