Sicher, die Frage, wer wen benutzt und wozu ist eine moralische, also auch problematische. Einem an sich manipulativen Medium wie dem Kino Manipulation, gar Ausbeutung vorzuwerfen, hat etwas Verständnisloses, mit den Regeln nicht Vertrautes. Und doch werfen zwei Wettbewerbsfilme diese Fragen auf, jeder auf seine Art. „Utøya 22. Juli“ und „3 Tage in Quiberon“ sind höchst unterschiedliche Filme, gemeinsam ist ihnen nur, dass sie beide ein Ereignis inszenieren, das tatsächlich stattgefunden hat.

„Utøya 22. Juli“ von Erik Poppe bringt jene 72 Minuten in einer einzigen Einstellung auf die Leinwand, in der 69 Menschen auf der norwegischen Insel Utøya vom rechtsextremen Terroristen Anders Breivik erschossen wurden, gejagt wie Freiwild, in einem Tötungsrausch, den er in einer Rede vor dem Osloer Gericht zur Mission gegen den „Untergang Europas durch Multikulturalismus“ stilisierte.

Im Abspann des Films wird Breiviks Massenmord deutlich als „politisches“ Verbrechen apostrophiert. Wie eine Entgegnung an jene, die hinter der Psychopathie des Täters nicht erkennen wollen, aus welchen Quellen sich Breiviks Tat gespeist hat, Quellen, die allen zugänglich sind und die weiterhin ihre Wirkung tun.

In Poppes Film ist dieser Täter ein dunkler Schatten. Wo er sich befindet, können die Verfolgten kaum ausmachen, sie rennen, sie kauern, sie verstecken sich, sie springen in den kalten Atlantik, der Schatten erschießt sie im Wasser. „Utøya 22. Juli“ ist ein Film, der konsequent bei den Jugendlichen bleibt, die in jenem Sommer auf Utøya waren, als Teilnehmer eines Camps der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Dieser Film bleibt ohne Erkenntnis

Im Zentrum steht eine junge Frau, Kaja, die nach ihrer jüngeren Schwester sucht. Sie klammert sich an ihr Handy wie an einen Rettungsanker, telefonierend, weinend, blut- und dreckverschmiert, ein Mädchen stirbt in ihren Armen. 72 Minuten lang kommt den Jugendlichen niemand zur Hilfe, sie sind einem Angriff aus dem Nichts schutzlos ausgesetzt. Das Geschehen ist für sie nicht entschlüsselbar.

Breivik hatte die Patronen angefeilt, sie platzen im Körper auseinander, Kaja versucht einmal, eine solche Wunde mit ihrem Kapuzenshirt abzubinden, hoffnungslos. Erik Poppe hat diesen Film gemacht, weil er nicht zusehen will, wie die Erinnerung an Utøya schwindet. So sagt er es während der Pressekonferenz.

Er hat eine Fiktion gedreht, weil er die Opfer schützen will. Er hat detailliert recherchiert, in Gesprächen, in den Ermittlungsberichten, drei Überlebende des Massenmords arbeiteten am Drehbuch mit. Während der Pressekonferenz stehen sie auf, drei junge Leute um die Zwanzig, die Journalisten applaudieren ihnen. All dies soll heißen: Die Arbeit an diesem Film ist redlich, wir haben Respekt vor den Toten, den Schwerverletzten, den Familien. Wir erinnern an sie, sie sind im Zentrum, nicht der selbst ernannte Ritter des Abendlands.

Das ist nachvollziehbar – und so redlich, wie es ein pädagogischer Ansatz sein kann. Und doch liegt gerade darin das große Unbehagen, das dieser Film auslöst. Denn wer soll hier aufgeklärt werden über die Verbrechen, zu denen Rechtsterroristen in der Lage sind? Die Schwankenden, die das Gewaltpotential leugnen, die Brandstifter und die Hetzer? Sie sind mit einem solchen Film so wenig erreichbar wie junge Neonazis durch einen KZ-Besuch.

Und die anderen – sie werden mit diesem Reenactment-Film in eine Situation gebracht, die in sich etwas Obszönes hat. Man kann die Leiden dieser jungen Menschen nicht im Kinosessel nachleben. Man will es auch nicht. Es hätte viele Möglichkeiten gegeben, an das Trauma von Utøya auf eine reflektierte Weise zu erinnern. Dieser Film bleibt ohne Erkenntnis.

Kritiker-Wertung: Der Film "Utøya" erhält drei von fünf Sternen. ★★★

★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk