Patrizia Ciofi in Chaya Czernowins Oper "Heart Chamber" an der Deutschen Oper Berlin.
Foto: Michael Trippel 

BerlinDie neue Oper „Heart Chamber“ von Chaya Czernowin, uraufgeführt am Freitag in der Deutschen Oper Berlin, beginnt mit einem Kontrabass-Solo. Uli Fussenegger steht rechts von der Bühne in einer Box und zupft, streicht, tremoliert, schlägt aufs Griffbrett, von unten nach oben, wieder zurück bis ganz nach oben, wo sich die Sache auf zwei Tönen festfrisst. Dann geht auf der Bühne das Licht an und zwei Menschen auf Sesseln, vor dem Niemandsland eines schwarzen Hintergrunds schweigen uns an. 

Und nun? Das Kontrabass-Solo setzt etwas in Gang, in dem Bezüge prinzipiell schwer herzustellen sind. Die 90 Minuten kurze Oper ist komplex und simpel zugleich. Die israelische Komponistin schrieb sich den Text selbst, und er handelt von zwei Menschen, die sich treffen, zusammenfinden und sich doch nicht finden, die träumen und streiten, und am Ende heißt es „I love you“, was man dann doch nicht für eine Lösung halten möchte.

Kein Kammerspiel, sondern ganz großer Apparat 

Man glaube nicht, dass dieses Setting Chaya Czernowin zu einem Kammerspiel inspiriert hätte. Den beiden Sängern der Hauptfiguren, der Sopranistin Patricia Ciofi und dem Bariton Dietrich Henschel, sind Innenstimmen beigesellt, die den Hoch-Tief-Gegensatz ausgleichen, ohne die Geschlechter-Polarität aufzuheben: Noa Frenkel ist als tiefer Alt der Frau zugeordnet, Terry Wey als Countertenor dem Mann. Dazu kommen zahlreiche Statisten auf die Bühne.

Und außer dem Orchester und dem separaten Kontrabassisten, neben dem die Vokalartistin Frauke Aulbert sonderbare Geräusche hervorbringt, findet man links der Bühne das Ensemble Nikel mit Klavier, Saxophon, Schlagzeug und E-Gitarre und in zwei Logen ein Vokalensemble aus 16 Sängern. Dominant schließlich die Elektronik, teilweise live verfremdend, teilweise mit Samples arbeitend. Der Dirigent Johannes Kalitzke, der schon die drei vorigen Opern Czernowins uraufgeführt hat, hält diesen Apparat zusammen; hätten wir ihn bei einer Probe nicht detaillierte Anmerkungen machen hören, stünde die Behauptung, er leite die Aufführung souverän, auf wackligen Füßen.

Die Mittel sind gewaltig, der Effekt ist eher übersichtlich: Czernowin schreibt keine Überwältigungsmusik, vieles klingt überraschend dünn, aber dennoch so, als wäre es aus einer ursprünglichen Fülle destilliert. Auch der Text wirkt so: Ursprünglich wollte die Komponistin Abhandlungen aus medizinischen und psychologischen Büchern hineinarbeiten – nun sind nur einigeSätze geblieben, die das Verhalten der Personen skizzieren und zugleich ihre zuweilen widersprechenden Gedanken. Wenig davon wird gesungen, vieles gesprochen und geflüstert.

Foto: Michael Trippel
Chaya Czernowin: Heart Chamber, Inszenierung: Claus Guth, Dirigat: Johannes Kalitzke, nächste Vorstellungen: 21., 26. und 30. 11., 19.30 Uhr, Deutsche Oper, Bismarckstr. 35

Eine Handlung ergibt sich kaum, entweder sitzen uns in der Inszenierung Claus Guths die beiden Personen gegenüber und hinter ihnen laufen Projektionen wie Erinnerungen ab, oder die Bühne dreht sich und zeigt eine moderne Villa. Indem vieles weggelassen wurde, vieles von dem Übriggebliebenen aber gleichzeitig abläuft, stellt sich spontan ein Gefühl von Überforderung ein – was nicht schlecht sein muss.

Wenn sich nur eine Verbindung zum Geschehen einstellen würde! Tief hineinnehmen in die Wechselfälle einer Liebesbeziehung will uns diese Oper, die Figuren flüstern ihre Geheimnisse dank Elektronik dem Hörer direkt ins Ohr, aber wirkliches Interesse für diese stark stilisierten Figuren regt sich nie. Die Fragmentierung der Figuren in mehrere vokale und szenische Erscheinungsformen erschwert die Anteilnahme nicht nur des Zuschauers: Auch die Sänger selbst haben dadurch keine „vollständige“ Partie, die sie im vertrauten Sinne „gestalten“ könnten. Sie werden zu funktionalen Größen einer von der Komponistin beherrschten Struktur, die den Ausführenden wenig Raum lässt, etwas beizutragen, den Rest an Spontaneität erledigt der Zeitplan der Elektronik und der Videos.

Inspiriert von Eva Illouz' Gefühlsforschung 

So klinisch isoliert ist ein Beziehungsgeschehen kaum je zum Gegenstand einer Oper gemacht worden, und gerade diese weitestgehende Isolation von gesellschaftlichen oder gar metaphysischen Rahmungen ist aktuell. Man könnte „Heart Chamber“ als musikdramatisches Pendant zu den soziologischen Untersuchungen von Czernowins Landsfrau Eva Illouz verstehen, die das Schicksal der Gefühle im Kapitalismus untersucht: Ebenso isoliert wie hier wird die Liebe zum nervös befragten, mit Erwartungen überfrachteten Mittelpunkt der emotionalen Existenz. Dass sich in all dem Hauchen, Knacken, Summen kein musikalischer Ausdruck dafür findet, ist bemerkenswert und grausam. Wir scheinen im Innersten von Musik verlassen. Alle Beteiligten empfing großer Applaus.