Hamburg/Berlin - Hamburg am frühen Morgen. Erkältungswetter. Victoria Mayer sitzt im Wintergarten eines Fünf-Sterne-Hotels und streicht sich über ihre kurzen braunen Haare. Sie ist 40 geworden dieses Jahr und hat damit ein Alter erreicht, von dem immer behauptet wird, es sei ein schwieriges für Schauspielerinnen. Eine Zäsur in der Karriere. Die Angebote werden dann weniger, die Rollen reduziert auf Klischees von patenten Hausfrauen, trunksüchtigen Müttern und verbitterten Kommissarinnen. Victoria Mayer muss nichts davon spielen, auf sie trifft diese Behauptung nicht zu. Im Gegenteil – ihre Karriere lief nie besser.

Journalistin der Berliner Zeitung

An diesem Sonnabend startet in den Staaten die zehnteilige Agentenserie „Berlin Station“, in der Mayer eine Journalistin der Berliner Zeitung ist. Mit „Berlin Station“ will der Pay-TV-Sender Epix ins Seriengeschäft einsteigen, offenbar motiviert vom Erfolg der aufwendigen Eigenproduktionen anderer Sender wie HBO oder Netflix, die seit ein paar Jahren mit Serien wie „The Wire“, „Game of Thrones“ oder „House of Cards“ weltweit Millionen Zuschauer erreichen.

Wenn diese Rechnung für Epix aufgeht, könnte Victoria Mayer international bekannt werden. Sie, die sich als toughe Reporterin eine Fehde mit dem CIA-Agenten Daniel Miller, gespielt von Richard Armitage, liefert. Um Wahrheit geht es in der Serie, um Verrat und einen mysteriösen Whistleblower namens Thomas Shaw.

Gedreht wurde unter anderem in Berlin – an Orten, die das Bild der Stadt nach außen hin geprägt haben. Es gibt Aufnahmen vom Brandenburger Tor, dem Berliner Dom und anderen Sightseeing-Punkten. Und natürlich vom Haus des Berliner Zeitung am Alexanderplatz, deren Journalistin Mayer ja spielt.

Eine Rolle, von der sie an diesem Morgen im Hamburg sagt, dass sie sie unbedingt wollte. Die Journalistin Ingrid Hollander sei eine Frau voller Wut und Aggression, erklärt Victoria Mayer: „Ingrids Kämpfernatur hat mich wirklich sehr gereizt. Diese Frau hat klare Prinzipien, sie ist offensiv und sehr, sehr wütend.“

Die Stadt als Star

Den Alexanderplatz kannte Victoria Mayer, die in einer Kleinstadt am bayerischen Ammersee lebt, schon, bevor die Dreharbeiten begannen. Natürlich sei das etwas anderes als München, sagt Mayer, aber ihr gefalle die etwas raue Atmosphäre rund um den Berliner Verlag und überhaupt die Stadt, die auch ein Star der Serie ist.  Es gibt eine Szene in „Berlin Station“, in der der Agent Daniel Miller seine Chefin fragt, was mit ihm passieren würde, wenn er den Whistleblower nicht aufspüre. Er solle dann schon mal anfangen, Berlin zu lieben, antwortet sie.

Das Berlin, das die Serie zeigt, ist eines, das man lieben könnte. Viele berühmte Orte sind zu sehen, der Dom, der Alexanderplatz, die Spree und natürlich das Kottbusser Tor, das Synonym für das härtere Berlin. Einmal sieht man den Agenten mit Frau und einem Kind, dem er offenbar Spielzeug gekauft hat.

Dass die Idee, einem Kind in dieser Ecke Kreuzbergs Spielzeug zu kaufen, jeden Berliner grinsen lässt, spielt aus amerikanischer Sicht sicher keine Rolle. Man will Berlin so zeigen, wie Berlin in der Welt schon bekannt ist. Darin unterscheidet sich „Berlin Station“ sicherlich nicht vom deutschen „Tatort“. Wenn der in der Hauptstadt spielt, wird auch unentwegt auf der Karl-Marx-Allee hin- und hergefahren. Und doch: Das etwas düstere, ewig an die Zeiten des Kalten Krieges erinnernde Bild passt zu „Berlin Station“; schlussendlich handelt es sich um eine Agentenserie.

