Zum Interview erscheint Uwe Kockisch mit einer Sonnenbrille, was natürlich sehr cool aussieht, in einem Besprechungsraum der Ufa aber nicht zwingend notwendig wäre. Das ist der erste Eindruck – und wie so oft täuscht er. Der Schauspieler hat sich kürzlich einer Augen-OP unterziehen müssen. Schonung hin oder her, bei der ersten Frage landet die Brille auf dem Tisch. Kockisch sucht Blickkontakt, anders könnte er die Fragen gar nicht beantworten. Sie werden ihm ohnehin oft zu persönlich. Er formuliert vorsichtig, spricht leise und vergewissert sich immer wieder seiner Worte. Besonders, wenn sich das Gespräch auf das Feld der Erinnerung begibt. Uwe Kockisch redet nicht gern über sich, und so meidet er Talkshows und geht auch dem roten Teppich aus dem Weg. Er ist kein Mensch, den es in die Öffentlichkeit zieht. Die großen Gesten sind ihm fremd, künstlerisch wie privat. Vor kurzem ist er 75 Jahre alt geworden; er hört es nicht ungern, dass man ihm das nicht ansieht.

Betrachtet man die Wahl seiner Rollen, fällt einem eine gewisse Kompromisslosigkeit auf. Es gibt nichts, was ihm peinlich sein müsste – weder vor noch nach dem Mauerfall. Auch für seinen August Bebel in dem DDR-Fernsehfilm „Marx und Engels“ von 1978 gibt es Argumente. Und Rosamunde Pilcher zwanzig Jahre später war eine Alterssünde. Seit 2010 spielt Kockisch in der Serie „Weissensee“ den Stasigeneral Hans Kupfer. Für jemanden, der selbst im Zuchthaus gesessen hat, keine unproblematische Aufgabe, möchte man meinen. Doch bei diesem Thema weicht er aus. Er will sich nicht mit drei flinken Sätzen zum Opfer stilisieren. Alles viel zu kompliziert. In der kommenden Woche ist er mit zwei sehr unterschiedlichen Filmen im Fernsehen zu erleben. Am Montag spielt er im ZDF-Thriller „So weit das Meer“ einen Mann, der 15 Jahre im Gefängnis verbrachte, weil er den Vergewaltiger seiner Tochter erschossen hatte, und am Gründonnerstag läuft in der ARD der 25. Fall für Commissario Brunetti.

Herr Kockisch, am Ende des Films sagt der Vize Questore Patta zu Brunetti: „Bei Ihnen ist Venedig in guten Händen.“ Das könnte man auch auf Sie als Schauspieler beziehen. Sehen Sie sich nach 16 Jahren als eine Art Botschafter der vom Untergang bedrohten Stadt?

Ich bin kein Botschafter der Stadt, das maße ich mir nicht an, und ich glaube auch nicht, dass Venedig untergeht.

Gut, dann wird die Stadt eben von Touristen überschwemmt. Ab Mai sollen sie fünf Euro Eintritt bezahlen.

Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Venedig kämpft seit Jahren vor allem gegen die Kreuzfahrtschiffe, gegen die permanente Überfüllung.

Ihre Filme zeigen Venedig von der schönsten Seite. Das lockt ja auch Besucher an. Es gibt inzwischen Brunetti-Touren, Brunetti-Cafés.

Ja, wir zeigen Venedig von der schönsten Seite, es gibt auch keine andere. Aber wir werden von der Stadt gelobt für unsere Sorgfalt und unser kompetentes, respektvolles Auftreten. Für unsere Produktion arbeiten viele Venezianer, wir sind eine deutsch-italienische Truppe. Brunetti-Cafés kenne ich in Venedig übrigens nicht.

Ist der Drehort noch etwas Besonderes für Sie nach all den Jahren?

Jedes Mal.

In den Filmen wirkt Venedig wie eine bewohnbare Stadt. Da gibt es ruhige Plätze, kleine Bars, Kanäle zum Flanieren. Von den Menschenmassen ist nicht viel zu sehen. Wie machen Sie das? Sie werden ja kaum ganze Viertel absperren können?

