Auf dem Balkon mit dem schmiedeeisernen Geländer blüht herrlich der Oleander, der auch bei den Spatzen der Nachbarschaft beliebt ist. Ursula Wieland hat Mariendisteltee gekocht. Das silberne Tablett ihrer Großeltern mit feinem Gebäck und Weintrauben stellt sie vorsichtig auf die Stapel, die sich auf dem Tisch im Salon angesammelt haben: Bildbände, Kunstbücher,  Kataloge.

Überall liegen Bilder und Entwürfe. Ab dem 2. November wird von ihr in Stuttgart ein zwei Meter großes Triptychon des einstigen Pariser Erzbischofs Jean-Marie Lustiger und den ihm Nahestehenden aller Religionen gezeigt –  im Rahmen der Sammelausstellung „fremd-vertraut“ des Künstlersonderbundes, einem Zusammenschluss von Kreativen, die sich dem gegenständlich-figurativen Realismus verpflichtet fühlen.   

Ursula Wieland gehört da zu den Stars, auch wenn sie das nie von sich sagen würde.  Sie ist Porträtmalerin, und wer ihren Rang ermessen will, muss sich nur vor Augen führen, dass schon Johannes Paul II., ein leibhaftiger Papst, für sie Modell gesessen hat.   Im  Londoner Museum of the Order of St  John flankieren ihre Bilder von Lord Grey of Naunton, dem letzten Governor of Northern Ireland, und des 6. Earl Cathcart,   britischer Stadtkommandant in Berlin, das Porträt der Queen.

Man würde zu gerne in ihr Adressbuch schauen, wenn sie in ihrer Charlottenburger  Altbauwohnung ihre Korrespondenz erledigt. Sie tut dies  mit ihrem Laptop der neuesten Generation an einem Sekretär aus dem 17. Jahrhundert, der die 200 bis 300 Jahre alte Familienbibliothek beherbergt: Lessing, Jean Paul, Ovid und Voltaire. Dazwischen die gesammelten Werke ihres Lieblingsschriftstellers Thomas Mann, den die diplomierte Dolmetscherin gerade auf Deutsch und Französisch liest.

Beim Malen hört sie am liebsten Brahms

Im Radio erklingt leise klassische Musik. Zum Malen hört Ursula Wieland am liebsten Brahms. Wenn sie Zeit hat, setzt sie sich an den Flügel und spielt Bach oder Schumann. Zu ihrer Jugendzeit – wann genau das war,  behält sie lieber für sich – gab es noch viele Vorurteile über Künstler. Die Großmutter riet ihr deshalb: „Sag niemandem, dass du malst!“ Dem Vater zuliebe studierte die gebürtige Heidelbergerin zunächst Pharmazie, bald darauf Sprachen. Vom Malen konnte sie dennoch nicht lassen.

Schon früh war sie fasziniert von der Mimik der Menschen – besonders dann, wenn sie eine schlechte Nachricht erhielten. Als Kind durfte sie ihren Vater, einen Arzt, häufig auf Krankenbesuchen begleiten. Bisweilen musste dieser den Angehörigen sagen: „Es geht nicht mehr lange.“ Fasziniert beobachtete das Mädchen dann die Bewegung ihrer Gesichtsmuskeln und die Veränderung des Ausdrucks.

Schließlich studierte sie doch Kunst, und Kunstgeschichte gleich dazu. Der Durchbruch kam in London dank ihres Mentors, dem abstrakt-surrealistisch arbeitenden Maler Graham Sutherland. Ihre weitere Karriere verdankt sie einem Zusammenspiel glücklicher Zufälle und Begegnungen. 1968 traf sie im Wiener Konzerthaus Herbert von Karajan und fragte ihn, ob sie Skizzen von ihm anfertigen dürfe. Die gefielen dem Maestro so sehr, dass er sie anschließend ins Konzert einlud. Später kreuzte Leonard Bernstein ihren Weg. Sie sprach ihn einfach auf der Straße an und prompt landete auch sein Konterfei in ihren Skizzenbüchern.

Tinguely im Flugzeug

Ihre Glückssträhne riss nicht ab. Bei einem Sitznachbarn im Flugzeug handelte es sich um den berühmten Schweizer Maler und Bildhauer Jean Tinguely. „Ich kenne Sie, aber Sie kennen mich nicht“, sagte sie zu ihm und durfte ihn zeichnen. Daraus entstand später ein Ölgemälde, und Tinguely schrieb seinem Freund George William Staempfli, einem legendären New Yorker Galeristen: „Da gibt es eine Malerin, die Sie unbedingt kennenlernen müssen.“ Inzwischen hat sie Galeristen auch in der Schweiz, in Südafrika und in Singapur.

