Die unsachliche Debatte um vermeintlichen Antisemitismus in den Reihen der Documenta ist eskaliert. In den frühen Morgenstunden des 28. Mai wurde der Ausstellungsraum des palästinensischen Kollektivs „The Question of Funding“ auf der Documenta in Kassel von einer oder mehreren Personen mit Graffiti beschmiert. Der bedrohliche Akt des Vandalismus richtet sich offenbar gezielt gegen das palästinensische Kollektiv, zumal keine anderen Ausstellungsräume betroffen waren. Die Zahl „187“ und der Name „Peralta“ wurden dabei auf mehrere Wände gesprüht. Wandoberflächen wurden zudem mit einem Feuerlöscher beschädigt.

Bei „187“ handelt es sich um einen Code, der im US-Kontext als Morddrohung verstanden wird. Er bezieht sich auf ein „Kapitalverbrechen“ und geht auf das kalifornische Gesetzbuch zurück. Der Begriff „Peralta“, vermutet man, könnte sich auf den Namen der spanischen Neonazi-Aktivistin Isabelle Peralta beziehen, die immer wieder antisemitische Propaganda weiterverbreitet hatte und etwa auch in Kreisen der deutschen Neonazi-Partei Der III. Weg in Düsseldorf verkehrte. Ihren Namen auf die Wände des Kollektivs zu sprühen, könnte den Versuch darstellen, eine Assoziation zwischen dem Schaffen des Kollektivs und der antisemitischen Ideologie Peraltas herzustellen. Eine Assoziation, die jeder faktischen Grundlage entbehrt.

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Ausstellungsraum des palästinensischen Kollektivs „The Question of Funding“ nach dem Vandalismus-Fall vom Wochenende. „Paralta“ steht vermutlich für den Nachnamen einer spanischen Neonazi-Aktivistin.

Wie jetzt klar wurde, handelt es sich nicht um den ersten Einbruchs- und Vandalismus-Fall gegen die Documenta 15. In ein anderes Gebäude in Kassel, das als Wohn- und Arbeitsraum für Beteiligte genutzt wird, soll in den letzten zehn Tagen bereits fünfmal eingebrochen worden sein. Zahlreiche Künstler:innen in Kassel sind jetzt ernsthaft um ihre Sicherheit besorgt. „Die Documenta und die Stadt Kassel müssen die Verantwortung für die Sicherheit ihrer Gäste übernehmen und mit konkreten Aktionsplänen nicht nur die Kunstwerke, sondern auch die Menschen vor Ort physisch und psychisch schützen“, hieß es seitens eines beteiligten Künstlers, der anonym bleiben möchte.

„The Question of Funding“ und ihre Mitglieder waren in den letzten Monaten einer Kampagne durch die ehemals linksradikale, heute aber vermehrt durch rassistische Agitation auffallende „antideutsche Bewegung“ ausgesetzt. Deren Anwürfe an „The Question of Funding“ und das Kurator:innen-Team Ruangrupa waren in der Folge weitgehend unkritisch von deutschen Mainstream-Medien übernommen worden.

Auf Anfrage der Berliner Zeitung an die Polizeistelle in Kassel hieß es, die Kriminalinspektion Staatsschutz des Polizeipräsidiums Nordhessen habe die Ermittlungen wegen gemeinschädlicher Sachbeschädigung aufgenommen. Der entstandene Sachschaden, so heißt es in der Pressemitteilung der hessischen Polizei, belaufe sich auf mehrere Tausend Euro. Ein politisches Motiv könne nicht ausgeschlossen werden. Die Documenta selbst wollte sich auf Anfrage der Berliner Zeitung bislang nicht äußern.

