Berlin - Wenn es derzeit überhaupt ein angemessenes Album zum Ukraine-Drama gibt, dann vielleicht dieses.

Keine kurzatmig-plakative Klage über den verheerenden Krieg, auch keine schlichte Anklage Russlands - sondern Musik ganz ohne Worte, die (gewissermaßen stellvertretend) eine der traditionsreichsten Städte des geschundenen osteuropäischen Landes feiert. Der renommierte Jazz-Pianist und Komponist Vadim Neselovskyi (44) hat seiner Geburtsstadt Odessa ein berührendes Denkmal gesetzt.

„Odesa: A Musical Walk Through A Legendary City“ lässt die Geschichte der im Ukraine-Krieg unter massivem russischen Druck stehenden Stadt am Schwarzen Meer aufleben. Besonders eindrücklich: der wie Kanonendonner hallende Klaviereinsatz im Stück „Odesa 1941“ über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Doch das Album blickt auch in eine hoffentlich bessere, friedlichere Zukunft mit dem abschließenden Stück „The Renaissance Of Odessa“.

Glauben und Hoffnung

Neselovskyi teilt dazu in den Erläuterungen zum Album mit: „Während ich dies schreibe - am 6. März 2022 - ist die Zukunft unsicher, weil Bomben und Raketen auf Häuser, Hospitäler, Schulen, Kindergärten und Kirchen fallen. Aber ich habe Glauben und Hoffnung. Wir werden jedes Gebäude, jede Straße, jedes Dorf und jede Kirche wieder aufbauen - alles, was zerstört worden ist.“ Die melancholische Schlusssequenz sei „allen Helden gewidmet, die ihr Leben gegeben haben, um unsere Freiheit und Unabhängigkeit zu beschützen“ - Ende offen.

Während im Osten der Ukraine bereits seit langem gekämpft wurde und sich im vorigen Jahr die Zeichen für einen möglichen russischen Angriff mehrten, nahm Neselovskyi in Bremen (2020) und Köln (2021) die 13 Stücke auf. Er tat dies, „um die Menschen an die Schönheit und das kulturelle Erbe des Landes zu erinnern“, wie es von seinem Label heißt.

Mit gefühlvollem Balladen-Jazz („Winter In Odesa“, „Acacia Trees“), zupackender Improvisation („Potemkin Stairs - Black Sea“), leichtfüßigen Klavier-Walzern und Neoklassik-Elementen ohne Kitsch zelebriert der am Bostoner Berklee-College lehrende Musiker die Hommage an sein Herkunftsland und dessen noble Hafenstadt.

Musikalisches Wunderkind

Der 1977 geborene Neselovskyi galt schon kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als musikalisches Wunderkind. Als bis dahin jüngster Schüler wurde er am Konservatorium von Odessa aufgenommen, wo er mit klassischer Musik begann und sich dann auch für Jazz begeisterte. 1995 kam der Musiker als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland, wo er ein Studium an der Folkwang-Hochschule in Essen begann und den Bachelor an der Hochschule für Musik Detmold erwarb.

In den USA kam später ein Master-Grad am bedeutenden „Thelonious Monk Institute“ in New Orleans hinzu. Mit seinem Mentor, dem legendären Jazz-Vibrafonisten Gary Burton (79), arbeitete Neselovskyi als Komponist und Pianist ebenso zusammen wie mit dem Waldhorn- und Alphornmeister Arkady Shilkloper, John Zorn und Fred Hersch.

Der Einsatz dieses ukrainischstämmigen Künstlers für seine umkämpfte Heimat erreicht mit dem „Odesa“-Album einen Zenit, dauert aber eigentlich schon viel länger. Auf dem Höhepunkt des Krim-Konflikts im Jahr 2014 führte der mittlerweile in den USA lebende Pianist beim Lviv Jazz Festival in Lemberg ein Trio an, und 2015 trat Neselovskyi beim „Berklee's Concert for Ukraine“ auf.

Einige Jahre später schlug ihm sein neuer Agent vor, die Geschichte der Stadt Odessa zu erzählen, da es keinen Besseren dafür gebe. Neselovskyi ließ sich dafür von Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ inspirieren. Ähnlich aufwühlend wie dieser Klavierzyklus von 1874, ein russisches Musterbeispiel von „Programmmusik“, klingt nun auch die Solo-Piano-Umsetzung der „Odesa“-Idee.