Bilderrahmen haben, isoliert betrachtet, etwas Unfertiges an sich. Und dennoch sind sie seit der Renaissance aus der Kunst kaum wegzudenken. Wie wichtig der Rahmen für das Gerahmte ist, bemerkte seinerzeit auch der einflussreiche französische Kurator Germain Bazin. Als während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Gemälde aus dem Louvre evakuiert wurden, um sie vor den Nazis zu retten, blieben dort nur Räume voller leerer Rechtecke übrig. „Kaufen Sie Rahmen!“, schrieb Bazin seiner Kollegin Christiane Aulanier im Juni 1944: „Morgen werden die Amerikaner die wenigen, die die Deutschen übrig lassen, wegräumen.“

Heute verfügt das Louvre über eine der größten Rahmensammlungen der Welt, 2018 beschäftigte sich sogar eine eigene Ausstellung mit ihnen. Im Zentrum stand die Funktion des Rahmens, das in ihm Befindliche aufzuwerten, dabei aber gleichzeitig wie unsichtbar zu erscheinen. Die Funktion der Aufwertung nutzt jetzt auch eine Video-Kampagne des kürzlich gewählten US-Präsidenten Joe Biden: Zum uramerikanischen Ray-Charles-Gospel – „America the Beautiful“ – schwenkt die Kamera darin über die Skyline Philadelphias, in dem für die US-Wahl entscheidenden Swing-State Pennsylvania. Trump hatte Pennsylvania 2016 für sich entschieden. Biden lag jetzt nur knapp unter einem Prozentpunkt vorn.

In dem Video sind alternde Cowboys zu sehen, Fischer beim Muschelknacken, Arbeiterinnen auf Feldern, eine inspirierte Fotografin. Surfer, Kinder, Boxerinnen, Frisöre und Rocker. Wir sehen Schwarze und Weiße, Alte und Junge, Indigene, Familien, Transgender. Was sie eint? Der goldene Bilderrahmen! Durch den gucken sie hindurch oder zeigen uns ihr Amerika. Ein Amerika, so scheint es das Video zu illustrieren, das nach vier bitteren Jahren institutionalisiertem Rassismus und Spaltung endlich zu seinen pluralistischen Wurzeln zurück muss. Ein Amerika, das wieder eine „Nation of Immigrants“ werden will, wie John F. Kennedy sie einst stolz beschwor.

Die Performance „Art Is...“ diente als konzeptuelle Grundlage

Das Konzept, Menschen in Bilderrahmen zu setzen, um so Bilder eines inklusiven Amerikas zu produzieren, ist nicht neu. Es stammt von der US-Künstlerin Lorraine O’Grady. Auf einer afroamerikanischen Parade in Harlem hatte die heute 86-Jährige 1983 Leuten goldene Rahmen in die Hand gedrückt, um so Teilnehmer hervorzuheben. Die Performance „Art Is...“ wurde auf Fotos festgehalten. Sie war als Antwort auf einen Bekannten O’Gradys konzipiert, der sagte, Avantgarde-Kunst habe mit Schwarzen nichts zu tun. O’Grady beschloss, die Avantgarde in den größten Schwarzen Raum zu verfrachten, den sie sich denken konnte. „Das Konzept war, dass man die Leute, indem man sie rahmte, selbst als Kunst anerkannte.“

Sicher hat sich die Kunstwelt inzwischen verändert. Schwarze Künstler werden stärker wahrgenommen. Dennoch wirkt O’Gradys Performance zeitgemäßer denn je. In den Bilderrahmen sieht man Schwarze Parade-Teilnehmer, aber vereinzelt auch weiße Polizisten – Aufnahmen, die nach George Floyd geradezu radikal erscheinen.

„Biden sagt dem Land dasselbe, was ich der Kunstwelt sagte“, kommentierte O’Grady das Video der Biden-Kampagne gegenüber der „New York Times“. „Wir sind eine große und vielfältige Community und wir müssen alle einbezogen werden.“