Für ihre Werkstatt-Produktionen hatte die Staatsoper im Ausweichquartier des Schiller-Theaters ideale Bedingungen: ein eigenes kleines Theater mit einladender Straßenfront und einem Foyer, in dem stets drangvolle Enge herrschte.

Mit der Wiedereröffnung des alten Hauses ist diese Präsenz verschwunden. Die „Neue Werkstatt“, wie sich die Spielstätte jetzt nennt, hat ihren Platz auf einer Probebühne im Verwaltungsbau, den man nicht mit jenem gehobenen Gefühl wie ein Theater betritt, sich als Besucher in weitläufigen Gängen eher geduldet als empfangen fühlt.

Der Raum selbst gefällt mit schlichter Eleganz und überzeugt mit einer überraschend guten Akustik, in der sich trotz der relativen Kleinheit Gesangsstimmen wie Instrumente entfalten können. Das hatte an der Bismarckstraße nie recht funktioniert.

Ronchettis Theaterstücke sind als Spiegelung von Tradition angelegt

Zur Eröffnung der Neuen Werkstatt gab es als Uraufführung eine Kammeroper der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti. „Rivale“ entstand als Auftragswerk der Staatsoper und wird nach einer Serie von sieben Berliner Aufführungen auch im Staatstheater Braunschweig gezeigt, wo die Regisseurin Isabel Ostermann, die das Stück in Szene setzte, als Operndirektorin wirkt.

Viele von Ronchettis Musiktheaterstücken sind auf kunstvolle und unterschiedliche Weise als Spiegelungen von Tradition angelegt, bei denen kleine Verschiebungen große Wirkung erzielen. Der Stoff von „Rivale“ geht auf eine Episode aus Torquato Tassos Kreuzritter-Drama

„Das befreite Jerusalem“ zurück, die tödliche Geschichte des Kreuzritters Tancred und der Sarrazenenführerin Clorinde, die sich als Kämpfende begegnen und als Liebende erkennen. Schon Monteverdi hat aus diesem Szenario musikalische Funken geschlagen.

Das Orchester ist klein besetzt

Lucia Ronchetti bezieht sich nicht direkt auf Monteverdi oder Tasso. Sie hat ihr Libretto selbst geschrieben auf der Basis eines Tancred-Dramas des französischen Barock-Dichters Antoine Danchet, hat dessen bildreichen Text zu einem einstündigen Monodram verdichtet, in dem allein die Stimme der Clorinde zu vernehmen ist.

Die Worte und die Gestalt Tancreds tauchen darin auf wie ferne Echos. Psychologisch ist das raffiniert gemacht, und es markiert schon jenen Echo-Raum von ineinanderfließendem Außen und Innen, den diese Figur durch die Viel-Dimensionalität ihrer Stimme und das Spannungsverhältnis zu den Instrumentalklängen entwickelt.

Das Orchester ist klein besetzt. Sechs Blechbläser und vier Schlagzeugspieler an ausschließlich metallischen Instrumenten liefern schon von ihrer Materialität her eine assoziative Verbindung zu der metallischen Rüstung, die die minimalistisch gestaltete Szene dominiert.

Eine sparsam eingesetzte Bratsche wirkt wie ein Vermittler zwischen Metallpanzern und seelischen Schwingungen. Ronchetti benutzt den Bläserklang einerseits für zitathafte Anklänge an Fanfaren und Schlachtmusiken des Barock, die gebrochen durch das Bewusstsein der Protagonistin erklingen.

Man ist keinen Klischees ausgeliefert

Sie erscheinen wie Pathos-Formeln, in deren Einsatz eine kunstvolle Balance zwischen psychologischer Identifikation und zeichenhafter Distanz gelingt. Andererseits erzeugen die Bläser auch eine unmittelbar sinnlich ansprechende Klanglandschaft, wie etwa zu Beginn, wo das diffuse und doch höchst präsente akustische Bild einer Stadt mit gedämpften Geräuschen und Stimmen einer großen Menschenmenge evoziert wird, ganz gegenwärtig als rätselhafter Gegenstand der Wahrnehmung, und doch auch zeit- und raumentrückt durch die Andeutung orientalisierender Motive, die sich am Ende des Stückes in einem langen unbegleiteten Schlussgesang frei entfalten.

In dem Widerspiel antagonistischer Kräfte, wie Mann und Frau, Krieg und Liebe, Orient und Okzident geht es hier nicht um einseitige Lösungen. Weder Komponistin noch Regisseurin bieten eine schlichte Übertragung dieses modellhaften Konflikts an, in dem viel mehr der Widerspruch selbst als existenzielle Erfahrung Gestalt gewinnt. Möglich wird dies durch die packende kompositorische Behandlung der Singstimme wie durch die großartige Protagonistin Amira Elmadfa .

In dem Reflexionsprozess, durch den Lucia Ronchetti ihre Clorinde führt, wird eine Vielzahl von Tonfällen angeschlagen. Nie hat man dabei das Gefühl, Klischees ausgeliefert zu sein. So fügt sich das fast kindliche Skandieren zum Belcanto-Bogen, der Ausbruch tremolierender Hysterie zum strömenden Atem konzentrierter Innerlichkeit.

Dass dies gelingt, verdankt sich der meisterhaften Ökonomie der künstlerischen Mittel, über welche die im Musiktheater sehr erfolgreiche Komponistin mittlerweile verfügt. Es verdankt sich auch der umwerfenden Natürlichkeit, mit der Amira Elmadfa ihre Partie gestaltet, anrührend ohne jede Sentimentalität, ernst und intensiv. Max Renne leitet das Ensemble mit eindringlicher Genauigkeit. Ein eigenwilliger Abend, der den Besuch lohnt, auch über den Anlass der Neueröffnung der Staatsopern-Werkstatt hinaus.

Weitere Vorstellungen am 14., 15., 17., 19., 20. und 22. Oktober