Noch nie vom Fach der „Granteloper“ gehört? Keine Schande. Auch nicht, wenn Sie zufällig Theaterhistoriker sind. Nein, in deutschen Kunstarchiven sind die Grantler schmählich unterrepräsentiert. Das sieht in Frankreich schon ganz anders aus, erklären die drei Performer Nele Stuhler, Falk Rößler und Stephan Dorn.

Seit gut sechs Jahren bilden sie die Gießener Theatergruppe „Fux“ und sind auf der Suche nach dem Theater hinter dem Theater. Das klingt verdächtig nach dem Selbstdiskursivierungsmetasprech, für das das Gießener Institut seit Jahrzehnten Kaderschmiede Nr.1 ist. Die Fuxianer aber versuchen auf sehr eigene Weise, durch eulenspiegelbildliche Abenteuerreisen in die Geschichte des Theaters das Theater neu zu beleben.

Nicht wahr und nicht gelogen

So ganz wahr ist dennoch nichts an dem, was sie tun. Auch stehen die drei nun nicht wirklich auf der Bühne des HAU3, auch wenn die drei Schauspieler Leonard Bertholet, Tino Kühn und Hannah Müller das hartnäckig behaupten. Ganz erfunden ist aber auch nichts. Man könnte die Fux’sche Dramaturgie doku-fiktive Sammelknödelei nennen.

Nun also Frankreich, wo die „Granteloper“ im 17. Jahrhundert entstand, so Fux. Auf den Jahrmärkten sei das gewesen durch und für das „einfache Volk“ als Parodie auf das Hoftheater. So nahmen die Grantler nicht nur Molière auf die Schippe, sondern auch seinen Arbeitgeber, Ludwig IV. Da das postwendend folgende Verbot aber nur für das Sprechtheater galt, begann man kurzerhand zu singen und die Vorform der „Granteloper“ war geboren. Dass später sogar der Komponist Gluck seine Reformoper an ihr ausgerichtet haben soll, ist eines der irrlichternden Details dieser lehrtheaterhaften pathetisch parodistischen „Granteloper“-Lektion.

Grand Opéra oder Granteloper?

Gewitzt und ideenreich ist das in seinen formalen und inhaltlichen Verknüpfungen, und doch vermisst man ein bisschen tiefere Irritation im Laufe der mindestens sechs Akte (plus Vor-, Zwischen- und Nachspiele) der „immer zu großen, immer zu kleinen, nie fertigen“ (so Fux) Grand Opéra zwischen Gluck, Shakespeare, Brecht, Weill und Pop.

Viele wunderbar ausgefranste, gleich wieder verdichtete Momente entstehen dennoch. Zum Beispiel, wenn sich nach einem zirka tausendstrophigen „Beschwerde“-Song im dritten Akt so etwas wie ein Stück echt-komischer Beschwerdeoper als „Beschwerde-Reenactment“ entspinnt. Die Schauspielerin Hannah Müller klettert dafür auf den „Beschwerdeturm“, der neben der „Beschwerdemuschel“, in der drei Musiker hocken, das imposanteste Bühnenmobiliar darstellt, und deklamiert im barocken Rezitativ zum Cembalo mit groß-steifen Operngesten den Antwortbrief, den Falk Rößler im November 2017 aus dem deutschen Volksvertretungsapparat im hiesigen Regierungsviertel erhielt.

Barocke Antwort aus dem Hohen Haus

Tatsächlich hatte Rößler zuvor die schriftliche Anfrage an das Hohe Haus gestellt, warum es nach wie vor so große Vermögensungleichheit in Deutschland gebe. Und ja, die amtlichen Antwortphrasen hört man nun zweifellos am besten barock.

Tatsächlich − das zeigt dieser Abend − scheint das Drama der historischen „Granteloper“ ähnlich dem der Beschwerde heute: Beide sind in aller Munde, haben tausend Gesichter, aber greifen doch nie in den Lauf der Dinge ein. Bürgertelefone, Kommentarspalten, Kundenbewertungen, Protestwahlen sind wachsender Teil jenes tosenden Phasenkreislaufs, der das System stabil ewig in seiner Drehung hält.

Nein, auch die Granteloper hat keine Zukunft − nicht mal nun in ihrer späten, ersten, echten, mit Leuchtkostümen, Riesenlautsprechern und großen traurigen Arien ausgestatteten Multi-Uraufführung im HAU3. Das wissen die Fuxianer genau und zelebrieren es genüsslich. Protest braucht neue Tonarten: viel schöne Zukunftsarbeit für Fux.

Bis Sonnabend 13. Januar, 19 Uhr, HAU3,T.: 25900427