Die Künstlerin Valie Export 2009 in Wien vor ihrem Werk "Body Sign" von 1970.
Foto: Stephen Chung/Zuma Press

BerlinValie Export stammt aus Linz, lebt aber schon ewig in Wien. Und seit einer Ewigkeit sagt die Malerin, Aktionistin, Filmemacherin: „Kunst muss aggressiv sein!“ Mit dieser Haltung provoziert sie und hat seit jeher große Lust an der Störung von Scheinharmonien gehabt. So analysierte sie politisch und medienkritisch das angespannte Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft, deren Werte, Normen, den Moralkodex. Wohl auch darum nennt sie sich, mit bürgerlichem Namen eigentlich Waltraud Stockinger, geborene Lehner, seit den 60er-Jahren nach der österreichischen Zigarettenmarke Smart Export ironisch-verspielt: Valie Export. Die Foto-Collage dazu gehört seit mehr als fünf Jahrzehnten dem New Yorker Museum of Modern Art (MoMA).

Am 17. Mai wird Valie Export 80, doch im Grunde ist sie alterslos, mit ihren brandroten Haaren, der rauchigen Stimme und dem frivolen Lachen. Vor zwei Jahren war sie mal wieder in Berlin zu Besuch, im Neuen Berliner Kunstverein. Da gab es die Werkschau der Frau, deren Aktionen, Filme, Fotos und Collagen seit den 60er-Jahren Radikalität,Pragmatismus und ruppige Poesie vereinen. Ihre Arbeiten haben Kunst- und Emanzipationsgeschichte geschrieben. Sie inspirierte und ermutigte junge Künstlerinnen zum Diskurs über Körperlichkeit, Sexualität, Geschlechterrollen. Das Linzer Museum Lentos, dem sie ihr Lebenswerk schon als Vorlass übereignete, zeichnet ihr Wirken retrospektiv nach. Es gibt da nun ein Valie Export-Center.

Auf einem Filmfestival in München in den 70er-Jahren, mitten in der Ost-West-Hochrüstungsphase, spazierte sie mit einer am Schritt aufgeschnittenen Hose in ein Kino und verkündete: „Was Sie normalerweise im Kino auf der Leinwand erleben, sehen Sie jetzt in der Realität, ein Kino der Wirklichkeiten.“ Auf dem Schwarz-Weiß-Foto ist neben dichter Schambehaarung ein Maschinengewehr zu sehen: Instrument männlicher Macht und Kriegslust. Wegen solch schriller Happenings wird sie paradoxerweise zu den Machos der „Wiener Aktionisten“um Hermann Nitsch, Günter Brus oder Otto Muehl gezählt. Doch die waren ihr „viel zu patriarchisch und verstaubt“, wie sie sagt.

Ihre verpixelten 16-Millimeter-Schwarz-Weiß-Filme sind so berühmt wie berüchtigt. Immer ging es darin um Körperlichkeit, weibliche, provokante, auch obszöne. Es war immer viel los bei ihr, sie gab sich mal als Femme Fatale, mal als Amazone, lebte zeitweise mit Friedensreich Hundertwasser und mit dem Medientheoretiker Peter Weibel zusammen. Letzterer ließ sich 1968, auf dem Höhepunkt der Studenten- und Emanzipationsbewegung, von ihr am Hundehalsband durchs Wiener Zentrum Gassi führen. Der Skandal war ebenso groß wie bei ihrem „Tapp- und Tastkino“, in dem sie ihre nackten Brüste unter einem Papp-Panzer mit Loch auf öffentlicher Straße von Männern 33 Sekunden lang betatschen ließ. Dies, um männliches Gebaren, lange als Kavaliersdelikt abgetan, vorzuführen. Wer mitmachte, tat es freiwillig, der provokanten Aufklärung zuliebe.

Die  Aktion spaltete die damals doch so skandalgeübte Stadt Wien. Valie Export bekam es mit der Polizei zu tun, konnte die Aktion aber schließlich überzeugend als künstlerische Methode zum „Fühlen und Zurückkommen zur Imagination“ erklären. Bis heute gilt dieser Akt als Meilenstein des feministischen Aktionismus. Angst- und tabulos prangerte die mehrfache Venedig-Biennale- und Documenta-Teilnehmerin mit ihren Auftritten, Filmen und Collagen die Verformung des Subjekts in der auf Macht, Erfolg, Effizienz gepolten kapitalistischen Moderne und die Entfremdung zur Natur an. Rechte Politiker, katholische Kreise und moralinsaure Bürger griffen sie dafür an – wegen Obszönität, weil sie oft ihren entblößten Körper einsetzte.

Der österreichische Staat entzog ihr 1970 deswegen sogar das Sorgerecht für ihre Tochter. Die hatte sie mit 18 bekommen. Wegen ihrer Aktionen und eines tabulosen Buches bekam sie eine Pornografie-Anklage. Im Jahr 2010 verlieh man ihr dann das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Finanzielle Sorgen begleiteten Valie Export nach eigener Aussage nahezu ihr Leben lang. Es ging ihr allerdings nie nur um ihre eigene Lage als Frau im Kunstbetrieb. Jetzt, im Jahr 2020 und mit 80 Jahren, sagt die äußerlich eigentlich gelassen wirkende Aktionistin, sie sei noch immer wütend: Frauen seien längst noch nicht gleichgestellt.