Natürlich ist Venedig eine bewohnte Stadt. Und es gibt ruhige Plätze, Bars und so weiter. Unsere Produktion organisiert die Drehs hervorragend. Wir brauchen keine Absperrungen, und auch die Touristen sind in unseren Filmen zu sehen. Es gibt eine Hauptroute vom Piazzale Roma aus oder einen Weg von der Rialtobrücke Richtung Markusplatz linksseitig, da ist es sehr eng, eng, eng, aber dafür gibt es Alternativen. Und trotzdem, es wird kaum etwas im Nachhinein synchronisiert, nur die Bootsfahrten sprechen wir nach, weil es da zu laut ist. Alles andere ist original, das wirkt lebendiger, wenn sich der Klang der Stadt über den Film legt.

Venedig ist nicht nur die berühmteste Stadt der Welt, sondern auch ein begehrter Drehort. Stehen sich die Teams dort nicht gegenseitig im Weg?

Natürlich sind auch andere da, aber wir kommen uns nicht in die Quere.

Sie kennen all die großen Venedig-Filme, „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, „Casanova“ oder auch James Bond in „Moonraker“ und „Casino Royale?

Ja, natürlich.

Die Rolle des Commissario haben sie 2002 von Joachim Krol übernommen. Ich denke, Sie mussten nicht lange überlegen.

Doch, als ich das Angebot bekam, war ich nicht sicher, ob das was für mich ist. Damals kannte ich die Romane gar nicht. Als ich meiner Mutter davon erzählte, öffnete sie ihren Bücherschrank, zeigte mir alle Romane, die Donna Leon bis dahin geschrieben hatte, und ich musste meiner Mutter hoch und heilig versprechen, die Bücher unverzüglich mit nach Berlin zu nehmen und sofort zu lesen. Zum Schluss sagte sie zu mir „Du machst das! Du spielst den Brunetti!!“, worauf ich sagte „Mutter, ich muss erst mal sehen, was das überhaupt ist.“

Lesen Sie inzwischen auch die Romane oder nur die Drehbücher?

Ich lese immer beides. Da die Romane umfänglicher sind, kann ich zusätzliche Informationen für meine Figur und das Drehbuch nutzen.

Und? Sind Sie auf dem Laufenden? Kürzlich ist Band 27 erschienen.

Sicher, ich bin schon gespannt auf das Drehbuch.

Auf Wunsch von Donna Leon, die Amerikanerin ist, erscheinen die Bücher nicht in italienischen Verlagen, sie werden nicht mal ins Italienische übersetzt. Sie wollte sich damit ihre dichterische Freiheit bewahren. Wie ist es mit den Filmen?

Die werden auch nicht in Italien gezeigt.

Wo, außer im deutschen Fernsehen, laufen die Filme?

Die aktuellsten Folgen sind auch in Österreich und in der Schweiz zu sehen.

Ihr Brunetti wirkt so gänzlich unitalienisch. Er ist leise, nachdenklich, melancholisch.

Ein Freund, Ezio Toffolutti, Regisseur und Bühnenbildner, ist ein temperamentvoller, leiser, nachdenklicher, melancholischer Venezianer. Er entspricht der Romanfigur zu hundert Prozent. Ich kenne temperamentvolle Deutsche und temperamentlose Italiener. Brunetti ist kein Einzelgänger, aber ein eigenwilliger Normalo. Er ist eine sympathische Figur, aber schwer zu spielen.

Was ist daran so schwer?

Brunetti fällt als Charakter nicht durch große Ausschläge auf, sondern durch feine Schwingungen. Und das hat auch mit Venedig zu tun. Da die Stadt so belastet ist mit Klischees und Kitsch, ist es richtig, in diesem Kontext nicht auch noch den Commissario Brunetti aufzublähen, sondern eher zurückhaltend zu agieren. Was mir entgegenkommt. Ich will eine Figur verkörpern, keinen Typ. Typen spielen auf Pointe, da gibt’s dann auch mal einen Lacher. Schön. Das ist aber nicht das, was ich suche.

