Szene aus „Schwarzer Block“ mit Aram Tafreshian, Kinan Hmeidan und Yusuf Celik (v.l.).
Foto: Maifoto/Ute Langkafel

BerlinWenn man sich mit „Schwarzer Block“, dem Text von Kevin Rittberger, der am Sonnabend im Gorki-Theater zur Uraufführung kam, auseinandersetzen würde, fände man sicher einiges zu diskutieren. Zumindest das allgemeine Anliegen kann man nachvollziehen. Nämlich, dass man sich angesichts faschistoider Tendenzen, rechter Gewalt, diskriminierender Strukturen in seiner individuellen Ohnmacht nicht einrichten darf, sondern gemeinsam Widerstand leisten soll.

Aber hat die Gesellschaft seit der Weimarer Republik wirklich nicht dazugelernt, wenn es darum geht, die Gefahr von rechts zu erkennen und ihr zu begegnen? Und würde die Abschaffung des Staates in der gegenwärtigen Situation tatsächlich bei der Abschaffung von Ungerechtigkeiten helfen? Und ist es wünschenswert, dass ein Schwarzer Block Abwehrmaßnahmen gegen rechte Gewalt übernimmt, wenn die Polizei überfordert ist? Und ist gewaltloser Widerstand wirklich naiv? In dem Text, der selbst wie ein Block in Erscheinung tritt, sind solche Argumente zu finden – keine Ahnung, wie sie gemeint sind. Schon irgendwie ernst …

Noch weniger als dem Autor ist es offenbar dem Regisseur Sebastian Nübling ein Anliegen, dass man überhaupt erst zu einer inhaltlichen Ebene vordringt. Schon die Theaterform ist auf revolutionäre Verweigerung aus. Wir sitzen als ein coronabedingt verstreutes Einzelkämpferhäufchen im Gorki-Saal. Jeder Zuschauer wird mit Kopfhörern abgeschottet, und dann der Hahn aufgedreht. Die Performer kommen zweimal kurz auf der Bühne vorbei, meist befinden sie sich im benachbarten Container oder auf dem Vorplatz des Theaters, halten ihre Gesichter in die Kamera von Robin Nidecker, und die wackelnden, mal verfremdeten, mal pseudodokumentarischen Bilder werden im Saal an das geschlossene Bühnenportal geworfen.

Knapp anderthalb Stunden lang sprechen 14 Performer Lexikonartikel, Täterstatements, Opfergeschichten, Parolen- und Flugblättertexte, deren Kompilation das Programmheft als Langgedicht, ja als Sinfonie bezeichnet. Sprechen heißt Ansagen machen, ansagen heißt meist niederschreien etwa per Megafon – dazu gibt es einen kraftmeiernden Soundtrack von Tobias Koch, viel Wasser, Nebel und bengalisches Feuer. Man muss nur einmal die Kopfhörer absetzen, um zu merken, wie absurd so eine Veranstaltung ist. Dann blubbert der Bass in die zivilisierte Bravheit des mit Multiplikatoren bestückten Theatersaales, leise hört man das Kreischen von jemanden, der sich irgend woanders einen abrackert. Haben wir diese Ästhetik dem Bemühen um Bildschirmtauglichkeit zu verdanken, Stichwort Streaming? Dagegen spricht, dass man zu Hause, außerhalb der Theatersaalgefangenschaft, den Sermon problemlos abstellen könnte.

Wie ein tiefer und befreiender Seufzer des verlogenen Trostes wirkt dann die letzte Einstellung. Der Adrenalinhaufen des Ensembles ruft auf den Stufen des Gorki-Theaters staatsfeindliche Parolen – als wäre das ein Gruß an die Reichsflaggenschwenker auf den Stufen des Parlamentes während der Corona-Demo. Dann dreht sich die Kamera weg, entfernt sich wackelnd in den Schutz des Kastanienwäldchens hinter der Neuen Wache, dem Denkmal für die Opfer des Faschismus. Die Parolen werden leiser, Lichter und Klänge vom Klassik-Open-Air neben der Staatsoper mischen sich in die Aufnahme, die allerdings immer mehr fragmentiert, weil die Kamera die Funkverbindung verliert. Bild und Ton brechen zusammen, die Beamer im Saal senden eine Fehlermeldung: Verbindung gesucht.

Schwarzer Block. 6., 12., 19., 20.9., 19.30 Uhr im Maxim-Gorki-Theater. Tickets unter Tel.: 20 22 11 15 oder www.gorki.de