In diesen Wochen fahre ich oft nach Dresden. Ich besuche meinen Vater, der plötzlich allein in einem großen Haus wohnt. Ich fege den Staub weg, den die Ameisen hinterlassen, die von allen Seiten in die Wände des Hauses kriechen.

Ich trage die Zimmerpflanzen in den Garten, die sich in Ameisenbaue verwandelt haben. Bei meinem letzten Besuch habe ich Zitronenschalen ausgelegt. Auf Google heißt es, Ameisen hinterließen Duftspuren  zur Orientierung. Wenn diese durch einen fremden Geruch gestört werden, verirrt sich das Volk und tritt den Rückzug an.

Mit meinem Vater fahre ich zu meiner Mutter, die in der Rehaklinik liegt und langsam beginnt, wieder zu sprechen. Bei unserem letzten Besuch konnten wir sogar ein kleines Gespräch führen. Das Schönste ist ihr glückseliges Lächeln, wenn sie uns sieht und ihr aufgeregter, wacher Blick, wenn wir Neuigkeiten aus der Familie berichten. Das Leben und die Liebe haben viele zärtliche Gesichter, auch ohne Zähne.

In Mitte fragte mich eine Verkäuferin, ob ich Deutsch spreche

Der Zug nach Dresden ist leer. Es ist noch Zeit bis zur Abfahrt. Ich bin die Erste. Ich bin ausgehungert und reiße eine Tüte Studentenfutter so gierig auf, dass die Nüsse durchs Abteil fliegen. Ich lese alle wieder auf und spüle sie auf der Toilette sorgfältig ab. Noch bin ich allein und niemand sieht diese Peinlichkeiten.

Ein Paar steigt ein, Touristen, und kurz darauf ein Dienstreisender, der sich für die Fahrt mit reichlich Süßigkeiten ausgestattet hat. Wir alle sitzen in unmittelbarer Nähe. Das Paar studiert die Platznummern. Die Frau probiert Sitze in verschiedene Richtungen. Gerade will ich ihr sagen, in welche Richtung der Zug fahren wird, als der Mann mich höflich fragt, ob ich Englisch spreche. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir diese Frage das letzte Mal gestellt wurde. In Berlin gehen alle davon aus, dass jeder Englisch spricht. In einem Bäckerladen in Mitte fragte mich neulich eine Verkäuferin schüchtern, ob ich Deutsch spreche.

Der Mann zeigt mir eine Zugverbindung im Display seines Smartphones. Ich sage ihm, dass dies „the wrong train“ ist. In den Angaben auf seinem Display suche ich nach dem Bahnsteig, an dem der richtige Zug für sie steht. Sie wollen nach Nürnberg. Während ich noch suche, springt der Dienstreisende vor uns auf und sagt dem Mann, dass er diesen Zug sofort verlassen müsse. Das Paar bedankt sich und eilt davon.

Das habe ich ihm doch gerade auch gesagt, sage ich dem Herrn mit den Süßigkeiten. Er entschuldigt sich. Er habe das nicht gehört. Ich ärgere mich wieder über meine leise Stimme. Ich bin eine Meisterin im Unbemerktbleiben.

Wir haben noch mindestens fünf Minuten bis zur Abfahrt. Er bietet mir eine Süßigkeit an. Wir reden über unsere Erlebnisse in den Eurocitys zwischen Berlin und Dresden. Zwangsläufig kommen wir auf andere Missstände zu sprechen, wie die Medien und die Grünen. Er nennt mir das Jahr, in dem er zum letzten Mal die Grünen gewählt hat. Es ist ungefähr das Jahr, in dem auch ich zum letzten Mal die Grünen gewählt habe.

