Als sich Leonardo DiCaprio 1997 auf den Meeresgrund verabschiedete, weinten wir. Als vier Jahre zuvor, 1993, ein T-Rex aus seinem Gehege ausbrach und unbehelligt durch den Jurassic Park spazierte, erschraken wir. Als Pier Paolo Pasolini 1975 in seinem letzten Film „Die 120 Tage von Sodom“ Kinder foltern und verstümmeln ließ, verstummten wir.

Aber wir weinen Kinotränen, denn im Kino frisst uns kein Dino und im Kino wissen wir, dass der Darstellerkörper unversehrt den Gewaltszenen-Dreh verlässt. Im Kino sind wir sicher. Und wären wir tatsächlich unfähig, uns zu jeder Sekunde selbst daran zu erinnern, dass wir genau das sind, dann wären wir mit ziemlicher Sicherheit auch völlig unfähig zum ästhetischen Genuss. Das ist eine Grundvoraussetzung für die kinematografische Erfahrung und Attraktion: Zwischen mir und dem Urzeitmonster ist eine Leinwand.

72 Minuten in Echtzeit

Seltsam ist, dass ausgerechnet ein Filmregisseur – zumal einer der renommiertesten Norwegens – genau dieses Grundprinzip nicht verstanden zu haben scheint. Gemeint ist Erik Poppe, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale mit seinem Survival-Horror-Thriller „Utøya 22. Juli“ vorstellig wurde. Worum es in diesem Film geht, macht der Titel klar: Am 22. Juli 2011 erschoss der Rechtsterrorist Anders Breivik 67 Menschen auf der Fjordinsel Utøya, auf der zu dieser Zeit eine Jugendfreizeit der sozialistischen Partei stattfand. Entsprechend jung waren die Opfer. 72 Minuten dauerte das Massaker, das sich an einen Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel anschloss, durch den acht Menschen ihr Leben verloren.

Poppe hat das schreckliche Ereignis für die Leinwand präpariert. In einer 72-minütigen Echtzeit-Plansequenz, ohne Schnitt gedreht, folgen wir dem jungen Mädchen Kaja, das während des Anschlags auf der kleinen bewaldeten Insel um ihr Überleben rennt. Hilflos versucht sie ihre jüngere Schwester Emilie zu finden, die sie über das Handy nicht erreichen kann. Einem etwa 14-jährigen Mädchen (die jüngsten Opfer waren 14 Jahre alt) wurde in den Bauch geschossen; es liegt auf dem Boden mit einer riesigen Wunde, ein minutenlanges Sterben. Kaja ist bei dem Mädchen, hält seine Hand, flüstert ihm zu. Es ist die Szene, in dem das Programm dieses Films auf den Punkt kommt. Die Szene giert geradezu danach, dass über sie geschrieben wird, weil sie sich im Horror nicht nur überschlägt, sondern überschlagen will – unter dem Deckmantel schonungsloser Authentizität.

Gefilmt durch eine höchst gestresste, körpernahe Handkamera, sehen wir den Täter nur einmal als Silhouette im Bildhintergrund. Ansonsten hören wir ihn vermittelt durch das Dauerfeuer, das er aus seinen halbautomatischen Waffen regnen lässt. Die Idee, die Poppe mit diesem Film verfolgt – sie ist derart unbedarft und primitiv, dass man sie kaum erwähnen möchte –, ist folgende: Er möchte, statt den Täter zu zentrieren, mit dem Film ein Monument für die Opfer errichten. Er möchte sein Publikum mit Du ansprechen. Ich soll empfinden können, wie es war, ich bekomme die Todesangst ins Nervenkostüm gespritzt, ich soll das Gefühl haben, dabei zu sein, potenziell, virtuell Opfer zu sein.

Auf dem Rücken der Opfer

Und so einfach es klingt, so einfach ist es auch: „Utøya 22. Juli“ ist nichts anderes als eine reine Kinoattraktion, nichts als ein audiovisuelles Artefakt, das bestaunt werden will für die Art und Weise, wie es mich zum Opfer macht. Und Staunen ist einfach. Denn ich bin sicher. Ich werde nicht sterben. Ich bin im Kino und schaue. Zwischen Breivik und mir ist eine Leinwand. Wer schon einmal einen Hitchcock-Film gesehen hat, weiß im Übrigen auch, dass eine ausgestellte Absenz mitunter zu den stärksten Präsenzen gehört, die das Kino zu stiften imstande ist. „Utøya 22. Juli“ ist ein Film über Breivik, da kann er sich noch so sehr für das Gegenteil rühmen.

Geschmacklos an diesem Film ist deshalb auch nicht einfach der Zynismus, der seiner Attraktionsagenda zugrunde liegt; es ist die Ignoranz, die er sich selbst gegenüber geradezu kultiviert. „Utøya 22. Juli“ ist eines der größten filmischen Missverständnisse des Jahrzehnts. Denn so sehr Poppe auch bemüht sein mag, Breivik auf mich loszuhetzen, es wird mir nichts passieren. Das Schöne an der Todesangst im Kino ist, dass ich sie nicht haben muss. Und in genau diesem Sinne ist dieser Film auch keine Reflexion über das unvorstellbare Sterben von 2011, er ist kein Opfermonument, sondern ein Geschenk an meine eigene Lebendigkeit. Auf dem Rücken der Opfer bin ich vitaler als je zuvor. Denn was wäre lebendiger als ein von der Todesangst befreites Ich?

Utøya 22. Juli Norwegen 2018, Regie: Erik Poppe; Drehbuch: Siv Rajendram Eliassen, Anna Bache-Wiig; Darsteller: Andrea Berntzen, Aleksander Holmen, Solveig Koløen Birkeland, Breda Fristad; 93 Minuten, Farbe, FSK o.A. Ab Donnerstag im Kino.