Der Regisseur Vadim Perelman (vorn) und der Schauspieler Lars Eidinger bei der Pressekonferenz zur Berlinale 2020.
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Vadim Perelman ist der Regisseur des Films „Persischstunden“, der im Februar 2020 auf der Berlinale seine Premiere feierte. Die internationale Koproduktion basiert im Wesentlichen auf der Erzählung „Erfindung einer Sprache“ von Wolfgang Kohlhaase. Darin behauptet der in Nazi-Gefangenschaft geratene holländische Student Straat, Persisch zu sprechen. In dieser Sprache soll er den Wachmann Battenbach unterrichten.

Berliner Zeitung: Herr Perelman, Ihr Film „Persischstunden“ basiert auf einer Erzählung von Wolfgang Kohlhaase ...

Vadim Perelman: Sagen wir mal so: Er ist inspiriert von wahren Begebenheiten sowie von Kohlhaase. Letzteres wusste ich allerdings die längste Zeit gar nicht. Unser Drehbuchautor Ilya Zofin schrieb seine Geschichte in Erinnerung an etwas, das er als Jugendlicher gelesen hatte. Von einem KZ-Häftling, der einem Aufseher eine ausgedachte Sprache beigebracht und so das Lager überlebt hat. Das hat ihn nie losgelassen, und als er mir irgendwann davon erzählte, fand ich das so faszinierend, dass er daraus ein Skript machte. Erst als wir mitten in der Vorbereitung für den Film waren, entdeckte Ilya, was es war, das es damals gelesen hatte. Nämlich Kohlhaases Erzählung.

Haben Sie die wahren Ereignisse, die so ähnlich womöglich stattgefunden haben, recherchiert, um Ihren Film möglichst wahrhaftig und authentisch zu machen?

Nein, denn das habe ich gar nicht als meine Aufgabe gesehen. Wer die reine Wahrheit erzählen will, muss einen Dokumentarfilm drehen. Ich wollte einen Film drehen, der emotional berührt und eine Botschaft der Menschlichkeit transportiert.

Es gibt immer wieder Menschen, die meinen, es gäbe womöglich schon genug Filme über den Holocaust.

Schrecklich, nicht wahr? Jeden Tag aufs Neue sollten wir uns damit beschäftigen und es von den Dächern schreien. Gerne auf unterschiedliche Weise, aber wir dürfen das nicht vergessen und wir müssen den jungen Menschen davon berichten und vor Augen halten, was damals Entsetzliches passiert ist. In der Hoffnung, dass so etwas nie wieder passiert.

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Zur Person

Vadim Perelman wurde 1963 in Kiew geboren, nach dem Unfalltod seines Vaters zog seine Mutter mit ihrem neunjährigen Sohn in den Westen, zunächst nach Wien, dann nach Rom und schließlich nach Kanada. Dort studierte Perelman Film, inszenierte Musikvideos und etablierte sich schließlich mit dem Oscar-nominierten Drama „Das Haus aus Sand und Nebel“ als Kinoregisseur.
Nachdem sein zweiter US-Film „Das Leben vor meinen Augen“ floppte, ging er nach Russland, wo er an einigen TV-Serien und Filmen arbeitete. Mit „Persischstunden“ legt der 57-Jährige nun eine internationale Koproduktion vor, finanziert in Russland und Deutschland, gedreht auf Deutsch und Französisch.

Was ist Ihr persönlicher Bezug zu dem Thema?

Nun, ich bin Jude und stamme aus Kiew, wo 1941 das Massaker von Babyn Jar stattgefunden hat. Verwandte und Freunde meiner Großmutter verloren dort ihr Leben, sie selbst hatte Glück. Entsprechend groß ist die Rolle, die der Holocaust in meinem Leben seit jeher spielt.

Und dennoch finden Sie in „Persischstunden“ zuweilen einen leichten Ton, obwohl man keinesfalls von Verharmlosung sprechen kann.

Eben, das denke ich auch. Deswegen war ich bei der Weltpremiere auf der Berlinale so überrascht, dass an einigen Stellen gelacht wurde. Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber gut, warum nicht, jeder Zuschauer und jede Zuschauerin geht anders um mit dem, was er oder sie sieht. Und mir ist ja irgendeine emotionale Reaktion lieber als gar keine.

Nahuel Perez Biscayart (l.) als Gilles und Lars Eidinger als Klaus Koch in einer Szene des Films „Persischstunden“.
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Es entbehrt auf jeden Fall nicht einer gewissen Komik, dass bei Ihnen die KZ-Organisation aufseiten der SS bisweilen anmutet wie normaler Büroalltag.

So war es aber doch. Da gab es Klatsch und Tratsch, jede Menge Papierkram und Bürokratie. Wären nicht die toten Juden vor der Tür, könnte man sagen, es ging zu wie in der Sitcom „The Office“. Natürlich ist es ein Klischee, dass die Deutschen so super organisiert sind und waren und Wert legen auf Formalitäten. Aber tatsächlich ist ja vieles davon überliefert. Dass wir heute so viel wissen über die Machenschaften der SS und dass so viele Schuldige nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen werden konnten, lag auch daran, dass die Nazis jedes noch so kleine Detail schriftlich festgehalten hatten und nicht alles rechtzeitig verbrennen konnten.

Bei einem anderen Gag geht es um einen vermeintlich winzigen Penis. Da kann Sie doch der Lacher des Publikums nicht überrascht haben, oder?

Das war der einzige, mit dem ich gerechnet habe. Dabei ist der noch nicht einmal auf meinem Mist gewachsen, sondern war eine Improvisation von Lars Eidinger. Hätte ich früher „cut“ gesagt, hätte der Witz es gar nicht in den Film geschafft.

Apropos Eidinger: Kannten Sie dessen Arbeit oder warum haben Sie ihn besetzt?

Ein paar seiner Leinwandauftritte hatte ich gesehen, aber vom Theater kenne ich ihn nicht. Ich wusste einfach, dass Lars extrem gut ist, genau wie Nahuel Pérez Biscayart, den ich im Film „120 BPM“ entdeckt hatte. Die beiden standen ganz oben auf meiner Liste und mussten nicht einmal vorsprechen.

Eine letzte Frage noch, weil Sie vorhin die Botschaft des Films und seine Relevanz erwähnten. Glauben Sie, dass man mit Kunst wirklich etwas bewirken kann?

Oh ja, davon bin ich überzeugt. Vermutlich sogar nur mit der Kunst. Denn womit sonst, Bildung? Scheint nicht zu funktionieren. Massenmedien? Da hat man ja bei der US-Wahl vor vier Jahren schon gesehen, was die Folgen sind. Wer die Menschen wirklich erreichen und verändern will, muss das mit einem Kunstwerk tun. In dem er Gefühle vermittelt und auslöst. Denn die sind universell verständlich.