Harvey Weinstein und seine Anwältin Donna Rotunno am Freitag.
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New YorkAm Ende ging alles erstaunlich schnell. Nicht einmal fünf Wochen stand Harvey Weinstein in New York vor Gericht, bevor Verteidigung und Anklage vor die Jury traten, um ihre Schlussplädoyers in einem Gerichtsverfahren abzugeben, das als einer der bestimmenden kulturellen Momente unserer Zeit in die Geschichte eingehen wird.

Die zwölf Geschworenen haben nun zu entscheiden, ob der einstige Heiland Hollywoods in einem der verschiedenen Anklagepunkte – Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und „predatory sexual assault“ (also in etwa „raubtierhafter sexueller Angriff“) – schuldig ist.

Weinstein als Opfer der MeToo-Bewegung?

Ab Dienstag will sich die Jury zu ihren Beratungen zurückziehen. Doch es ging in New York um mehr als nur die persönliche Schuld von Harvey Weinstein. Zur Verhandlung stand auch, ob die durch die MeToo-Bewegung geschaffenen gesellschaftlichen Standards sexuellen Machtmissbrauchs auch vor Gericht standhalten.

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Weinsteins Anwältin Donna Rotunno wiederholte in ihren abschließenden Ausführungen, was sie schon vor dem Prozess in allen amerikanischen Medien laut und deutlich zum Besten gegeben hatte. Die streitbare Advokatin hält Weinstein nicht für einen Täter, sondern für ein Opfer der MeToo-Bewegung, die laut Rotunno unhinterfragt allen Anschuldigungen von Frauen glaubt.

Willentlich und wissentlich

Die beiden Hauptzeuginnen, Jessica Mann und Mimi Haleyi, so Rotunno, seien willentlich und wissentlich sexuelle Beziehungen mit Weinstein eingegangen. Eine Tatsache, die die Staranwältin nicht zuletzt daran festmachte, dass beide Frauen nach den vermeintlichen Fällen von Vergewaltigung weiter mit Weinstein beruflichen und privaten Kontakt unterhielten.

„Im Skript der Anklage“, so Rotunno im Schlussplädoyer, „sind die Frauen für nichts verantwortlich. Nicht für die Partys, auf die sie gehen, nicht für die Männer, mit denen sie flirten, nicht für die Hotelzimmer, in die sie gehen, nicht für die Jobs, die sie sich erhoffen.“

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Rotunno bat die Geschworenen, nicht auf die Vorverurteilung Weinsteins in den Medien, sondern auf ihren gesunden Menschenverstand zu hören. „Sie müssen Harvey Weinstein nicht mögen. Zur Verhandlung steht hier nicht seine Moral.“ Weinsteins Verhalten gegenüber Frauen sei gewiss nicht vorbildhaft gewesen. Doch einen kriminellen Akt habe es in den beiden fraglichen Fällen nicht gegeben.

Harvey Weinstein als „Herr des Universums“

Die Anklage hingegen sah in den Zeugenaussagen der vergangenen Wochen klare Indizien dafür, dass Weinstein nicht nur im Fall dieser Frauen seine Machtstellung dazu benutzt hat, Sex zu erzwingen, sondern dass er allgemein über viele Jahre ein Muster sexuell „räuberischen“ Verhaltens an den Tag gelegt habe. Im Raum stehen 25 Jahre Gefängnis, lebenslänglich im Bundesstaat New York.    

Der 67-Jährige sei ein „Raubtier“, sagte Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon am Freitag in ihrem von spitzen Pointen begleiteten Schlussplädoyer. Sie forderte die Geschworenen auf, den mutmaßlichen Opfern Glauben zu schenken: Diese hätten keinen Grund zu lügen. Illuzzi-Orbon warf Weinstein vor, seine Macht in Hollywood missbraucht zu haben, um Frauen sexuell zu attackieren. Der einst mächtige Filmproduzent habe sich wie der „Herr des Universums“ gefühlt, der auf Frauen herumtrampeln könne wie auf Ameisen.

Zusammenbruch der Zeugin

So klar in den Augen der allgemeinen Öffentlichkeit seit den ersten Berichten über Harvey Weinstein vor rund zwei Jahren die Schuld des einstigen Moguls war, desto komplizierter wurde das Bild im Saal von Richter James Burke. Der aggressiven Anwältin Donna Rotunno, die in vielen Medien als Verräterin an der MeToo-Bewegung bezeichnet wird, ist es gelungen, die Glaubwürdigkeit der beiden Hauptzeuginnen sowie der vier zusätzlichen Zeuginnen in Zweifel zu ziehen.

Schlüsselmoment war das Kreuzverhör von Schauspielerin Jessica Mann, die Weinstein beschuldigt hatte, sie im Jahr 2013 in einem Hotelzimmer in Los Angeles vergewaltigt zu haben. Rotunno setzte Mann derart unter Druck, dass sie emotional zusammenbrach und die Sitzung abgebrochen werden musste.

Anwältin Donna Rotunno sorgt für Zweifel

Die Anwältin konfrontierte die 34-Jährige mit Nachweisen und Aussagen, dass sie eine mehrjährige sexuelle Beziehung zu Weinstein unterhielt, von der sich die Schauspielerin berufliche Vorteile versprach. Während der gesamten Zeit habe sie sich nie über Missbrauch oder Gewaltanwendung beklagt. Zu Manns Zusammenbruch führte die brutal vorgetragene Anschuldigung, Mann habe Weinstein manipuliert, nicht umgekehrt.

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Auch bei der zweiten Frau, deren Fall in New York verhandelt wird, stellen sich solche Fragen. Mimi Haleyi bat Harvey Weinstein 2013 um einen Job als Produktionsassistentin. Weinstein verschaffte ihr den Job, erwartete aber als Gegenleistung Sex. Nach mehreren Versuchen ihn abzuwehren, gab Haleyi schließlich nach und unterhielt auch danach weiterhin einen Kontakt mit Weinstein.

Anklage gegen Weinstein in Los Angeles

Nun bleibt die Frage, ob die Aussagen der anderen Zeuginnen, die sexuellen Kontakt mit Weinstein hatten, ausreichen, ihm eben jenes fragliche Verhaltensmuster nachzuweisen, das zu einem maximalen Strafmaß führt. Die Aussagen von rund 90 Frauen in den Medien dürfen die Geschworenen nicht berücksichtigen. Auch bei den vier anderen Zeuginnen ist es Rotunno zumindest gelungen, Zweifel zu säen.

Die Behauptungen von Schauspielerin Annabella Sciorra, Weinstein habe sich gewaltsam Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft, wurden etwa durch die Aussage des Pförtners ihres Apartmenthauses widerlegt. Und so ist eine Verurteilung von Harvey Weinstein alles andere als gewiss.

Doch die Prüfung, ob #MeToo justiziabel ist, endet nicht in New York. Auch die Staatsanwaltschaft in Los Angeles hat Anklage gegen Harvey Weinstein erhoben. Selbst wenn Rotunno in New York triumphieren sollte, ist der Fall Weinstein noch lange nicht erledigt.