In den 80er- und 90er-Jahren entwickelte sich Luc Besson, Sohn zweier Tauchlehrer, mit so unterschiedlichen Filmen wie „Subway“, „Im Rausch der Tiefe“, „Nikita“, „Léon – Der Profi“ oder „Das fünfte Element“ zu einem der erfolgreichsten Regisseure des europäischen Kinos. Zuletzt verließ ihn ein bisschen das künstlerische Glück: die „Arthur und die Minimoys“-Trilogie, eine Mischung aus Real- und Animationsfilm, wurde nicht der erhoffte große Wurf, auch das Polit-Biopic „The Lady“ oder die mit Robert de Niro und Michelle Pfeiffer prominent besetzte Gangsterkomödie „Malavita“ überzeugten nicht.

Nach dem Kassenerfolg „Lucy“ meldet sich Besson nun allerdings mit einem echten Herzensprojekt zurück. Denn von der aufwendigen Comicverfilmung „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ träumte der 58-jährige schon als kleiner Junge. Wir trafen ihn am Drehort des Films, den von Besson mit aus der Taufe gehobenen Filmstudios der Cité du Cinéma in Saint-Denis bei Paris.

Monsieur Besson, Ihren neuen Film „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ haben Sie Ihrem Vater gewidmet. Warum?

Durch ihn habe ich als Zehnjähriger die Comicreihe „Valerian & Laureline“ entdeckt, auf der der Film basiert. Ohne ihn gäbe es also diesen Film gar nicht. Daran wollte ich erinnern, das war mir wichtig.

Verliebten Sie sich damals sofort in diese Geschichte?

Ich brauchte eine Woche. Denn Sie müssen wissen: Zunächst erschienen immer nur zwei Seiten Comic in der Jugendzeitschrift Pilote, die einmal die Woche erschien. Damals übte man sich als Kind noch in Geduld, da gab es nicht per Mausklick alles in Sekundenschnelle. Jedenfalls wusste ich in der ersten Woche noch nicht recht, was ich da gerade gesehen und gelesen hatte. Ab der zweiten war ich dann süchtig und wollte nicht mehr ohne Valerian leben.

Warum wurde ausgerechnet er zu Ihrem Lieblingshelden?

Mit Superman und all den anderen konnte ich nicht so viel anfangen. Denn die hatten Superkräfte, ich aber nicht. Genau das war aber wichtig für mich: dass ich mich problemlos identifizieren kann mit diesen Helden. Deswegen hatte ich zu Valerian auf Anhieb einen Bezug, genauso wie zu Asterix, Lucky Luke oder Tim von „Tim und Struppi“.

Als Regisseur ist „Valerian“ nun Ihre Rückkehr zur Science Fiction. Sehen Sie Ihren neuen Film als eine Art Nachfolger von „Das fünfte Element“?

Was das Genre angeht sicherlich. Aber was den Aufwand und die technologische Seite angeht, kann man die Filme nicht vergleichen. „Valerian“ war die größte Herausforderung, vor der ich je stand. Beim „Fünften Element“ hatten wir damals 188 Einstellungen mit Spezialeffekten. Dieses Mal waren es 2734. „Valerian“ war also das 15-fache an Arbeit. Noch vor fünf Jahren wäre es gar nicht möglich gewesen, diesen Film überhaupt zu drehen.

Was machte ihn dann möglich?

Hm... Ich würde sagen das war James Cameron (lacht). Ganz im Ernst, er ist jemand, der die Technik auf dem Gebiet der Spezialeffekte immer weiter voran- und vor sich hertreibt. Er und Peter Jackson und all die Leute bei Firmen wie ILM und Weta waren es, die „Valerian“ ermöglicht haben. Sie erfinden und entwickeln die Werkzeuge, die durchgeknallte Leute wie ich brauchen.

Ihr Film ist mit einem Budget von fast 200 Millionen Dollar die teuerste europäische Produktion aller Zeiten. Hat Ihnen dieses riesige Unterfangen nie schlaflose Nächte bereitet?

Ach wissen Sie, wenn man bei einem solchen Projekt nur auf das große Ganze blickt, hat man schon verloren. Ich habe immer bloß auf die Herausforderungen des nächsten Tags geguckt: zwei Schauspieler, 15 Aliens, 12 verschiedene Einstellungen. Und wenn ich abends mit dem Gefühl ins Bett gehe, gute Arbeit abgeliefert zu haben, kann ich mir in Ruhe den nächsten Tag vornehmen. So hangelt man sich von Tag zu Tag.

Und was, wenn der Film nun floppt?

Was soll dann sein? Mein Ziel war es, den Film zu drehen, den der zehnjährige Luc gerne im Kino gesehen hätte. Das ist mir gelungen. Ich hoffe sehr, dass auch andere Menschen daran Gefallen finden. Aber wenn das nicht der Fall ist, dann ändert das nichts an meinem Film.

Sehen Sie „Valerian“ eigentlich auch als europäische Antwort auf all die großen Comicverfilmungen aus den USA?

