Mark Ruffalo als Robert Bilott in einer Szene des Films „Vergiftete Wahrheit“
Foto: TOBIS Film 

Im Stadium der größten Verzweiflung wühlt Robert Bilott, seines Zeichens Anwalt, tatsächlich durch seine Pfannen. „Sie vergiften uns!“, brüllt er seiner Frau entgegen – und mancher im Publikum wird versucht sein, die Szene zuhause nachzuspielen. Die schlechte Nachricht ist: Das Gift, um das es geht, tragen wir alle längst in uns. Die weniger schlechte: Robert Bilott hat etwas dagegen getan.

Die EU ist ihm erst in diesem Jahr gefolgt und hat Perfluoroktansäure (PFOA) verboten. Verwendet werden „poliflorierte“ Chemikalien vor allem in der Herstellung von Teflon, aber auch von Outdoor-Kleidung. Mit führend auf diesem Gebiet ist bis heute die US-Firma DuPont, die nun in Todd Haynes’ Justizthriller „Vergiftete Wahrheit“ den Bösewicht abgibt. Über Jahrzehnte leitete sie die Abfälle aus ihrem Werk in Parkersburg, West Virginia, ins Grundwasser. Der Skandal besteht nicht nur darin, dass PFOA bei Mensch und Tier zu irreparablen Schäden führen kann. Der Konzern hat es jederzeit gewusst.

Anwalt Bilott, gespielt von Mark Ruffalo, ist kein Spezialist für Umweltfragen. Das heißt eigentlich schon, nur operiert er normalerweise für die Gegenseite. Union Carbide! Exxon Mobil! Schon die erste Gesprächsrunde in der Anwaltskanzlei Taft, wo er arbeitet, weckt üble Erinnerungen. Bilott ist ein kleines Licht in diesem Zirkel – von einer No-Name-Uni, amerikanisches Auto, man merkt ihm seine Herkunft an. In Parkersburg hat er früher seine Oma besucht und ihre Kühe gemolken. Und das ist der einzige Grund, warum eines Tages im Jahr 1999 der Bauer Will Tennant in das Taft-Büro platzt und ausgerechnet nach ihm verlangt. Er hat Fotos dabei, von seinen Kühen. Sie sehen nicht schön aus.

Dass der Regisseur Todd Haynes („Carol“) seinerseits nicht als Spezialist für Umweltfilme gilt, sondern eher als Ästhet vor dem Herrn, gerne mit experimenteller Schlagseite, ist gar kein Schaden. Vor allem anfangs fesselt „Vergiftete Wahrheit“ als formvollendetes Charakterdrama im Stil der Neunziger – wer hätte gedacht, dass man das mal vermisst? An „Erin Brokovich“ lässt sich denken, aber auch an die zahllosen Grisham-Verfilmungen mit oft zweifelhafter Botschaft. Ob auf dem glamourösen Gipfeltreffen der Chemie-Lobbyisten mit ihren teflonglatten Sonntagsreden oder in der bedrohten Idylle von Parkersburg, mitten im amerikanischen Herzland – man möchte baden in diesen Bildern, wenn auch nicht im Giftsee auf Will Tennants Farm.

Tim Robbins mit seinem Dauergrinsen 

Ehrlicherweise sieht man so einen Film, der weitestgehend auf einem Artikel der New York Times aus dem Jahr 2016 beruht, ja nicht wegen Teflon. Sondern wegen des Dauergrinsens von Tim Robbins (als Bilotts wenig begeisterter Boss), oder Mark Ruffalos gebücktem Gang. Der Hauptdarsteller ist Haynes’ großes Pfund, kann er doch schlicht alles. Er war der coole Kommissar in David Finchers „Zodiac“, das Vorbild für Steve McQueens Rolle in „Bullitt“. Im Marvel-Universum gibt Ruffalo den wutschnaubenden grünen Hulk, er ist der Spezialist für neurotische Männerrollen. In genau dieser Mischung, gepaart mit einer gewissen Ähnlichkeit, erinnert er nicht zuletzt an den großen Peter Falk. Wie Columbo könnte er durch die Gegend schleichen und seine Gegner mit einer letzten Frage in den Wahnsinn treiben. Doch dies ist ein ganz anderer Fall.

Man braucht Geduld mit der Erzählung, die sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, und auch mit dem Ermittler. Bilott hat die Geduld, auch wenn er zwischendurch immer wieder verzweifelt. Als er DuPont nachweist, die eigenen Grenzwerte – es gibt keine anderen – überschritten zu haben, setzt die Firma sie einfach herauf. Seine Frau (Anne Hathaway) ist nur halbherzig auf seiner Seite, in Parkersburg fürchten sie um ihre verseuchten Arbeitsplätze.

Ein Vorbild anti-toxischer Männlichkeit

Aber Bilott macht weiter, im Grunde gegen seine Natur. Versenkt sich zwischen Kisten mit Beweismaterial, strengt Studien an, versucht, die Menschen zu überzeugen. Ruffalos Anwalt ist ein kein glanzvoller Held wie Julia Roberts in „Erin Brokovich“, von den taffen Aufklärern in zahllosen Politthrillern ganz zu schweigen. In einem toxischen Gewerbe ist er ein Vorbild an anti-toxischer Männlichkeit, ein demokratischer, heute dringend benötigter Held. Und das ist es wohl, was Haynes fasziniert hat.

Verschwörungstheoretiker hingegen, das noch zur offenkundigen Aktualität, machen eigentlich einen schlechten Job: Während sie mit erfundenen Geschichten („Chemtrails“) die Welt in Atem halten, interessieren die echten Sauereien viel zu wenige. Sie vergiften uns! Ein unbedenklicher Ersatz für PFOA ist bis heute nicht gefunden.

Vergiftete Wahrheit (Dark Waters) USA 2019, Regie: Todd Haynes, Darsteller: Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, Bill Camp u.a., 128 Min, Farbe