Uwe Tellkamp in Berlin: „Ich habe keine Lust, für den Frieden zu frieren“

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp diskutierte in Berlin mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Zeit-Journalist Martin Machowecz. Es flogen die Fetzen.

8.12.2022, Berlin: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Autor Uwe Tellkamp und Journalist Martin Machowecz (v.l.n.r.) sitzen bei einer Lesung in der Landesvertretung Sachsens auf der Bühne.
8.12.2022, Berlin: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Autor Uwe Tellkamp und Journalist Martin Machowecz (v.l.n.r.) sitzen bei einer Lesung in der Landesvertretung Sachsens auf der Bühne.dpa/Joerg Carstensen

Wenn solch prominente Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Uwe Tellkamp, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und der Zeit-Journalist Martin Machowecz zusammenkommen, dann ist das wenig überraschend ein Medienereignis, das große Aufmerksamkeit auf sich zieht. So muss man sagen: Kein Wunder, dass die Lesung von Tellkamps neuem Roman „Der Schlaf in den Uhren“, organisiert in der Berliner Landesvertretung Sachsens am Donnerstagabend, nicht nur Literatur-Enthusiasten anzog, sondern auffällig viel Hauptstadtpresse, darunter auch Ulf Poschardt zum Beispiel.

Der Dresdner Tellkamp ist schließlich bekannt dafür, nicht nur für kontroverse Thesen zu Gesellschaft und Demokratie zu sorgen, sondern auch hitzige Diskussionen einzuleiten, in denen er kritische Fragensteller auch gerne mal mit echtem Zorn und Konterattacken zu konfrontieren weiß. Auch davon sollte es an diesem Abend eine Kostprobe geben.

Gründe für die zahlreichen Besucheranmeldungen

Tellkamp startete den mit Spannung erwarteten Abend mit einer 30-minütigen Lesung aus seinem neuen Roman, der einerseits fantasiehaft die Nachwendejahre Revue passieren lässt und andererseits poetisch gebrochen sich mit dem Merkel-Jahr 2015 beschäftigt. Dabei schält Tellkamp eine Welt heraus – das wird vor allem bei der Beschreibung eines panisch in Kalkül und Pragmatik absteigenden Machtmenschen deutlich, der auffällig an die Ex-Kanzlerin erinnert –, die durchdrungen ist von einer schlagzeilengeilen, manipulativen Presse und einer Politik, die wie in einer Art Schattendasein ihre Legitimität verliert.

Grund für die zahlreichen Besucheranmeldungen war natürlich nicht nur die Lesung, sondern vor allem die anschließende Diskussion, die der Leiter des Streit-Ressorts der Wochenzeitung Die Zeit Martin Machowecz moderierte (Jahrgang 1988, Herkunftsland Sachsen). Michael Kretschmer wiederum, Jahrgang 1975, ebenfalls aus Sachsen, war als Ostdeutschenversteher, diplomatischer Ausgleichspol und Tellkamps Thesenzurechtstutzer eingeladen und Uwe Tellkamp, Jahrgang 1968 und ebenso Sachse, als Diskussionsbrandbeschleuniger.

Man sollte besser guten Willen walten lassen

Bevor aber hier die Details der Debatte besprochen werden sollen, muss einleitend gesagt werden, dass es zu kurz gegriffen wäre, der Erwartung zu entsprechen und Uwe Tellkamp als rechten Querulanten zu denunzieren. Der Schriftsteller drückt mit seiner Skepsis gegenüber der Entwicklung der Demokratie in Deutschland, seiner Kritik an den Corona-Schutzmaßnahmen, an der Klimabewegung oder an der Migrationspolitik der Bundesregierung eine Haltung aus, die viele Menschen – vor allem im Osten des Landes – enthusiastisch teilen. Die komplette Diffamierung seiner Thesen, das Wegdrängen und Wegsperren in die rechte Ecke seiner ganzen Person stehen symptomatisch für den Versuch, einen Teil der Gesellschaft durch Stigmatisierung und Diskursausschluss systematisch zu verdrängen und so zu tun, als wären diese Meinungen und diese Menschen gar nicht da. Es gibt genug Beispiele, die beweisen, dass diese Taktik überhaupt nicht funktioniert, ja geradezu das Gegenteil des Gewollten befeuert.

Man sollte besser guten Willen walten lassen und Tellkamps Thesen im Lichte des Stilmittels der Übertreibung lesen, die in der (teils maßlosen) Überhöhung von Problemen der Wirklichkeit dann doch auf der Spur ist. Das konnte man an diesem Abend sehr gut beobachten, als es nach einem kurzen Geplänkel zum Roman gleich ums Eingemachte, nämlich um das kontroverse Thema Corona, ging. Tellkamp war hier messerscharf und bemerkte, dass Deutschland „expertensüchtig“ sei und vor allem in der Hochphase der Corona-Krise Führern (Virologen?) verfallen sei. Er kritisierte die Medien dafür, der Politik unkritisch gefolgt zu sein. Er sprach davon, dass er die nicht mehr die Süddeutsche oder die Lokalseiten seiner Dresdner Zeitung lese, wenn er wissen wolle, was der Fall sei, sondern sich auf Gespräche mit Polizisten, Feuerwehrmännern, auf den „Buschfunk“ verlasse.

