Vor unserem Treffen gehen ein paar E-Mails hin und her. Ich schreibe, dass ich gerade freihabe. „Das ist lustig“, antwortet Van Bo Le-Mentzel. Ob das bedeute, dass wir uns treffen können, oder dass er mich in Ruhe lassen solle, weil er Teil meines Jobs sei. „Ich habe aufgehört zu trennen zwischen Arbeit und Freizeit. Es gibt für mich nur noch eine Form von Arbeit, ich nenne die Karma-Arbeit“, heißt es weiter. Das klingt ein wenig durchgeknallt, bringt einen zum Nachdenken, und man hört auch eine Botschaft heraus. Eigentlich ist damit schon einiges über Van Bo Le-Mentzel gesagt.

Hockerbau in Dublin und Rom

Wir treffen uns vor seiner Wohnung in Kreuzberg. Van Bo Le-Mentzel hat seinen Sohn auf dem Arm, er spricht laotisch mit ihm. Le-Mentzel, 37 Jahre alt, wurde auf der Flucht seiner Eltern aus Laos geboren. Aufgewachsen ist er im Wedding, er ist Diplom-Ingenieur und Architekt. Vor vier Jahren hat er Bauanleitungen für Hocker, Stühle und ein Sofa ins Netz gestellt und sie Hartz-IV-Möbel genannt. Schöne Möbel für Menschen mit wenig Geld. Dadurch hat er es zu einiger Bekanntheit gebracht.

Das Goethe-Institut hat ihn durch Europa geschickt, damit er mit Leuten in Dublin, Rom oder Warschau seinen 24-Euro-Holzhocker baut. Es folgten die Karma-Chakhs, eine Kopie der Chucks von Converse, dem wohl erfolgreichsten Schuhmodell aller Zeiten. Er ließ sie in Pakistan, Sri Lanka und Indien unter fairen Bedingungen herstellen. Turnschuhe ohne schlechtes Gewissen. Über eine Crowdfunding-Plattform fand er Abnehmer, die er Prosumer nennt, eine Wortschöpfung aus Konsument und Produzent. Er hat das Einquadratmeterhaus-Haus gebaut, das auf einen Autoparkplatz passt und eine Zeit lang am Landwehrkanal stand. Und von Montag an wird er ein halbes Jahr als Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg Design unterrichten.

Nicht Druck, nicht Geld

Seine Antrittsvorlesung hat er bereits gehalten. „Kreativität braucht Freiheit“, hat er den künftigen Studenten gesagt. Wie abgedroschen, denkt man, bis man erfährt, mit welchem Inhalt er den Satz füllen möchte. Er kündigte an, allen die Bestnote zu geben, egal, ob sie kommen oder nicht, egal, was sie leisten. „Ich gebe euch allen eine 1,0.“ Vertrauensvorschuss, nennt er das. Und dieses Wort fällt während unseres Gesprächs noch sehr oft. Es ist wie ein Mantra. Nicht Druck, nicht Geld, sondern Vertrauen holt das Beste aus den Menschen heraus, erlaubt es dem Genie, das er in jedem vermutet, hervorzukommen. Ach so, und sein Professorengehalt wird er jeden Monat bar an die Studenten verteilen. Das klingt nach einem Marketinggag. Vielleicht ist es in unserer Eventkultur auch schwer geworden, Gags von rebellischen Akten zu unterscheiden. Je länger man mit Van Bo Le-Mentzel redet, merkt man, dass man jemanden vor sich hat, der die Welt verbessern möchte.

„Ich kenne niemanden, der eine so positive Zugewandtheit gegenüber Menschen hat“, sagt Friedrich von Borries, Professor für Designtheorie an der Hochschule dort. Den Studenten würde so ein Charismatiker gut tun. „Und er stellt uns als Institution in Frage, das Autoritätsprinzip.“ Auch sei Van Bo Le-Mentzel einer der wenigen, die sich mit gesellschaftlichen Problemen aus gestalterischer Perspektive auseinandersetzten.

