Die Schriftstellerin Irina Liebmann.
Foto:  Maximiliam Merz

BerlinIn der Regel hängt es vom Geld ab: Wird einer Autorin oder einem Autor ein Preis zuerkannt, dann erscheinen in den Zeitungen nicht oft Artikel dazu, wie verdient die Auszeichnung ist. Denn in Deutschland werden jedes Jahr einige Hundert Auszeichnungen für Manuskripte, einzelne Bücher oder das Gesamtwerk verliehen, da käme man kaum dazu, noch etwas anderes zu berichten. Der Uwe-Johnson-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert, gehört also zu den auffälligeren Auszeichnungen. Dass Irina Liebmann die im Zwei-Jahres-Rhythmus vergebene Ehrung nun zuerkannt bekommt, wäre also mindestens eine Meldung wert. Jedoch ist in diesem Fall unbedingt die Jury für ihr gutes Gespür zu beglückwünschen. Denn die Autorin hat für ihr Werk nicht nur Lob und Urkunden verdient, sie bewegt sich in besonderer Weise in den Erzählspuren Uwe Johnsons.

Das zeigt sich in ihrem jüngsten Buch „Die große Hamburger Straße“ fast auf jeder Seite. Wenn Irina Liebmann etwas beschreibt, was sie sieht, erzählt sie die Geschichte mit. Seit den 80er-Jahren ist sie immer wieder in die titelgebende Straße in Berlins östlicher Mitte zurückgekehrt und hat Häuser und Menschen erkundet und beim Gehen übers Trottoir auf sich wirken lassen. Sie setzte sich in Archive, sichtete Fotos und fotografierte selbst. Fast dreihundert bewegte Jahre deutscher Geschichte bündeln sich in dieser Straße, aber Liebmann dokumentiert sie nicht. Sie schreibt kein Sachbuch. In ihrer Schreibweise verwandelt sich die Recherche in Poesie.

Darin ist sie Uwe Johnson (1934-1984) verwandt. Wie er Marie Cresspahl in seinem Hauptwerk, den „Jahrestagen“ New York erkunden lässt, von der eigenen Wohnung am Riverside Drive ausgehend, wie er ihre Mutter Gesine Cresspahl von Deutschland berichten lässt und ihre erzählerischen Wege von Mecklenburg nach Amerika führen, das kann für Irina Liebmann beispielhaft gewesen sein. Und auch wenn sie sich nicht ausdrücklich auf ihn bezieht, ist doch eine Auffassung von Literatur erkennbar, die beide Schriftsteller verbindet. Es geht um das Erzählen von einer Gegenwart, die durch Geschichte gewachsen ist. Bei Johnson wie Liebmann kann man die Spuren der Gewalt und der Gleichschaltung durch den Nationalsozialismus mitlesen, beide finden die Brüche in den Biografien von Menschen, die an den Sozialismus glauben wollten und enttäuscht wurden.

„Die Große Hamburger Straße“ ist im Frühjahr bei Schöffling & Co. erschienen. Die Preisverleihung findet im Rahmen der Uwe-Johnson-Tage Anfang Oktober in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern in Berlin statt. Der Preis wurde 1994 erstmals verliehen, ausgezeichnet wurden unter anderen Walter Kempowski, Marcel Beyer und Christoph Hein. Nach Christa Wolf ist Irina Liebmann übrigens erst die zweite Frau, die ihn erhält.