Der Dresdner Kreuzchor gibt ein Adventsgastspiel im Konzerthaus und nimmt dabei keinerlei liturgische Rücksicht.
Foto: Robert Michael

BerlinEs soll Menschen geben, die blitzartig „Weihnachten“ assoziieren, sobald man ihnen eine Hochbarockmusik vorspielt. Für sie werden Platten aufgenommen wie „Royal Fireworks“ von der Trompeterin Alison Balsom. Darauf finden sich Trompeten-Sätze aus Bachs Weihnachtsoratorium, aber auch Händels Feuerwerksmusik, Trauermusik von Purcell oder ein ganz und gar festunabhängiges Trompetenkonzert von Telemann. Dass Alison Balsom grandios Trompete spielt, steht vollkommen außer Frage, zudem hat sie sich hier erstmals auf der Naturtrompete verewigt, öffnet sich also auch, wie man so sagt, „neuen Erfahrungen“.

Dennoch ist interessanter, was das Ensemble Unitedberlin am Sonnabend mit dem Bariton Dietrich Henschel unternimmt: „X-mas contemporary“ heißt das Programm und präsentiert Uraufführungen von zwölf Komponisten zum Thema „Weihnachten“. Da finden sich große Namen wie Manfred Trojahn und eher unbekannte wie Michèle Reverdy, es äußern sich Komponisten mit theologischen Interessen wie Jobst Liebrecht und solche ohne wie Annette Schlünz, es sind allseitig gebildete Feingeister wie José Sanchez-Verdù dabei und Opernhandwerker wie Detlev Glanert, es tragen Europäer bei wie die genannten sowie der Tunesien geborene kanadische Komponist Karim Al-Zand oder der in Berlin lebende Israeli Matan Porat.

Interessanter als das Streben nach Kultur- und Gendergerechtigkeit ist der Umstand, dass Weihnachten überhaupt mal wieder zum Thema gemacht wird. Ein Requiem schreibt ja jeder Kompositionsstudent spätestens zur Zwischenprüfung, denn Tod und der Verlust von Hoffnungen sind immer ein gutes Thema für neue Musik. Aber Geburt und Verheißung? Da ja um Himmels willen niemand für naiv gehalten werden will, darf man gespannt sein, inwiefern Weihnachten dann doch Anlass zu „kritischer“ Betrachtung wird, gewaltige Entladungen entlegener Bildung provoziert oder Ironie und Brechung.

Umbrüche

Weihnachten und Beethoven-Jubiläum eint, dass die Erwartung das Ereignis selbst verheizt. Das Magazin Der Spiegel machte jetzt schon mit Beethoven auf, und in den Konzerten wird der Unterschied zwischen Advent und Weihnachten planiert. Ich weiß, das sage ich jedes Jahr, aber ich höre erst auf damit, bis statt Weihnachtsmusik mehrheitlich Adventsmusik gespielt wird.

Der Rias-Kammerchor ist auf keinem schlechten Weg: Er singt unter Justin Doyle Bach’sche Adventskantaten wie „Nun komm, der Heiden Heiland“, „Herz und Mund und Tat und Leben“ mit dem berühmten „Jesus bleibet meine Freude“-Chor und „Wachet, betet!“, deren Stoff eher für den Ausgang des Kirchenjahres taugt. Am Ende steht dann die große Weihnachtskantate „Christen, ätzet diesen Tag in Metall und Marmorsteine“ – all diese Kantaten sind aus Bachs Weimarer Zeit – in Leipzig verstummte das Musizieren nach dem ersten Advent, deswegen gibt es kaum Adventsmusik aus der Hand des Thomaskantors.

Klassik

Rias-Kammerchor: 5.12., 20 Uhr, Konzerthaus (Großer Saal) am Gendarmenmarkt

Dresdner Kreuzchor: 6., 7.12., 20 Uhr, 8.12.,16 Uhr, Konzerthaus am Gendarmenmarkt

Unitedberlin: 7.12., 20 Uhr, Konzerthaus

Sergey Malov: 8.12., 20 Uhr, Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Str. 1

Der Dresdner Kreuzchor dagegen nimmt bei seinem Gastspiel im Konzerthaus keinerlei liturgische Rücksicht: Bachs Chorsatz „Unser Mund sei voll Lachens“ aus der gleichnamigen Weihnachtskantate ist die Adaption einer Orchestersuite, in der dem Hörer das Lachen als Glucksen, als stoßweise hervorgebrachtes und als schierer Jubel vor Ohren geführt wird – eine Idee von unglaublicher Drastik, virtuos und mitreißend dazu. Danach folgt mit Camille Saint-Saëns „Oratorio de Noël“ der Ausflug in die Bürgerstube des 19. Jahrhunderts, als weniger der Heiden Heiland um Ankunft gebeten wurde, sondern die Kinder bei leise rieselndem Schnee den Weihnachtsmann mit Muh, Mäh und Täterätätä herbeiquengelten.

Wo wir bei Spielzeug sind: Ein besonderes hat der Geiger Sergey Malov für sich entdeckt: die Viola da spalla, ein Instrument von Cellogröße, das man sich nach Gitarrenart knapp unter das Kinn schnallt und dann von oben nach unten streicht. Mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Andrea Marcon wird er erst Mozarts Violinkonzert in A-Dur auf der Violine spielen und danach ein Cellokonzert von Luigi Boccherini auf der „Schulter-Bratsche“. Man möchte es nicht glauben, wenn man es sieht, aber angeblich ist das Instrument bequem zu spielen.