Ein Bild von Erik-Jan Ouwerkerk, das in der Ausstellung „urbainable – stadthaltig“ in der Akademie der Künste in Berlin gezeigt wird.
Foto: Akademie der Künste/Erik-Jan Ouwerkerk

BerlinEs ist derzeit mal wieder Mode, die Stadt für so ziemlich alle Übel der Welt verantwortlich zu machen – von der sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Gefahr, die durch dicht besiedelte Innenstädte und Häuser ausgehe, bis zu Kindermissbrauch, Rassismus, Gewalt, mangelnder Integration von Einwanderern und der Klimakatastrophe. Schon wird von einer neuen Stadtflucht der Reichen New Yorks gesprochen. So etwas sollte man im Hinterkopf behalten beim Besichtigen der Ausstellung „urbainable – stadthaltig“ in der Akademie der Künste am Hanseatenweg.

Trotz ihres Titels, der sowohl die englische wie die deutsche Sprache misshandelt, ein hochinteressantes Projekt. Hier treten nämlich die drei Kuratoren Tim Rieniets von der Leibnitz-Universität Hannover, der Architekt Matthias Sauerbruch und der einstige Hamburger Oberbaudirektor Jörn Walter sowie 33 Mitglieder der Akademie-Sektion Baukunst und ihre Freunde an zur vehementen Ehrenrettung der „europäischen Stadt“. Die Kernthese: Sie sei – im Unterschied zur „amerikanischen“ oder zur „asiatischen“ Stadt – mit ihrer gewachsenen Dichte und sozialen Mischung, mit ihren Plätzen, öffentlichen Räumen und ihrem geringen Energie- und Platzverbrauch das Mittel überhaupt, um Klimawandel und gesellschaftlichem Auseinanderfallen zu begegnen.

Teilnehmer eines Pressetermins in der Akademie der Künste schauen sich die Ausstellung „urbainable – stadthaltig“ an, die am 5. September 2020 eröffnet wurde.
Foto: dpa/Paul Zinken

Es fehlt der historische Rahmen

Doch wie soll sie sich in Zukunft entwickeln? Die Berlinerin Hilde Leon und ihre Kollegen widmen sich mit kleinen Modellen der Frage der „Schwelle“ zwischen öffentlichem und privatem Raum. Hier kommt die Gesellschaft zusammen – für viele Architekten im Zeitalter von Internet und Handy das zentrale Thema neben der Klimafrage. Da ist etwa die Cité du Théatre in Paris von Sobejano Nieto – ein langer Riegel mit grün bewachsenen Glaswänden vor alten Werkstatthallen, ein öffentlicher Treffpunkt. Aber ist das auch ein Ort der Armen? Helmut Schulitz zeigt kleine Hofhäuser mit eng vernetzten Gärten als Lösung, um Vorstädte auch sozial zu beleben, sodass sich etwa öffentlicher Nahverkehr wieder lohnt. In Los Angeles hat das offenbar funktioniert. In Deutschland steht dem aber das erstarrte Baurecht entgegen.

Die Ausstellung wurde lange vor dem Beginn der Covid-19-Pandemie geplant, deswegen ist hier noch klar: Das eigentliche Thema unserer Zeit ist der Klimawandel. Diesem Klimawandel kann auch mittels neuer Stadtviertel begegnet werden, wenn sie wie die Hamburger Hafencity dicht und auch sozial vielfältig geplant werden. Aber wie schwer es ist, ökologische Nachhaltigkeit zum generellen Maßstab des Planens und Bauens zu machen, zeigen die Architekten Grüntuch Ernst aus Berlin mit ihren Stadtgärten, den grünen Fassaden und den Gewächshäusern. Das sind Themen, die in den 1980er-Jahren schon längst bearbeitet schienen, als Gigon & Guyer beim Entwurf des Kirchner-Museums in Davos mit Altglas und energiesparender Technik arbeiteten. Hier wird besonders deutlich, dass dieser Ausstellung leider jeder historische Rahmen fehlt.

Wir haben seither viel Zeit mit ästhetisierenden Debatten verschwendet. Das zu zeigen, wäre Aufgabe der Kuratoren gewesen – etwa durch die Gegenüberstellung all dieser Arbeiten mit den vom Berliner Senat so eisern verteidigten Berliner Hochhaus-Projekten des Signa-Konzerns oder dem auch ökologisch skandalös altmodischen Museum der Moderne mitten auf dem Kulturforum. Doch Matthias Sauerbruch hat eben nur seine Akademie-Kollegen eingeladen. Die Beiträge stehen also unvermittelt nebeneinander. Manches ist altbekannt.

Anderes wie das neue Budapester Stadtviertel an der Donau von Kjetil Traedal Thorsen zeigt, wie toll neue Stadtplanung aussehen kann, die sich nicht im Berliner Rechteck-Schema erschöpft. Aber was bringt sie zusammen? Wieder einmal sind weibliche Perspektiven krass in der Unterzahl, fehlen Planer mit Migrationserfahrung fast völlig, ist auch Osteuropa beinahe nicht vertreten.

Ein Besucher der Ausstellung „urbainable – stadthaltig“ in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, die am 5. September 2020 eröffnet wurde.
Foto: dpa/Paul Zinken

Es gibt allerdings eine wirkliche Sensation, gleich den ersten Saal nämlich. Hier ist eine Auswahl aus dem Riesen-Œuvre des Berliner Architekturfotografen Erik-Jan Ouwerkerk zu sehen, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert die Wachstumsschmerzen der Moderne und dieser Stadt einzigartig dokumentiert. Architektur ist bei ihm nicht menschenleeres Kunstwerk, sondern Teil des Lebens. Wie da der Döner-Laden und der Erotik-Laden nebeneinander stehen, der Fuchs sich als neuer Großstadtbewohner schleicht, das alles wirkt großartig!

„urbainable – stadthaltig. Positionen zur europäischen Stadt für das 21. Jahrhundert“, Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg, bis 22.11., Di–Do 11–19 Uhr.