Antisemitismus-Vorwürfe unkritisch übernommen

Die Anwürfe an „The Question of Funding“, Antisemiten zu sein oder Antisemitismus nahezustehen, begründen sich in erster Linie durch den Namensgeber eines in Ramallah ansässigen Kulturzentrums, an welches das Kollektiv angebunden ist – sowie auf Arbeiten des palästinensischen Kurators Yazan Khalili. Die Vorwürfe wurden inzwischen von mehreren Seiten entkräftet: etwa im Monopol-Magazin, in der FAZ, im Online-Blog Geschichte der Gegenwart sowie seitens des Kuratoren-Kollektivs Ruangrupa selbst in der Berliner Zeitung. Dennoch hätten die Vorwürfe, kommentierte die in Berlin lebende Künstlerin Candice Breitz auf Facebook, in den letzten Monaten zu einer feindseligen und potenziell gewalttätigen Atmosphäre beigetragen.

Bereits im April war die Fassade des sogenannten Ruruhauses in Kassel – der Hauptsitz des indonesischen Kollektivs Ruangrupa – mit rassistischen Aufklebern beklebt worden. Darauf war zu lesen: „Freiheit statt Islam! Keine Kompromisse mit der Barbarei! Islam entschlossen bekämpfen!“ Ein zweiter Aufkleber forderte „Solidarität mit Israel“. Dass die Aufkleber zur gleichen Zeit entdeckt wurden, scheint darauf hinzudeuten, dass es sich um eine Aktion derselben Szene handelt.

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Entfernte Aufkleber am „Ruruhaus“, die Israel-Solidarität mit rassistischer Agitation verbinden.

„Aufgedeckt“ hatte die Vorwürfe an „The Question of Funding“ und Ruangrupa, die von der Zeit, Welt, taz, NZZ und zahlreichen weiteren Medien weitergetragen wurden, das sogenannte Bündnis gegen Antisemitismus Kassel. Es handelt sich um einen Blog, der durch psychologisch durchschaubare Überidentifikation mit Israel und ähnliche Polemiken hervortritt, wie sie auf den Aufklebern zum Ausdruck kommen.

Keine israelischen Künstler auf der Documenta?

Der Sprecher des Bündnisses Jonas Dörge war in den letzten Jahren auf sozialen Medien durch Posts aufgefallen, wo er schrieb, man stelle sich „auf die Seite der Islam-Appeaser“, wenn man gegen die rechtsradikale Bürgerbewegung Pax Europa aufrufe. Der Islam, so Dörge, sei eine Gefahr für „die Freiheit, die Aufklärung und die Demokratie“. Ob zwischen der Agitation des Blogs gegen „The Question of Funding“ und Ruangrupa und den Einbrüchen vom Wochenende ein direkter Zusammenhang besteht, ist bislang nicht geklärt. Distanziert hat der Blog, der die Geschehnisse in Kassel rege begleitet, sich von dem Vandalismus-Fall nicht. Eine Person aus Jonas Dörges Umfeld kommentierte auf Facebook: „Gewalttätige Angriffe sind nie zu rechtfertigen, aber es ist immer lustig, wenn die Linke ihre eigene Medizin zu schmecken bekommt.“

In der Berichterstattung wurde in den letzten Wochen vermehrt auch kritisiert, dass auf der Documenta zwar palästinensische, aber keine israelischen Künstler:innen vertreten seien. Diese „große Abwesenheit“, wie die Wochenzeitung Welt das nannte, decke sich mit dem Erstarken des BDS. Dass über 100 andere, für die Kunstwelt keineswegs irrelevante Länder ebenfalls nicht auf der diesjährigen Documenta vertreten sind, schien in diesem intellektuell eher lauwarmen Vorwurf keine Rolle zu spielen. Man fragt sich, ob diejenigen, die der Documenta jetzt das Fehlen israelischer Künstler:innen zum Vorwurf machen, jenen Maßstab beispielsweise auch an die Whitney Biennale oder andere großangelegte Kunstausstellungen anlegen würden, die einen ähnlich internationalen Anspruch vertreten.

Anstatt aus der Luft gegriffene Vorwürfe zu entkräften, wäre es spätestens jetzt an der Zeit, ein Konzept zu erarbeiten, das hilft, politisch motivierte Vorwürfe, die Palästinenserinnen und Palästinenser teils mit der gleichen rhetorischen – und offenbar auch physischen – Militanz treffen wie jüdische Israelis, als solche erkennbar zu machen.