Schockiert hat mich, dass ich Tellkamp mochte

An der Oberfläche fühlt sich die Begegnung sympathisch an, außerdem tut es gut, etwas Süßes zu essen, aber mein Instinkt sagt, dass da was anderes ist, hinter den vielen Gemeinsamkeiten. Offen gestanden, hätte ich im letzten Jahr beinahe wieder die Grünen gewählt. Ich wollte diese Kanzlerin. Erst als sie ganz und gar zerstört worden war und feststand, dass sie keine Chance hat, machte es keinen Sinn mehr für mich. Im Grunde ist dieser ganze Parteien-Mist doch nicht mehr zeitgemäß. In jeder Partei gibt es gute Leute, außer in der AfD natürlich, die jeden rausschmeißen, der sich demokratischen Spielregeln nähert.

Ich ahne, dass der Mann mit den Süßigkeiten die AfD wählt. Ein Dresdner meiner Generation. Ein Naturwissenschaftler im öffentlichen Dienst. Das war schnell erzählt. Kommt gut. Er trägt ein weißes Hemd und hängt lässig die Beine über die Sitzlehne.

Ich stehe noch unter dem Tellkamp-Schock der wirklich gut gemachten Doku „Der Fall Tellkamp – Streit um die Meinungsfreiheit“ von Andreas Gräfenstein, der neulich im Fernsehen lief. Tellkamp hat mich nicht schockiert. Ich wusste, dass er ein Rechter ist. Jeder weiß es. Wirklich schockiert hat mich, dass ich diesen sperrigen Dickkopf in der Doku mochte. Es gelang mir nicht, ihn zu verabscheuen.

Am Ende des Films hatte ich sogar Angst um ihn. Ich war überzeugt, dass er verrückt werden müsse, dass seine Begabung und Sensibilität, gepaart mit dieser politischen Haltung, ihn zerreißen werden. Doch in Dresden steckt er in seinem Mief. Den spüre ich in vielen Gesprächen. Nicht mit meiner Familie. Weder meine Brüder und ihre Frauen noch meine Eltern sympathisieren mit dem neurechten Dresden. Im Gegenteil.

Sie leben nicht auf dem Weißen Hirsch, sondern auf der anderen Seite des Tals. Kurz vor Prag nach links. So beschreibe ich den Weg zu meinem Elternhaus. Meine Mutter und mein kleiner Bruder führen die großzügige, warmherzige Tradition unseres Großvaters fort, der ein begnadeter Klavierspieler war und gehörlose Kinder unterrichtete. Später lebte er nur noch für seinen Garten und seine Frau, die er vergötterte. In diesem Garten starb er auch, an einem heißen Sommertag, im schönen, satten Alter von 76 Jahren.

Meine Mutter hat den Garten von ihm übernommen und wäre auch beinahe darin gestorben. Aber heutzutage stirbt es sich nicht mehr so leicht. Sie lebt und sie sagt, dass sie leben will.

Letztlich landen wir immer beim Geld

Ich hatte 2006 Tellkamps ersten Roman „Der Eisvogel“ in einem Atemzug gelesen. Seine Protagonisten sind bürgerlich, eiskalt und irgendwie verloren. Ich liebte Tellkamps opulente Sprache und die rasante Handlung. In dem Buch spielt eine politische Sekte eine Rolle, deren Ziel es ist, die Demokratie abzuschaffen. Sie haben die Idee einer neuen Gesellschaft nach dem Vorbild von Ameisenstaaten. Einige Kritiker behaupteten später, dass sich bereits im „Eisvogel“ der Hang des Autors zum Rechtsextremismus zeige.

Ich habe eine Flasche Lavendelöl zur Bekämpfung der Ameisen in der Tasche. Später werde ich die Scheuerleisten damit einreiben und eine Lösung in die Ritzen des alten Hauses träufeln. Das ganze Gemäuer wird nach Provence duften, aber mein Vater wird es nicht merken, weil sein Geruchssinn schwindet. Das ist gut so, denn je mehr seine Sinne schwinden, desto kratzbürstiger reagiert er auf meine Ideen. Er wird das Lavendelöl so wenig bemerken wie die Ameisen. Meine Superheldinnenkraft ist das Unbemerktbleiben.