Wenn, dann müsste man ihn vermutlich als Gegenstück bezeichnen. Denn mein Film lässt sich kaum mit dem vergleichen, was Marvel oder DC auf die Leinwand bringen. Schon die Art und Weise, wie deren Filme entstehen, ist eine ganz andere. Bei denen steht dahinter immer eine riesige Maschinerie, das ist alles sehr straff durchorganisiert.

Bei mir geht es chaotischer zu, ich brauche auch viel länger. Einfach weil ich mich mit sehr vielen sehr kreativen Menschen umgebe, die ich an meiner Arbeit beteilige. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Ideen und Vorschlägen, deswegen verändert sich ein Film wie „Valerian“ während seiner Entstehung immer wieder. Abgesehen davon erzähle ich alles andere als eine Superhelden-Geschichte.

Bösewichter und große Kämpfe gibt es bei Ihnen doch auch!

Klar, die gehören schon auch dazu. Aber die eigentliche Struktur ist eine andere. Es gibt zwei Protagonisten, einen Mann und eine Frau. Sie sind Weltraum-Agenten, also eigentlich Cops, die einen Fall zu lösen haben. Quasi „Starsky und Hutch“ meets „Mr. & Mrs. Smith“ oder so.

Dazu kommt natürlich auch noch eine große Portion Humor – und die Frage, ob unser Titelheld, der irgendwann ganz schön verschossen ist in seine Kollegin, sie am Ende für sich gewinnen kann. Ganz egal wie viele Aliens ich in meinem Film auflaufen lasse: Am Ende dreht sich eigentlich alles um die Dynamik zwischen den beiden.

Auch von vielen anderen Science Fiction-Filmen unterscheidet sich Ihr Film. Schon allein weil er nicht allzu dystopisch ist...

Das stimmt. Mich nervt es ehrlich gesagt, dass Science Fiction in letzter Zeit immer düster sein muss. Der Held grübelt und draußen regnet es. Warum so pessimistisch? Die Zukunft ist doch ein noch unbeschriebenes Blatt, und ich sehe gar keinen Grund, es nicht mit positiven Gedanken zu füllen. Ich für meinen Teil blicke jedenfalls hoffnungsvoll nach vorne.

Blickt man zurück in der Geschichte der Menschheit, wurde doch die Gesamtsituation immer nur besser. Natürlich ist auch heute nicht alles perfekt. Aber es gibt auch keinen Grund zu glauben, dass es von nun an nur noch bergab geht.

Fast noch spannender als Ihre Hauptdarsteller Dane DeHaan und Cara Delevigne ist auch die Tatsache, dass Sie Rihanna für eine kleine Rolle gewinnen konnten. Wie ist Ihnen das gelungen?

Ich hatte so ein Gefühl, dass sie echtes Talent als Schauspielerin haben könnte. Meine erste Frage an sie war: Geht es dir wirklich darum, diese Rolle in meinem Film zu spielen? Sie ist die Göttin der Popmusik, sie muss keine Filme drehen, um ein Weltstar zu sein. Deswegen wollte ich sicherstellen, dass es ihr nicht bloß darum ging, einfach nur eine neue Erfahrung zu machen. Ich will nämlich nur mit Menschen zusammenarbeiten, die das auch ernst nehmen.

Und was war Rihannas Antwort?

Dass sie es verdammt ernst meint und unbedingt von mir lernen wollte. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie kaum Erfahrung hatte, und gab sich bemerkenswert bescheiden. Sie hat mir vertraut und war quasi Wachs in meinen Händen. Ich fand das höchst erstaunlich, nicht zuletzt die Tatsache, dass sie nicht die ganze Zeit ihre Entourage im Schlepptau hatte.

Sobald die Kamera lief, habe ich mit Rihanna keinen Deut anders gearbeitet als mit Dane oder Cara. Mein Gespür für ihr Talent hat mich nicht getäuscht und ich bin mir sicher, dass wir noch viel von ihr als Schauspielerin sehen werden.

Auf dem Soundtrack ist sie aber nicht vertreten, oder?

Ganz bewusst nicht. Sie danach zu fragen hätte ich als Beleidigung für sie empfunden. Ich wollte Rihanna ganz bewusst zeigen, dass es mir um sie als Schauspielerin ging, nicht um den berühmten Popstar.

Verraten Sie uns trotzdem noch kurz etwas zur Musik im Film ...
Die Filmmusik hat Alexandre Desplat geschrieben, denn es war mir wichtig, einen großen, opulenten Science-Fiction-Score zu haben. So wie er damals „Star Wars“ geprägt hat. Auf Songs habe ich so gut es geht verzichtet. Denn meine größte Angst ist immer, dass ein Film nach ein paar Jahren ziemlich veraltet wirkt – und nichts wirkt so schnell altmodisch wie ein in die Jahre gekommener Popsong.

Aber ich hoffe, dass mir mit „Valerian“ ähnliches gelungen ist wie mit „Das fünfte Element“. Denn der lässt sich doch auch nach 20 Jahren noch ganz gut ansehen, oder?