Eins kann man feststellen: Sie haben den Schuss gehört. Ob sie ihn richtig deuten, ist eine andere Sache. Doch immerhin haben die Vertreter der Agrarindustrie verstanden, dass immer mehr Menschen ein mulmiges Gefühl ob der 800 Millionen jährlich in Deutschland geschlachteten Tiere und ihres unglücklichen Vorlebens bekommen.

Bei topagrar.com, dem Online-Portal für landwirtschaftliche Nachrichten, war zu lesen: „Eine steigende Zahl von Verbrauchern sieht keine andere Möglichkeit mehr, Tiere zu schützen, als auf tierische Produkte zu verzichten und sich vegan zu ernähren.“ Diese Beobachtung stamme von Ulrich Hamm, der an der Universität Kassel das Fachgebiet „Agrar- und Lebensmittelmarketing“ leitet.

Es löst in mir Unwohlsein aus zu erfahren, dass an staatlichen Universitäten Professuren für „Agrar- und Lebensmittelmarketing“ existieren. Jedenfalls wurde von Hamm weiterhin berichtet, er meine, dass Negativberichte über heutige Tierhaltung die Verbraucher abschrecken, dass nüchterne Darstellungen und da auch schönfärberische Werbefilme nichts helfen, weil sich die Verbraucher dann umso mehr erschrecken, wenn sie mit der Realität konfrontiert werden. Der Bericht schließt mit dem Satz: „Gesamt konstatiert Hamm, dass es in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte kaum möglich sein wird, die intensive Tierhaltung mit einem positivem Image zu besetzen.“

Neue Ideen der Agrarindustrie

So schnell wollen andere nicht das Bolzenschussgerät in den Tofu werfen. Sie probieren Maßnahmen aus, die ihnen innovativ erscheinen. In Rotterdam hat sich ein Verbund von Architekten und Molkereiwirten das Ziel gesetzt, „Stadtbürgern die konventionelle Produktion und Verarbeitung von Kuhmilch wieder näher zu bringen“ (elite-magazin.de).

Weil es in den Niederlanden nicht so viel Boden gibt, bringt man das Ganze aufs Wasser, in Form schwimmender Docks und Schiffe. Ab diesem Sommer soll eine „Floating Farm“ in Rotterdam gebaut werden. Die „Weideflächen“ sollen mit – kein Scherz! ? Kunstrasen begrünt sein, der Urin wird abgeleitet und der Kot abgesammelt.

Vor meinem inneren Auge erstehen bizarre Bilder, wie man Kuhfladen aus Kunstrasen aufklaubt oder absaugt... Doch die Details sind Nebensache angesichts der Kernintention, ich erinnere daran, „Stadtbürgern die konventionelle Produktion und Verarbeitung von Kuhmilch wieder näher zu bringen“. Denn genau so läuft das! Konventionell stehen Kühe auf schwimmendem Kunstrasen.

Geradezu lahm kommen einem dagegen die hiesigen Versuche vor, die Realität des Milchviehalltags bekömmlich zu machen. Da wäre zum Beispiel die leidige Tatsache, dass den Milchkühen nach der Geburt das Kalb weggenommen wird – eine Trennung von Mutter und Kind, die ja recht barbarisch anmutet. Von Agrarwissenschaftlern und Veterinären wurde belegt, dass die Kühe wissen, dass sie geboren haben, und teils tagelang nach dem Nachwuchs rufen.

„Kälber in Einzelhaft“

Trotzdem wird uns Veganern oft vorgeworfen, wir würden die Kühe „vermenschlichen“, wenn wir das kritisieren. Doch anscheinend kommt sie auch manchem Landwirt nicht ganz koscher vor, oder warum sonst sagt einer von ihnen in einem Video des Bauernverbands Schleswig-Holstein, „Die ersten zwei Wochen haben wir die Kälber in Einzelhaft“? („Lokalrunde für Kälber“, 0:47)

Und wer vermenschlichte denn eigentlich, als die Zeitschrift „Land & Forst“ im vergangenen Jahr ein Heft dem Schwerpunkt Sauenhaltung widmete und unter den Slogan stellte: „Wellness für Mutter und Kind“? Wellness – echt jetzt?

Eine letzte Inspiration erhalten wir aus einem aktuellen Werbefilm der Fleischwirtschaft, in dem ein Metzger erklärt, warum er einen schönen Beruf hat: „Fleisch hat eine Würde!“, sagt er, und dass er „den Weg vom Rind zum Steak“ mag. Derweilen schneidet er aus einer roten Masse ununterbrochen Würfel. Man ist beim Zuschauen ganz fasziniert, von diesem emsigen Schneiden und den skurrilen Worten; man denkt, genauso gut könnte er eigentlich rote Knete schneiden...

Und man fragt sich: Warum schneidet er stattdessen nicht wirklich Knete? Warum schwimmt ihr nicht selbst auf dem Kunstrasen wellness-trunken durch Rotterdam, und lasst einfach Kühe und Schweine in Ruhe?