Ich meine, diese Welt macht uns wahnsinnig, wenn wir ihre Probleme lösen wollen. Ich hatte so eine Phase. Ich habe Pläne gemacht, an Manifesten und Programmen mitgeschrieben. Letztendlich landeten wir immer beim Geld, bei der Ökonomie. Die Medien beispielsweise. Sie sind doch nicht flacher geworden, weil die Journalisten heute schlechter arbeiten als früher.

Es ist einfach dieser Wahnsinnsdruck, Geld zu machen. Die Leser schwinden. Ohne Geld gibt es keine gute Zeitung. Keiner gibt mehr Geld für eine schlechte Zeitung aus. Keine Leser, keine Werbung, kein Geld. Kaum eine Redaktion ist mehr in der Lage, lange, sorgfältige Recherchen zu finanzieren. Das ließe sich mit einem politischen Willen natürlich ändern, denn wir sehen ja, dass Geld geschaffen werden kann, einfach so, schnipp! Sehr viel Geld für Panzer und Soldaten.

Mein Mitreisender erwartet von Journalisten, dass sie mal recherchieren, was so ein Flüchtlingsheim eigentlich kostet. Aha? Vielleicht würde eine kleine Anfrage seiner Fraktion im Parlament ausreichen, das zu erfahren.

Warum sollte irgendein Journalist sich darum kümmern, was ein Aufenthaltsort für Geflüchtete kostet? Wir wissen, dass diese Orte schlecht sind, zu billig, zu eng, zu hässlich. Sie sind notwendig, aber eine Zumutung.

Der Stolz der Dresdner ist der Weiße Hirsch

Würden Sie Ihren Kindern vorrechnen, wie viel Geld Sie für sie bezahlt haben? Böse Väter tun so etwas. Das Grundgesetz sieht vor, dass wir Menschen in Not Asyl gewähren. Und jeder Mensch, der einen Funken Empathie besitzt, wird das in Ordnung finden. Dennoch wurde gerade an diesem Artikel des Grundgesetzes immer wieder herumgeschraubt, zuletzt 2015 nach der großen Flüchtlingswelle. So lange, bis das Asyl die Form eines Knasts annahm. Wer ein Schamgefühl besitzt, wird nicht die Kosten dieser Knäste aufrechnen.

Aber die, die das fordern, sitzen mit ihrem Arsch im Warmen auf dem Rücken des Weißen Hirsch. Der Stolz der Dresdner ist dieser Stadtteil, Weißer Hirsch, in dem Tellkamp lebt, hoch oben über der Elbe. Die Dresdner schrubben den Weißen Hirsch, damit sein Arsch auch wirklich Weiß bleibt.

In dieser Phase, als ich glaubte, die Welt retten zu können, bemerkte ich, dass die Gesellschaft so langsam bremst wie ein Frachtschiff, und das, obwohl die Zeit enorm drängt. Es ist zum Wahnsinnigwerden. Viele von uns Aktivist:innen flüchteten damals in die Wälder. Ich auch.

Mein Mitreisender ist ein hübscher Mann mit dunklen Locken. Er lädt mich beinahe zum Essen nach Hause ein, weil er meint, ich müsse seine gute Küche ausprobieren. Das aber erst, als wir bei der protestantischen Arbeitsmoral sind, eines meiner Lieblings-Hassthemen. Ich erinnere ihn daran, dass es andere Wertesysteme in der Welt gibt, beispielsweise Kulturen, in denen ein gemeinsames, gutes Essen wichtiger ist als langes, verbissenes Arbeiten. Mit seinem kleinen Bauchansatz sieht er wirklich aus wie jemand, der in einer perfekt ausgestatteten Küche fantastisch kocht, wie jemand, den man mit einer Tonkabohne zum Schmelzen bringen kann. So gar nicht protestantisch.

