Christos Zeichnung vom verhüllten Reichstag in Berlin 1995.
Foto: Christo

BerlinChristos Lebenswerk ist da, doch der 84-jährige Künstler muss  als Angehöriger der Risikogruppe in seinem Atelierloft im New Yorker Stadtteil Soho bleiben. Seine Berliner Schau kann er nur online sehen. An diesem Mittwoch beginnt im Palais Populaire Unter den Linden die Ausstellung „Christo and Jeanne-Claude. Projects 1963–2020 aus der Ingrid & Thomas Jochheim Collection“. Das Sammlerpaar aus Recklinghausen hat sich vor Jahrzehnten mit dem wohl populärsten Künstlerpaar der Welt befreundet und besitzt die Originalzeichnungen der   Verhüllungen und Verpackungsobjekte. 

Diese stammen aus den 1960er-Jahren, als der aus Bulgarien geflohene Christo Javacheff in Paris noch kaum bekannt war. Im Jahr 1962 hatte er die Rue de Visconti mit 89 Ölfässern versperrt. Objekte wie Zeitungen, Bücher, Skulpturen, sogar ein Auto fetischhaft in durchsichtige Folie gewickelt und verschnürt. Die Herzen der Pariser flogen ihm schließlich zu, als er 1985 die Brücke der Liebenden, den Pont Neuf, verhüllte. Berlin hat  in Bezug auf Christos Kunst derzeit mehr Glück als Paris. Die zeitgleich geplante Retrospektive im Centre Pompidou ist auf Herbst vertagt. Die  Verhüllung des Wahrzeichens Arc de Triomphe wurde gleich um ein ganzes Jahr verschoben. Christo indes lässt ohne Larmoyanz wissen: Er arbeite. Was sonst! Und grüßt nach Berlin.  

Wegen der Abstandsregeln werden stets nur 35 Besucher in die von Friedhelm Hütte kuratierte Ausstellung eingelassen. Zunächst dürfen wir in einer Art Koje mit Originalzeichnungen in der Erinnerung an „Wrapped Reichstag“ 1995 schwelgen, dieses unbeschwerte Völkerfest rund um die silbrige Hülle des Parlamentsgebäudes. Bei der Vorbesichtigung erleben wir Christos Meisterschaft der Linienführung auf all den großen und kleinen Formaten seiner Kunst, Papierstudien, die sämtliche Verhüllungsprojekte vorbereiteten und durch deren Verkäufe finanziell erst ermöglichten. Auch in dieser Hinsicht ist Christo eine Ausnahmeerscheinung: Er arbeitet nie nach Auftrag, bezahlt mit dem Verkauf seiner Blätter und Drucke-Edition alle Projekte selbst.

Es sind seine gezeichneten Träume, die seine Frau und künstlerische Partnerin Jeanne-Claude bis zu ihrem Tod 2009 mit ihm teilte. Wir stehen im Palais Populaire vor den Originalzeichnungen der 1983 pinkfarben umhüllten Inselwelten vor Florida. Gleich daneben ist ein Hauch von Poesie zu spüren, als sich an einem sonnigen Sonntag 1991 an kalifornischen und japanischen Berghängen goldgelbe und marineblaue „Umbrellas“ zeitgleich öffneten. Ein paar Schritte weiter hängen die Bilder einer großen  Verheißung. Christo hatte Jahrzehnte auf die Genehmigung gewartet und 2004 war es möglich – das Spiel mit Licht, Wind und Monumentalität im New Yorker Central Park. „The Gates“ mit den 7503 sonnengelben Toren. Das schien nicht mehr zu toppen zu sein.

Aber Christo, der sich nach dem Tod von Jeanne-Claude seinen nervenstarken Neffen Vladimir Javacheff an die Seite holte, setzte ein Superlativ drauf: „The Floating Piers“ , 2016 mit orangefarben leuchtenden Stegen über dem Iseosee in Norditalien. Mit ihrer Naturgewalten trotzenden Schönheit  überbot die Installation alle bisherigen Werke Christos. Die Besucher kamen aus aller Welt. Wie man nun weiß, war es das vorerst letzte große Massenereignis dieser Art. Derzeit stimmt einen der Anblick der Landschaftszeichnungen mit den hineincollagierten Stofffetzen besonders melancholisch.

Unbeirrt von den Anstrengungen dieses Landschaftsprojekts in der Lombardei verzauberte Christo nur ein Jahr später die Kunstwelt im Londoner Hyde Park mit der aus 7506  Ölfässern gestapelten  „Mastaba“, zirka 600 Tonnen schwer. Die altägyptischen Grabbauten nachempfundene Skulptur schwimmt auf seinen Zeichnungen himbeerrot auf dem Serpentin-See. Es ist diese spielerische Leichtigkeit, mit der Christo das schier Unmögliche umsetzt. Sein Ruhm ist der Lohn füs unerschütterliche Festhalten an der Vision. Man kann es auch Besessenheit nennen. Vom Projekt „Over the River“ , einer weißen Hülle über dem Coloradofluss in den USA, hat er sich verabschiedet.

Diesen Kunsttraum gibt es nur noch auf schlicht gerahmten Zeichnungen. Er wolle, erklärte Christo unlängst, kein Projekt realisieren, mit dem sich  Präsident Trump schmücken könne. Schmücken aber darf sich Paris, die Stadt, die Christo 1957 als Migrant aufnahm. Wenn er den Arc de Triomphe auch wegen der Corona-Pandemie erst 2021 verhüllen darf, so schließt sich damit doch der Kreis. In Berlin stehen wir vor dem Entwurf – eine  Lithographie mit wehender Trikolore. So wird der Weltbürger zum Patrioten.

Christo and Jean-Claude

bis 17. August 2020, Mi–Mo 11–18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Palais Populaire, Unter den Linden 5, Eintritt frei. db-palaispopulaire.de