Er ist immer freundlich, zur Familie, zu den Kollegen, er könnte ja auch mal laut werden.

Das ist er, wenn es die Situation erfordert.

Sie spielen ihn jetzt zum 21. Mal und das mit gleichbleibender Temperatur.

Ja, so ist es. Nicht zu heiß, nicht zu kalt.

Mancher findet das langweilig

Lange Weile. Wenn man das Wort genau nimmt, trifft es zu. Manches braucht Zeit. Alles richtet sich nach der Situation, in der Familie, in der Geschichte. Inhalt und Form, die alte Gleichung.

Hätten Sie geahnt, dass der Brunetti für Sie ein spätes Lebenswerk wird?

So sehe ich das nicht. Brunetti ist nur ein Teil von dem, was ich drehe. Es gibt viele Filme, die mir genauso wichtig sind mit völlig entgegengesetzten Charakteren.

Sie drehen jetzt seit 16 Jahren in Venedig, die politische Situation hat sich in dieser Zeit ein paar Mal verändert. Sie haben erst Berlusconi erlebt, dann die Sozialdemokraten und jetzt die rechts-linken Populisten. Macht sich das in der Stadt bemerkbar?

Das ist wie überall. Regierung ist Regierung, Italien ist Italien, und Venedig ist Venedig. Die Politiker glauben, dass sie unwahrscheinlich viel verändern würden. Aber die Leute haben jeden Tag genug mit ihrem eigenen Leben zu tun.

Kannten Sie Venedig schon vorher, als Tourist?

Nein, ich war erst mit Brunetti dort. Ossi eben. Als wir in den Siebzigern in Karl-Marx-Stadt am Theater den „Diener zweier Herrn“ des Venezianers Goldoni geprobt haben, gab es eine Szene mit der Rialtobrücke. Die habe ich mir damals nur in einem Bildband ansehen können, aber ich habe nichts gehört, nichts gerochen, die Luft nicht auf der Haut gespürt. Und dann komme ich dreißig Jahre später nach Venedig und sehe sie dort stehen. Das ist mir sehr nahegegangen.

Sie wurden 1944 in Cottbus geboren, kürzlich sind Sie 75 geworden.

Das muss ein Fehler sein.

Wieso das?

War ein Scherz.

Das letzte Kriegsjahr …

Ein Jahr und drei Monate vor Kriegsende.

Was wissen Sie von ihrer frühen Kindheit?

Ich habe die Erinnerungen meiner Mutter. Alles prima.

Alles prima?

Das ist nie thematisiert worden. In der Schule gab es lauter Halbwaisen. Meine Generation kannte es nicht anders. Aber darüber hat man nicht gesprochen. Meine Mutter konnte über ihre Jugend nicht reden, weil sie in der Hitlerzeit aufwuchs. So war es auch in der DDR, das wollte keiner wissen. Sie war am Kriegsende 25 Jahre alt, das war ihr Leben. Und darüber sollte sie schweigen. Heute redet man von Traumatisierung, wenn es mal irgendwo knallt. Oh Gott, die Geschichten, die ich von ihr kenne. Wir waren dauernd auf der Flucht. Sie ist zu Fuß mit mir bis nach Dresden. Aber das gehört nicht hierher...

Was waren Ihre Eltern von Beruf?

Mein Vater war Jagdflieger, er ist Sommer 44 gefallen, in der Normandie, bei der Landung der Alliierten. Er wollte Uhrmacher werden, wie mein Großvater, und war schon als Jugendlicher leidenschaftlicher Pilot, in der Sportfliegerei. Meine Mutter war eine vielbegabte Frau mit verschiedenen Berufen. Vor allem hat sie sich um die Familie gekümmert. Wir waren eine zusammengewürfelte Nachkriegsfamilie, waren Stiefgeschwister und Halbgeschwister. Der neue Mann meiner Mutter brachte zwei Kinder mit. Seine Frau war auch im Krieg umgekommen.

Wie viele Kinder waren Sie zu Hause?

Wir waren fünf.

1950 sind Sie zur Schule gekommen und nach der zehnten Klasse haben Sie Tagebaumaschinist gelernt.