Wir sind uns einig, dass die beste Lösung wäre, wenn es in allen Ländern so gute Lebensverhältnisse gäbe, dass niemand mehr unter Lebensgefahren das gesamte Vermögen seiner Familie auf den Weg nach Europa setzt.

Das Beste wäre doch, finde ich, der Reichtum Afrikas gehörte den Menschen, die dort leben und nicht den Konzernimperien, die ein Land nach dem anderen zerstören im finalen Wettlauf ums Überleben.

Wieso verlegt Suhrkamp Tellkamp noch immer?

Sie können es einfach nicht, sagt der Mann und stopft weiter Kolonialwaren in sich hinein. Die Afrikaner hätten es nicht gelernt. Sie brauchten es nämlich gar nicht lernen. Es läge an dem Klima in Afrika, dass sie nicht arbeiten würden wie die Protestanten im Norden. Es sei überhaupt nicht rassistisch gemeint. Er sei kein Rassist. Aber es gäbe eben Unterschiede, die könne man nicht wegdiskutieren, die seien offensichtlich. Und sowieso, der Begriff Rasse … Schließlich gäbe es sogar verschiedene Medikamente für die verschiedenen – Pause – Phänotypen!

Na bitte! Geht doch!

Die Rechten sind systemkompatibel, weil sie das Rückgrat der Weltökonomie, Rassismus und Kolonialismus, kräftigen. Das weiß ich. Aber es wieder zu spüren und zu spüren, dass jedes Argument vergeblich ist, fühlt sich an, wie ins Nichts zu stolpern.

Er sei dabei gewesen, im Kulturpalast, als Tellkamp im Gespräch mit Durs Grünbein den Wahlspruch der AfD „Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“ sinngemäß wiederholt hat.

Eigentlich würde ich das Gespräch gern beenden, andererseits könnte es gut für ihn sein, ihn weiterreden zu lassen. So wird er selbst Zeuge dessen, was er denkt. Manchmal ist das heilsam. Die Deutschen seien in ihren Kolonien übrigens sehr beliebt gewesen, weil sie so viel Gutes für die Länder getan hätten, sagt er. Sie hätten sich um Bildung und Wohlstand gekümmert.

Ich will meinen Mitreisenden fragen, ob es das Dresdner Klima ist, in dem sich altes, längst überlebtes Gedankengut gnadenlos staut. Ich stelle die Frage nicht.

Aber ich frage mich, welche Kurve Menschen wie er und Tellkamp übersehen haben, dass sie im Graben gelandet sind? Welchen Move der Gesellschaft haben sie verpasst? Sie stehen auf der Gewinnerseite. Dieses System, der Kapitalismus, ist ihr System. Ich weiß nicht, wie oft in unserem Gespräch er das Wort „Wettbewerbsgesellschaft“ benutzt. Es scheint ihn zu begeistern. „Weltoffen ist auch der Gully. Da fließt alles rein“, sagt Tellkamp in der Doku.

Wieso verlegt Suhrkamp Tellkamp noch immer? Wegen der Namensähnlichkeit? „Der Schlaf in den Uhren“ ist auf Platz drei der Spiegel-Bestsellerliste. Mit Leuten wie Tellkamp kann man hierzulande richtig Geld verdienen.

Mein Mitreisender zeigt mir das Buch, das er gerade liest. Antje Hermenau, „Das große Egal“, erschienen in der Edition BuchHaus Loschwitz der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen. Meine Brüder und ich, wir waren nie bei Susanne Dagen. Zu weit weg, auf der anderen Seite, wie gesagt. Antje Hermenau war einmal die Landesvorsitzende der Grünen in Sachsen und verlegt jetzt bei Tellkamps Freundin. „Das große Egal“, kein schlechter Titel, denke ich. Vermutlich ist es das große Egal in der Gesellschaft, von dem Tellkamp und seine Freunde am meisten profitieren.

Kathrin Schrader, geboren 1967 in Dresden, ist Schriftstellerin. Sie lebt in Berlin.

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