Berlin - Hier gehen Menschen von weither mit Fototelefonen lang und fangen das alte Berlin ein. So wie hier, mit den vielen Schaufenstern zwischen gemusterten Wänden und Plakaten, könnte es ausgesehen haben, als die Zeiten golden genannt wurden. „Natürlich ist das hier nicht Piccadilly Circus!“, schreibt Irina Liebmann in ihrem „Lied vom Hackeschen Markt“. „Und trotzdem,/ Es funkelt ja schon!“ In der ersten Etage in einem der Hackeschen Höfe funkelt und glitzert es abends ganz besonders. Hier ist das Chamäleon zu Hause. Das Theaterchen mit seinen 300 Plätzen kann sich optisch wandeln wie der Namensgeber aus dem Tierreich. Seinen Charakter aber ändert es nur noch in Nuancen. Jetzt feiert es den zehnten Jahrestag seiner Wiedergeburt.

Das ist ein Grund, auch freudig die Wandlung eines Genres zu preisen. Meyers Lexikon von 1909 nennt das Varieté „Schaubühne für heitere oder pikante Gesangsvorträge und Deklamationen, die in bunter Reihe abwechseln mit Vorführungen von Akrobaten, Seiltänzern, Jongleuren, musikalischen Clowns, Tierbändigern etc., den sogen. Artisten“. Der aktuelle Duden vermerkt es als „Theater mit bunt wechselndem, unterhaltendem Programm, artistischen, akrobatischen, tänzerischen, musikalischen o.ä. Darbietungen“. Artisten und Komödianten gibt es noch im Chamäleon Varieté, aber sie zeigen nicht bloß reihenweise Kunststücke, sondern sind Teil eines Ganzen – einer Show mit Idee.

Schon immer ein besonderer Ort

Anke Politz, die künstlerische Leiterin, spricht deshalb vom „zeitgenössischen Varieté“. So, wie man beim Ballett heute nicht mehr nur Spitzentanz erwarte und im Sprechtheater Texte nicht mehr wie vor hundert Jahren deklamiert würden, habe eben auch das Varieté eine Entwicklung erfahren. In Kanada begann das mit dem Cirque Nouveau, in Australien mit Körpertheater. „Das sehen Sie auch in den anderen Häusern, in Berlin im Wintergarten, in den GOP-Theatern in Hannover, Münster oder Essen“, sagt sie, um Gerechtigkeit bemüht.

Anke Politz ist schmal, bewegt sich sehr gerade, hat ihre Züge unter Kontrolle. Ob sie mal selbst auf der Bühne gestanden hat? Nein, bloß nicht, sie arbeite lieber im Hintergrund. Sie war Krankenschwester, hat Publizistik studiert, kam vor zehn Jahren in das Haus, als es gerade im Umbruch war. In ihrem Büro hört man noch durch die geschlossenen Fenster die klingelnde Straßenbahn, jaulende Motorräder, lachende Leute. Die Hackeschen Höfe gehören zu den Orten in Berlin, an denen die meisten Touristen unterwegs sind. Sie stellen bis heute einen guten Teil ihres Publikums. „Anfangs kamen ja kaum Berliner zu uns, weil sie den Ort mieden“, sagt sie. „Heute wissen wir aus den Befragungen, dass viele Gäste nach einer Show auch zu nächsten kommen.“

Die Hackeschen Höfe mitten in Berlin-Mitte waren immer schon besonders. 1906 als Gebäudekomplex eingeweiht, war er damals bereits für Läden, Büros und Wohnungen gedacht. Im Krieg nur wenig zerstört, verkamen die Häuser in der DDR-Zeit. Der Jugendstil-Saal war nur ein Probenraum. Nach dem Mauerfall wurde das Varieté Chamäleon geboren, von drei Männern mit Lust auf Unterhaltung. Komische, lustige und legendär verunglückte Shows gab es hier. Die Veranstalter waren immer knapp bei Kasse, schon ein heißer Sommer war gefährlich. Im Sommer 2003 konnte die Insolvenz durch viele Spenden abgewendet werden. Im Jahr darauf war Schluss. Die neue Chamäleon Theater GmbH übernahm das Haus, sanierte den Saal, riss Zwischenwände raus und eröffnete am 14. September 2004 wieder.

Vieles hat sich verändert

Andreas Schwalbe, der heutige technische Leiter, kennt noch die alte Truppe, den alten Spielplan. Was hat sich verändert? „Alles.“ Für ihn natürlich zuerst die technischen Möglichkeiten. Musik wurde noch per Kassette eingespielt, heute per Computer – oder live, wie bei der neuen Show „Crossroads“. Heute gibt es Projektionen, in denen der Artist während des Auftritts noch einmal um 90 Grad gedreht neben sich auf der Leinwand zu sehen ist, bei „Leo“ war das so. Aber Schwalbe meint wirklich alles: „Die Gesellschaft hat sich verändert. Seh- und Hörgewohnheiten des Publikums, der Sound.“

Stammregisseur der ersten Jahre war neben Maximilian Rambaek Markus Pabst, dessen Namen man heute als Synonym für modernes Varieté benutzt. Gerade läuft im Wintergarten seine Show „Der helle Wahnsinn“. Pabst: „Früher konnte jeder Artist nur eine Nummer. Heute wählt man den Beruf, weil man sich mit seinem Körper künstlerisch ausdrücken möchte.“ Er inszenierte auch „Soap“, ein Programm, über das in der Stadt gesprochen wurde und zwei Wiederaufnahmen erlebte. Dafür standen sieben Badewannen auf der Bühne. Anke Politz hatte sie besorgt von einem berühmten Porzellanhersteller, damals war sie Pressefrau, aber eben mitverantwortlich.

So turnten die Artisten nicht am Trapez, sondern in Edelwannen. Und Politz wurde 2007 Direktorin. Heute hat sie also die künstlerische Leitung, auch die der Chamäleon Productions. Denn das Varieté versucht, die kostenintensiven Shows zu exportieren. „Beyond“ zum Beispiel war vier Wochen in Edinburgh und hat beim Fringe-Festival lauter Preise bekommen.

Theaterdirektor Henrik Frobel formuliert den Erfolg seines Hauses so: „Herz, Kopf und Bauch“ werden durch das Chamäleon ausgefüllt. Eine Premiere ist wie „das Blockflötenkonzert zu Weihnachten, wenn man aufgeregt und voll Vorfreude vor der Familie steht“.

Neue Show „Crossroads“, Premiere am 14. September, Tel. 4000 590