Nein, stimmt nicht.

Das steht so bei Wikipedia.

Ich kümmere mich nicht darum, was über mich bei Wikipedia steht. Tagebau ist Quatsch.

Wie war es wirklich?

Ich wollte Abitur machen. Die Polytechnische Oberschule hatte ich abgeschlossen. Mit einem guten Zeugnis, aber dann durfte ich nicht auf die EOS, die Erweiterte Oberschule, weil ich kein Arbeiter- und Bauernkind war. So war das in der Zeit. Ich habe das verstanden. Diese Leute waren immer unterprivilegiert und nun sollten sie auch mal. Aber ich wollte auch. Also habe ich von mir aus was gemacht. Ich bin zur EOS in Cottbus gegangen, habe dem Direktor mein Zeugnis gezeigt und gefragt, ob ich eine Aufnahmeprüfung machen könnte. Daraufhin hat er mich in die Lehrerkonferenz mitgenommen, die gerade tagte, und aus jedem Fach hat mir einer eine Aufgabe gestellt. Ich bin wieder raus, habe die relativ schnell gelöst, und als ich wieder reingerufen wurde, hat mir der Direktor eine Empfehlung ausgestellt, mit der ich mich beim Rat der Stadt um die Aufnahme zur EOS bewerben könnte. Ich bin also mit meiner Mutter zum Rat der Stadt, aber es nützte alles nichts. Kein Abi.

Und nun?

Blieb nur noch die Abendschule. Dazu musste man allerdings irgendwo arbeiten. Ich wurde also zum RAW Cottbus geschickt, Reichsbahnausbesserungswerk, Perspektive Lokschlosser. Am Tag Ausbildung und abends Unterricht, das ging gut, bis ich an einer Matheaufgabe gescheitert bin. Ich musste an die Tafel, eine Gleichung lösen, und wusste überhaupt nicht, was da steht. Also habe ich artig meine Tasche gepackt, bin aufgestanden und gegangen.

Können Sie sich erklären, woher das mit dem Tagebau kommt?

Ich saß da und wusste nicht, was wird. Irgendwie habe ich dann mitbekommen, dass es in Lauchhammer-West die Möglichkeit gibt, Tagebaumaschinist zu lernen, mit Abitur. Die hatten dort eine Sonderklasse, Söhne von Ärzten, Pfarrern, alles Kinder, die kein Abi machen durften. Ich habe es ein paar Wochen ausgehalten, und dann war auch dort Schluss. Dann kam Rundfunk- und Fernsehmechaniker, Foto- und Optikmechaniker, Industrie- und Handelskaufmann.

Das waren Ihre Alternativen?

Nein, das habe ich alles angefangen. Wird nichts, zack weg. Wird nichts, zack weg.

Wollten Sie deshalb in den Westen?

Nein, das hatte unmittelbar mit dem Mauerbau zu tun. Als die Grenze noch offen war, habe ich damals sehr begehrte Spiegelreflexkameras im Osten gekauft und im Westen verkauft, dann das Geld zur Wechselstube gebracht, eins zu drei getauscht. Ich dachte, du bist ein Geschäftsmann, du bist gut. Ich wusste, dass es illegal war, aber der Leichtsinn der Jugend eben. Ich war siebzehneinhalb. Dann kam der 13. August, ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Sonntagmorgen, Frühstück bei meiner Mutter in Cottbus, im Rias die Berichte vom Potsdamer Platz. Ich wusste sofort, mein Geschäftsmodell ist tot.

Und deshalb wollten Sie weg? Das hieß ja, sein Leben zu riskieren.

