Berlin - Es gab Zeiten, da waren Kreative und Künstler dieselben Leute. Sprachlich gingen sie glatt als Synonyme durch, wie sollte auch künstlerische Arbeit ohne Kreativität auskommen?

Die Podiumsdiskussion am Mittwoch läuft unter dem Titel „Künstler gegen Kreative“ (eingedeutscht für „Künstler*innen vs. Creatives?“), und nicht jeder weiß, wer da eigentlich streitet. Die Uneinigkeit scheint  groß genug, dass sich der Kultursenator Klaus Lederer (Linke) aufgemacht hat, die Diskussion im Haus der Berliner Festspiele zu befeuern. 

Der Feinunterschied von kreativen Tätigkeiten lässt sich am anschaulichsten erklären am Beispiel des Atelierhauses PostOst in der Palisadenstraße. Das war mal ein Postamt. 2003, in Berlin herrschte noch Leerstand, richteten sich Musiker, Fotografen, Maler und Designer hier Ateliers ein, zahlten Mieten von vier bis sechs Euro pro Quadratmeter. Als die Telekom ihre Immobilie verkaufte, mussten die knapp 50 Künstler 2016 raus. In Berlin gehen jährlich 350 Ateliers verloren. Von Mieten  bis zu 18 Euro pro Quadratmeter war nun die Rede, die neuen Mieter würden sie wohl zahlen können.

Es klingt so schrecklich banal

Das ist Factory Berlin, ein erfolgreiches Start-up-Unternehmen mit einem 20.000-Quadratmeter-Areal in der Bernauer Straße. Auch Uber und Twitter agieren von hier. Ihr vertreibt Künstler!, lautete der Vorwurf. Wir sind selbst Kreative, haben unten angefangen!, erwiderten die Factory-Leute. Und mittendrin stoppte die Entwicklung hin zu einem der üblichen Gentrifizierungs-Fälle doch noch. Die „alten“ Künstler, die „neuen“ Kreativen und der Atelierbeauftragte des Senats suchten zusammen nach einer Lösung. Nun geht es wohl um acht Euro Miete, doch noch hängt der Fall in der Schwebe. 

PostOst und die Berliner Festspiele setzten eine Podiumsdiskussion zum Thema an. Muss man als Naturgesetz akzeptieren, dass Künstler immer den Boden für wirtschaftliches Wachstum bereiten, um dann vor galoppierenden Mieten zu flüchten? Dazu berichteten Künstler, Gründer, Entrepeneurs aus San Francisco, London und Amsterdam, dass man sich sogar in den teuersten Städten der Welt behaupten kann. Erzählen, wie sich dort Subkulturen mit der Kreativwirtschaft und den Investoren arrangierten. Jeder Versuch verläuft anders, immer kompliziert, nicht zwingend erfolgreich. In einem herrschte Einigkeit: Man darf die Wirtschaft und Tech-Industrie nicht als Gegner wahrnehmen, dem Kapital nicht vorwerfen, dass es Geld verdienen will.  Es klingt so schrecklich banal – aber man muss miteinander reden.

Alles hängt an den Rechten für die Grundstücke, sagt Daniela Brahm von Ex-Rotaprint im Wedding, einem herrlich gemischten Standort für Künstler, Soziales und Gewerbe. Er konnte in  Erbbaurecht langfristig gesichert werden. Im Gegensatz zum Stattbad Wedding. Da hatte Berlin das Areal 2007 einem Investor verkauft, der einen Kulturort versprach, dann aber nach nur acht Jahren alles für das Zwanzigfache weiter verkaufte. Nun folgt der Abriss. Berlin verschleuderte jahrelang seine Flächen, als die Preise im Keller waren. So sieht es aus.

Endlich wieder Kulturpolitik in Berlin

Was die Diskussion darüber so erfrischend, zupackend, eigentlich entflammend macht, sind aber nicht die schwebenden oder abgewehrten Beispiele von Verdrängung, sondern zwei Politiker auf dem Podium, Florian Schmidt (Grüne), Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg und der Kultursenator, die sich das alles nicht mehr gefallen lassen wollen. Anders als der schon nach wenigen Wochen verlottert wirkende Senat verbreiten beide Energie und Ideen zum Verändern, immer gepaart mit Sachverstand. Schmidt erklärt, dass man den Umgang mit Immobilienleuten lernen muss, aber auch: „Wir können dem Markt den Krieg erklären. Ihm die Lust am Kaufen und Verkaufen verderben. Wir kaufen uns die Stadt zurück, etwa durch die  Schaffung von Milieuschutzgebieten. So sichern wir uns Vorkaufsrechte zum Verkehrswert, nicht zum Marktwert. Das kappt Spekulationsspitzen.“ Was für eine Ansage. 

Klaus Lederer hat schon Tatsachen geschaffen: Eine der beiden Kudamm-Bühnen bleibt, eine nicht. Nach ewigem Kleinkrieg um den Erhalt gibt es plötzlich einen guten Kompromiss: „Mehr war nicht möglich, nachdem das Land das Grundstück verkauft hat.“ So etwas wird nicht passieren, wenn es jetzt um die Alte Münze geht. „Anfangs sollte auch die verscheuert werden. Wir werden sie erhalten und zwar zu nichtkommerziellen Zwecken.“ Wie saniert wird, mit welchem Geld, von wem und für wen steht noch nicht fest, Ideen sind willkommen. Aber was für eine souveräne Entscheidung, dass sich dieser Senator die 12 Millionen Euro für die Sanierung nicht vom Bund schenken lässt.

Denn der will gleich das Konzept mitliefern, für ein Jazzhaus, das Berlin dann subventionieren soll. Lederer: „Nur, weil Till Brönner gerade einen guten Draht zu Abgeordneten im Bundestag hat“. Der Bund hat mit vergifteten Geschenken in Berlin schon einigen Schaden angerichtet. Lederer fällt nicht drauf rein. Obwohl auch er Geld braucht, alles zu erhalten und etwa Mindestgagen einzuführen. Was für ein Glück, dass in Berlin wieder Kulturpolitik gemacht wird.