Und weitere Berühmtheiten saßen ihr Modell: der Komponist Philip Glass, Peter Ustinov, die Schriftsteller Tschingis Aitmatow und Elie Wiesel und die später ermordete Premierministerin Pakistans, Benazir Bhutto.  In mehreren, selten länger als 15 bis 20 Minuten dauernden Sitzungen erlebte Ursula Wieland diese weltbekannten Persönlichkeiten hautnah, meist sehr einfach und natürlich, und empfindet das als „großes Glück.“

Der Geiger Yehudi Menuhin beeindruckte mit Menschlichkeit, und Stephen Hawking punktete mit Humor. Der unter einer Nervenkrankheit leidende  Physiker konnte nicht mehr sprechen, als sie ihn 1992 malte, und kommunizierte stattdessen über seinen Sprachcomputer. Er begrüßte sie mit den Worten: „Ich bin gar nicht so großartig und auch nicht so intelligent“ und nahm ihr damit die Scheu vor der Begegnung, an die sich Ursula Wieland gerne erinnert. „Er war so lustig und nahm sich selbst nicht so ernst.“

Anschließend wurde das Bild zugunsten der Internationalen Behindertenstiftung der Vereinten Nationen versteigert. Auch der Erlös vieler anderer Bilder, die   bei den großen Auktionshäusern Christie’s und Sotheby’s unter den Hammer  kamen, ging an wohltätige Zwecke. Über ihren Marktwert redet sie ungern – der Begriff „hochgehandelt“ ist das Äußerste, was sie zulässt.

Wie Menschen mit sich zurechtkommen, treibt sie an

Was Ursula Wieland antreibt, ist ihre „ewige Neugier“. Es fasziniert sie, wie Menschen durchs Leben gehen. Wie sie mit sich selbst und den Widerständen, die ihnen begegnen, zurechtkommen. Die Neugier gilt auch den ganz normalen Individuen aus ihrer 50 Ölbilder umfassenden Serie „Die Welt der Flugreisenden“.

Menschen, die unterwegs sind, faszinieren die vielgereiste promovierte Künstlerin seit jeher. Aus in Flugzeugen und -häfen angefertigten Skizzen entstandene Ölgemälde zeigen Wartende, Schlafende und bisweilen Gestrandete: eine sich auf der Flugzeugtoilette schminkende Frau oder einen Geschäftsmann am Telefon. Fast fotorealistische Stimmungsbilder von auf sich zurückgeworfenen Geschöpfen.

Es ist „die geistig-seelische Ausstrahlung eines Menschen“, die sie interessiert und nicht die „geschminkte Schönheit“. Wenn sie Frauen malt, macht sie diese nicht jünger und die Augen oder Lippen nicht größer. Anders als viele Maler, die ihre Modelle viel schöner dargestellt haben, als sie sind. „Mit den Augen der Liebe kann man Falten und Fett abstrahieren“, lacht Ursula Wieland. „Gucken Sie nur Ihr eigenes Kind an!“ Sie selbst sieht „mit dem Herz und der Seele“.

Ein Blick in den Spiegel sagt viel aus

Besonders aufschlussreich sei der Blick in den Spiegel. „Haben Sie schon mal Menschen dabei beobachtet? Sie machen dann nämlich genau das Gesicht, das sie sehen wollen.“ Auch das Selbstporträt verrät viel. Oftmals ist es zu schmeichelhaft oder auch zu kritisch. Mit ihrer viel zu hohen, viel zu wackeligen Leiter holt sie ein unter der Zimmerdecke verstautes 20 Jahre altes Selbstbildnis hervor. „Zu kühl“ urteilen ihre Freunde. Sie selbst dagegen findet: „Das bin ich. Ich sehe mich so. Man sieht  sich selbst ja ganz anders, als andere einen sehen.“

Möglicherweise sieht man andere genauer als sich selbst? Oft weiß Ursula Wieland auf den ersten Blick, mit wem sie es zu tun hat. Ein bisschen wie eine Psychologin. Aber da gibt es auch so viel, was sie nicht weiß. Sie ist fasziniert von dem Geheimnis, das den Menschen umgibt. Jeden zeichnet sie so, wie sie ihn wahrnimmt. Dabei hilft ihr der Glaube daran, „dass jeder Mensch in sich gut ist“. Vielleicht kann sie deshalb guten Gewissens sagen: „Es hat noch niemanden gegeben, den ich nicht gerne gemalt habe.“

Schon im Vorfeld beschäftigt sich Ursula Wieland intensiv mit den Personen, die sie auf der Leinwand verewigen will: mit ihrem Leben, mit ihrer Art zu sein, mit ihren Gesichtsausdrücken und Haltungen. Viele haben übrigens verschiedene Gesichter. Sie beobachtet ihr Gegenüber ganz genau. Dieses zeigt ihr unbewusst, wie es gemalt werden will und gibt damit viel preis.

Ursula Wielands Neugier ist weiter ungebrochen. Und es gibt noch einige, die sie unbedingt malen möchte. Menschen, die ihr etwas bedeuten, etwa ihre drei Kinder und die sechs Enkelkinder. Auch Persönlichkeiten könnten darunter sein. Doch solange ein Bild noch nicht fertig ist, hält sie es mit der Devise: bloß keine Namen! Wann ist sie mit einem Porträt eigentlich wirklich zufrieden? Im besten Falle, wenn es ihr gelungen ist, „die Essenz eines ganzen Lebens aufs Papier zu bringen.“