Wir saßen in den Tagen nach dem Mauerbau so rum, meine Kumpels und ich. Einer von uns war vorher aus dem Westen rübergekommen, weil er da so viele Alimente zahlen musste. Jetzt die Mauer, scheiße, wie komme ich zurück, sagte er. Sein Onkel hätte in Prerow einen Fischkutter. Und so kamen wir auf die Idee, es über die Ostsee zu probieren. Die anderen waren so Mitte zwanzig, in meinen Augen ältere Herrschaften. Aber gut, ich war dabei. Kurz bevor wir los sind, haben sie uns am Strand erwischt. Einer von uns hatte eine Verlobte, aber das lief nicht so richtig, und er wollte ohne sie weg. Sie wusste über alles Bescheid, hatte noch die dänischen Fahnen für uns genäht. Der Plan war ja, unter dänischer Flagge zu fahren. Kurz und gut, die Verlobte kam dahinter, dass er ohne sie weg wollte, und war dann dermaßen wütend, dass sie zur Polizei gegangen ist. Und so haben sie uns gegriffen.

Sie müssen die Frau gehasst haben.

Ich habe sie verstanden! Dieser Mann hatte ihre Liebe verraten. Ein großes Drama.

Kann man sich diesen poetischen Blick leisten, wenn man in den Knast kommt?

Sie hat so viel für uns gemacht. Stellen Sie sich vor, wir hätten es geschafft, dann wäre sie dran gewesen, als Mitwisserin. So lief das.

Solch ein Großmut, trotz der harten Strafe?

Das hat mit Großmut nichts zu tun! Ich habe einen Trick gefunden in meinem Leben, wie ich diese ganze Geschichte nicht als Strafe empfinden muss. Ich habe sie für mich genutzt. Eine Strafe wäre es gewesen, wenn ich bis heute darunter leiden müsste. Ich habe im Zuchthaus immer und überall genau hingeguckt und zugehört. Ich habe das alles in den Fundus meiner Erlebnisse aufgenommen. Davon kann ich als Schauspieler profitieren.

Das heißt aber auch, dass Sie das nicht loswerden.

Es ist wie eine trübe Erinnerung. Ich wusste, wenn es schiefgeht, bin ich eine Weile weg. Und es ging schief.

Diese Sicht ist heute schwer zu vermitteln. Sie haben ja kein Verbrechen begangen.

Ich brauche keinen Vermittler. Maxim Gorki hat geschrieben, seine Universitäten seien die Geschichten der Landstraße gewesen. Meine Universitäten sind all die Geschichten, die ich erlebt habe, im Knast und danach.

Wie lange haben Sie gesessen? Auf „Versuchte Republikflucht“, wie es damals hieß, standen mindestens zwei Jahre.

Ich wurde nach meiner Verhaftung in Rostock in den Ulbricht-Express gesetzt.

Was war der Ulbricht-Express?

Ein umgebauter Eisenbahnwaggon, der an einen normalen Zug angehängt wurde. Von außen sah er aus wie ein Postwagen, innen gab es lauter Einzelzellen. Der fuhr von Rostock durch die halbe DDR und machte überall Station. In Cottbus haben sie mich rausgeholt. Ich bin dort ins Untersuchungsgefängnis im Zuchthaus Cottbus gekommen. Der Staatsanwalt forderte zweieinhalb Jahre in der Anklageschrift, die ich erst nach einem halben Jahr bekam. Mein Anwalt legte Widerspruch ein, da ich zur Zeit des Fluchtversuchs siebzehneinhalb war, also noch unter das Jugendstrafrecht fiel. Gegen den Verzicht auf Rechtsansprüche haben sie mich nach Anrechnung der U-Haft entlassen. Von einem Tag auf den anderen. Da stand ich nun vor dem Tor ... Ich erinnere mich noch genau daran, wie mir schwindlig wurde. Ich musste mich an einem Baum festhalten. Wir hatten zu viert in einer Einmannzelle aus Kaiser Wilhelms Zeiten gesessen und auf einmal diese Weite. So, mehr erzähle ich nicht.

Nur noch bitte, wie Sie zur Schauspielerei gekommen sind.

Nach meiner Entlassung musste ich mir eine Arbeit suchen, mit vielen Umwegen bin ich am Theater Cottbus gelandet. Dort war ich Nachtpförtner und Hilfsgarderobier. Ich bin dann während der Proben in den Rang hoch, wo mich keiner bemerkt hat und habe den Schauspielern auf der Bühne zugesehen. So fing alles an.