Ursula von der Leyen: EU-Präsidentin plant Europas zukünftige Forschung

Ursula von der Leyen hat vor wenigen Tagen die 27-köpfige EU-Kommission präsentiert, mit der sie als Präsidentin zusammenarbeiten wird. Das Ressort für Wissenschaft und Bildung übernimmt die Bulgarin Marija Gabriel, die bisher für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft verantwortlich war. Erstmals seit 1999 rücken damit zwei zentrale Arbeitsfelder wieder zusammen. Im Kabinett Jean-Claude Junckers gab es noch die sehr künstliche Zweiteilung zwischen „Forschung und Innovation“ auf der einen und „Bildung, Sport und Kultur“ auf der anderen Seite. Dass die jetzt überwunden ist, gehört zu den erfreulichen Seiten des neuen Kabinettszuschnitts. Noch besser wäre es gewesen, wenn man das auch im Namen gespiegelt hätte. Dass das Ressort „Innovation und Jugend“ heißt, nicht aber „Forschung und Bildung“, ist ein wenig kleinmütig.

In ihrer Aufgabenbeschreibung für das neue Superministerium hat Ursula von der Leyen wichtige Akzente gesetzt. Sie betont, dass das neue Forschungsförderprogramm komplett – also ohne Kürzungen – zu realisieren sei. Als wichtiges Ziel nennt sie die europäischen Hochschulnetzwerke, deren Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden solle. Das verlangt, dass sie nicht nur den Austausch von Studierenden, sondern auch gemeinsame hochkarätige Forschung betreiben.

Ursula von der Leyen: Für einheitlichere Bildungspolitik in Europa

Unbedingt positiv ist, dass die Präsidentin ihr Augenmerk auf den europäischen Hochschulraum richtet und energische Schritte zu seiner Vereinheitlichung fordert. Selbst 20 Jahre nach der Einführung der Bologna-Reform sind wir von einer vollgültigen Vergleichbarkeit der Studienprogramme und -abschlüsse weit entfernt. Auch hier gilt, dass die engere Verzahnung des Bildungs- und Forschungssektors in einem Ressort helfen kann, eine überzeugendere europäische Bildungspolitik zu verwirklichen.

Die nachfolgenden Punkte des Programms konzentrieren sich stark auf das Gebiet der Innovation. Forschung wird hier wesentlich als Instrument zur Etablierung von Schlüsseltechnologien, als Treiber im globalen Wettbewerb und Motor für Erfindungen bestimmt. Klar formuliert ist die Erwartung, man werde durch die angewandten Wissenschaften zu mehr ökonomischem Wohlstand kommen und gleichzeitig Maßnahmen der Zukunftssicherung – insbesondere im Klimaschutz – erfolgreich organisieren können.

Ursula von der Leyens Agenda macht Hoffnung auf größere Geschlossenheit

Bedauerlich dagegen ist, dass die Rolle der Grundlagenforschung in von der Leyens Aufgabenbeschreibung zu kurz kommt. Dabei bildet sie den eigentlichen Antrieb für Prozesse, die im wörtlichen Sinne unvorhersehbar und daher besonders produktiv sind. Die eigentlichen Sprünge entstehen durch ein unkonventionelles Erkenntnisinteresse, das von Neugierde getrieben ist. Der Göttinger Physiker Stefan Hell, Nobelpreisträger des Jahres 2014, betont in Vorträgen gern, wie sehr ihn das ungeliebte Thema seiner Doktorarbeit dazu herausgefordert habe, eigene Wege jenseits des Mainstream zu beschreiten.

Es wäre die Aufgabe einer gemeinsamen europäischen Förderpolitik, gerade das Unkonventionelle mit Ausdauer zu unterstützen und nicht nur auf technologische Verwertbarkeit zu achten.
Insgesamt aber lässt sich konstatieren, dass die bildungs- und forschungspolitische Agenda der neuen EU-Präsidentin Hoffnung auf größere Geschlossenheit und bessere Umsetzbarkeit macht.