Exotisch und rätselhaft

Könnte sein, dass die Serie ein Erfolg wird. Könnte sein, dass Victoria Mayer ein Star wird. Ist sie wenigstens ein bisschen aufgeregt? Victoria Mayer nippt an ihrem Cappuccino und sieht so unbeeindruckt aus, wie man nur aussehen kann angesichts der Tatsache, in einer US-Produktion mitgespielt zu haben, die gerade in New York mit großen Plakaten beworben wird. Sie ist bodenständig, und das dürfte ein Grund dafür sein, warum die Produzenten sie für die Rolle der Journalistin Hollander ausgewählt haben.

Der andere Grund vermutlich: die kühle Ausstrahlung natürlich, die Amerikaner an Europäern exotisch und rätselhaft finden. Victoria Mayer legt an Distanz noch zu, wenn ihr eine Frage nicht behagt. Dann kann sie das Gegenüber sehr eingehend mustern, was durchaus einschüchternd wirkt. Sie weiß das, und sie mag das. Ihr ist diese Art von Schutz wichtig, und so weiß man nur wenig über sie, obwohl sie seit 20 Jahren im Geschäft ist und in großen Produktionen mitgespielt hat.

Vom „Berlin Station“-Projekt erfuhr Victoria Mayer über die Berliner Casterin Simone Bär, die als eine der einflussreichsten der Branche gilt. „Die Rolle gefiel mir sofort und ich habe mich mit einem kurzen Film, einem Selftape, beworben“, erzählt sie. „Mein Mann, der auch Schauspieler ist, und ich spielten eine Szene aus ‚Berlin Station‘ in unserem Wohnzimmer und nahmen rund drei Minuten mit der Kamera auf.“

Das Band ging an Epix, die Zusage kam kaum zehn Tage später. „Ich glaube, das wirkt von außen glamouröser, als es ist“, sagt Mayer mit dem für sie typischen Understatement. Zwölf Drehtage hatte sie während der fünfmonatigen Drehzeit ab November 2015 in Berlin. „Vor Drehbeginn gab es eine große Leseprobe, alle Darsteller waren da. Aber ich bin nicht regelmäßig in die Staaten gejettet, um dort am Set zu sein“, erklärt sie. Ihre Ingrid Hollander ist dennoch in immerhin sieben der zehn Folgen zu sehen.

Bloß keine Homestory

Dass die Agentenserie „Berlin Station“ ihr Durchbruch zu einer größeren Karriere sein könnte, das sei ihr weder wichtig noch entspräche es ihrer Berufsidee. „Ich bin Schauspielerin, weil es mir um die Geschichten und die Figuren geht. Die Vermutung, alle Schauspieler wären Rampensäue, die nur auf Ruhm und Geld aus seien, ist ein Klischee“, sagt Mayer und blickt nun ein wenig angestrengt nach draußen in den trüben Hamburger Morgen.

Am Nachmittag wird sie nach München fliegen, nach Hause an den Ammersee, zum Mann und den beiden Kindern, um am Donnerstagabend wieder in Hamburg zu sein, wo sie gerade den Episodenfilm „Was uns nicht umbringt“ an der Seite von Christian Berkel und August Zirner dreht. Wegen dieser Arbeit mit anderen Menschen, das betont sie oft, sei sie Schauspielerin geworden.

Victoria Mayer ist nicht leutselig und würde nie zu einer Homestory an den Ammersee laden. „Nein, ganz bestimmt würde ich das nicht tun“, sagt sie. Und dass sie nie auf der Straße erkannt werde. Leute kämen zwar auf sie zu, würden sie aber in der Regel für die Freundin einer Freundin halten oder für jemanden, dessen Namen ihnen partout nicht einfällt. Der Schauspielerin ist das gerade recht, und zu einem guten Teil mag es auch daran liegen, dass sie eben nicht in Hamburg oder Berlin lebt, wo es Fernsehsender und Produktionsfirmen, Magazine und Tageszeitungen.

Einen deutschen Sendetermin gibt es für „Berlin Station“ noch nicht, aber wenn die Serie ihren Weg ins deutsche Fernsehen finden sollte, dann wird Victoria Mayer den amerikanischen Zuschauern schon ein vertrautes Gesicht sein. Es wird sich zeigen, ob sie auf der Straße immer noch für die Freundin einer Freundin gehalten wird.