Tellkamp wiederholte seine Modernekritik

Ministerpräsident Michael Kretschmer tat etwas, was er den ganzen Abend tun sollte, er ging dazwischen und sorgte für Ausgleich, indem er die freie Presse lobte und den Anspruch deutscher Journalisten nach Wahrheitsfindung hervorhob – besonders im Vergleich mit der Überzeichnung und Kakofonie in den sozialen Netzwerken. Tellkamp ließ sich nie beirren. Sein Blick blieb starr, seine Haltung entschlossen.

Tellkamp wiederholte seine Modernekritik und provozierte mit der Aussage, viele Menschen würden heute mit Blick auf Politik und Diskurskultur sich an die DDR erinnert fühlen. Damit bezog sich Tellkamp auch auf gesellschaftliche Sympathieträger wie Luisa Neubauer, die unbehelligt den Menschen vorschreiben dürften, wie die Gesellschaft zu leben habe, während sie unwidersprochen dem Katastrophismus verfiele, wobei bei Wortmeldungen von Reichsbürgern die Medien das Ende des Rechtsstaats einläuten würden. „Wird hier mit zweierlei Maß gemessen?“, wollte Tellkamp wissen.

Bevormundungen und Klimanarrative

Er war sich nicht zu schade, die Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ und deren verständnisvolle Behandlung durch Justiz, Medien, Politik und Gesellschaft an den Pranger zu stellen und zu monieren, dass düstere „Klimanarrative“ die Demokratie unterwanderten. Vor allem den Einfluss von Nichtregierungsorganisationen auf politische Prozesse kritisierte Tellkamp. Auch hier zeigte Kretschmer Verständnis, milderte allerdings die Kritik zu einer Art Emphase gegenüber der Demokratie, die zwar Schwächen habe, die sich aber im Ringen und Abwägen von Argumenten innerhalb der Gesellschaft verbessern lasse.

Tellkamp zeigte sich weniger optimistisch. Er sagte, dass er sich von Medien und Politik bevormundet fühle und dass er sich echte Sorgen um die Demokratie mache. Zur Sprache kamen die aktuellen Montagsdemos gegen die Energiepolitik der Bundesregierung und Mediennarrative, die den Menschen vermitteln wollten, was gut sei und was schlecht und wie sich, insbesondere in europäischen Kriegszeiten, die Gesellschaft zu verhalten habe. Gegen solche vermeintlichen Bevormundungen verwahrte sich Tellkamp, indem er zugespitzt gestand: „Ich habe keine Lust für den Frieden zu frieren, und viele Menschen auch nicht.“

Der Punkt, an dem der Abend in die Kontroverse kippte

Michael Kretschmer stellte ganz richtig fest, dass in der Kompromisslosigkeit Tellkamps und seinen teils hoffnungslosen Äußerungen ironischerweise die Absolutheit der „Letzte Generation“-Unterstützer durchschimmern würde. „Ich bin Realist. Ich will die Dinge ändern. Man will in die Tischkante beißen, wenn man sieht, wie sie sich selbst im Weg stehen“, sagte Kretschmer mit Blick auf Tellkamp. Der Schriftsteller erwiderte die Äußerung mit einem Lächeln. Was würde sich Tellkamp als König von Sachsen wünschen, wollte der Moderator Machowecz zusammenfassend wissen. „Ich würde mir mehr Liberalität wünschen. Ehrliche Kritik von Medien an Staatskonstruktionen“, erwiderte Tellkamp.

Das war auch der Punkt, an dem der Abend tatsächlich in die Kontroverse kippte. Tellkamp kritisierte die Medien für ihre Corona-Berichterstattung, mit besonderem Blick auf die Publizistik der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten. Die Sprache sei totalitär gewesen, Abweichler und Kritiker der Corona-Maßnahmen hätte man aus dem Diskurs ausschließen wollen. „Das ist doch Quatsch!“, schrie jemand aus dem Publikum und verstrickte sich in ein persönliches Wortgefecht mit Tellkamp. Dieser blieb konfrontativ, verteidigte seine These und wiederholte, dass man in der Hochphase von Corona bemerken konnte, was „totalitäres Wollen“ in den Medien bedeute.

Am Ende gab es Pilzsuppe

Abschließend wurde es nochmals spannungsreich, als Martin Machowecz auf eine Diskussion Tellkamps mit einer der rechten Szene zuzuordnenden Schriftstellerin anspielte und fragte, warum er sich mit solchen Menschen zeige und überhaupt treffe. Tellkamp reagierte sichtlich pikiert, geradezu wütend und unterstellte dem Zeit-Journalisten, eine infame Frage gestellt zu haben, die ihn diffamieren wolle – ein Versuch, den er immer wieder erlebe, indem ihm durch Kontaktschuld die Demokratiefähigkeit abgesprochen werde.

Am Ende wurden sich die Diskussionspartner zwar nicht einig, aber immerhin der Humor kam zurück. So oder so bewies der Abend, dass es gar nicht so schlecht ist, miteinander zu reden. Die Veranstaltung klang landesgerecht mit dem gemeinsamen Verzehr von sächsischer Pilzsuppe aus. 

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