Man nannte ihn „Chronist des gesamtdeutschen Schicksals“, aber sein wichtigstes Werk spielt in New York. Wobei „spielen“ nicht ganz trifft, was die Handlung in Uwe Johnsons Monumentalroman „Jahrestage“ antreibt. Und auch New York als Schauplatz stimmt nur bedingt, insofern die Haupterzählerin Gesine Cresspahl mit ihrer kleinen Tochter Marie dort im Riverside Drive Manhattan lebt. Und obgleich Johnson seine aus dem mecklenburgischen Jerichow (das Fährtensuchende im Dorf Klütz zu finden glauben) stammende Angestellte mit ausgiebigen Zitaten aus der „alten Dame“ New York Times ganz in ihrer Gegenwart ansiedelt, genauer in den 365 Tagen vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968, spielt diese Geschichte mehr in den Erinnerungen an jene verlassene und auf immer ersehnte Heimat.

1933 wird Gesine an diesem fiktionalen Sehnsuchtsort geboren, Vater Heinrich Cresspahl, Mutter Lisbeth geborene Papenbrock; Nazi-Zeit, Krieg, sowjetische Besatzung, DDR, Prager Frühling, Einmarsch der Sowjetunion in die ČSSR. Über vier sukzessive, zwischen 1970 und 1983 erscheinende Bände, über 1 700 Seiten verwebt Johnson unzählige ineinander verschlungene Einzelstränge zu einem polyphonen, über jede Chronologie erhabenen Epos über die Versehrungen und Verheerungen des deutschen 20. Jahrhunderts. Nicht wird überwunden, nichts hört auf.

Am 10. Juli 1959 steigt der DDR-Bürger Uwe Johnson mit Aktentasche und Schreibmaschine in West-Berlin aus der S-Bahn. Sein zukünftiger Verleger Siegfried Unseld hat ihm in Dahlem ein Zimmer angemietet – ihm damit das Aufnahmelager Marienfelde erspart – und eine Art Gehaltsbescheinigung an die „Amtsstelle für Zuzugsgenehmigungen“ des Bezirksamtes Zehlendorf geschickt. Im Herbst erscheint auf der Frankfurter Buchmesse bei Suhrkamp Johnsons erstes Buch: Der Roman „Mutmaßungen über Jakob“ – neben Blochs „Prinzip Hoffnung“, Grass’ „Blechtrommel“, Bölls „Billard um halb zehn“– und wird von den Kritikern sogleich als sensationeller Wurf erkannt. Reich-Ranicki beanstandet zwar die vielen „unverständlichen Sätze“ und ärgert sich über die „Affektation“ dieses „trotzigen und eigenwilligen Schriftstellers“, stellt aber unmissverständlich klar: „Dieser Johnson ist eine ganz große Hoffnung“.

Enzensberger, der mit Johnson beim Treffen der Gruppe 47 in Schloss Elmau heftig aneinander geraten war, bestätigt neidlos die Meisterschaft dieses gerade mal 25-jährigen Debütanten: „Noch die Schönheit dieses Buches ist unversöhnlich.“ Die bald entstehende Freundschaft mit Enzensberger geht 1968 in den Kalamitäten unter, die aus Johnsons Überlassung seiner Wohnungen an Enzensbergers Ex-Frau und dessen Bruder Ulrich resultierten, die dort als Terroristen verhaftet wurden, weil sie mit Kommunarden das Pudding-Attentat auf den US-amerikanischen Verteidigungsminister geplant hatten.