Wo die Tigermütter herkommen

Van Bo Le-Mentzel wird nun auch Designer, Künstler oder Innovator genannt. Und er hat ein Gefolge, eine Crowd, wie er sagt. Seine Facebook-Seite „Konstruieren statt konsumieren“ hat mehr als 20.000 Likes. Wie aus einem Jungen mit Eltern aus Asien, woher die Tigermütter kommen, jemand werden konnte, der etwas gegen Druck hat, der fragt, warum Leute unterschiedlich viel Geld verdienen, der vom Genie in Hartz-IV-Empfängern schwärmt? „Das hat mit meiner Mutter zu tun“, erzählt Van Bo Le-Mentzel. Sie war keine Tigermutter, sondern trat in ein buddhistisches Kloster ein, als er 13 war. Aufgeblüht sei seine Mutter dort. Er und sein Bruder lebten dann allein im Wedding. „Wahrscheinlich waren wir ein Fall fürs Jugendamt.“ Aber das Jugendamt kam nicht, und Van Bo Le-Mentzel, der Graffiti-Writer, freute sich, dass ihm keiner verbot, nachts mit ein paar Sprühdosen das Haus zu verlassen. „Ich hatte das Gefühl, ich kann alles machen.“

Dieses Gefühl hat er sich bewahrt. Und damit kommt vielleicht auch das Denken außerhalb ausgefahrener Bahnen. Es lässt ihn sagen, dass seine Hartz-IV-Möbel eine Firma sind, mit Mitarbeitern auf der ganzen Welt. 60 Bauanleitungen werden pro Tag heruntergeladen, und auch wenn nicht alle verwirklicht werden, dann ist es eine Firma mit einer ansehnlichen Produktionsrate. Crowducing nennt er diese Art der Produktion. Und wer sagt, dass man mit einer Firma Geld verdienen muss? Nicht in Van Bo Le-Mentzels Karma-Ökonomie.

Krasser Vertrauensvorschuss

Das mit dem Geld hat er ohnehin anders für sich gelöst. Er hat sich für ein Jahr von der Kommunikationsfirma, bei der arbeitet, beurlauben lassen und lebt nun von einem bedingungslosen Grundeinkommen, das er sich über eine Crowdfunding-Plattform organisiert hat. 18.000 Euro für ein Jahr. „dScholarship“ nennt er das. „Dieses Projekt klingt idealistisch und unmöglich“, schreibt eine Elisaveta Barsegova in einem Kommentar auf der Plattform. „Und genauso sollten bahnbrechende Dinge klingen.“ Darüber, was er in diesem Jahr machen wird, will er gar nicht viel sagen. Dass die Leute ihm bedingungslos Geld zur Verfügung stellen, ist ihm wichtig. „Es ist krass, wenn du so einen Vertrauensvorschuss bekommst.“

Der Berliner Designer Raban Ruddigkeit reagierte bei einer Podiumsdiskussion vor ein paar Monaten ziemlich genervt auf die Stipendiumidee. „Digitales Mäzenatentum“ nannte er sie. Auch egoistisch. Aber dann habe Van Bo Le-Mentzel die Idee modifiziert, das Stipendium soll auch für andere möglich sein. Trotzdem: Ruddigkeit sagt, Le-Mentzel müsse aufpassen, nicht zum Vertreter einer Gruppe Frustrierter zu werden, die es nicht geschafft haben, mit der Welt klarzukommen. Und dass die Wirklichkeit nicht so schwarz-weiß sei, wie dieser sie manchmal darstelle. Er sagt auch, dass sie bereits wieder zusammen gearbeitet haben. „Die Kritik erlaube ich mir nur als sein Fan.“

Dass er manchmal Ideen äußert, die nicht zu Ende gedacht sind, weiß auch Van Bo Le-Mentzel. Er stellt es als Absicht hin, nennt diese Art zu Denken Beta-Working. „Das machen noch nicht so viele.“ Der Begriff lehnt sich an die Beta-Version von Software an. Sie ist noch im Entwicklungsstadium und wird nur zu Testzwecken veröffentlicht. So ähnlich ist es bei ihm. Seine Ideen sind Entwürfe. Die Crowd soll sie testen, sie verändern. Sie dürfen auch scheitern. Vielleicht, so glaubt Van Bo Le-Mentzel, hat eine aber auch die Kraft Spielregeln zu verändern, die man für unumstößlich gehalten hat.