Bekäme der Verhüllungskünstler Christo einen Beinamen, so wie andere charismatische und historische Größen auf dieser Erde, er verdiente das Attribut „der Geduldige“. Ganz wie der langmütige, aber zielstrebige antike Philosoph Sokrates. Der Schierlingsbecher indes dürfte Christo erspart bleiben. Auch er hat das Fest des Symposiums inspiriert für die Jugend aus aller Welt mit seiner symbolstarken Hüllen-Poesie. Aber niemand wirft ihm vor, wie Sokrates, die Jugend zu „verderben“, weil dieser seine Schüler zum allzu kritischen Denken animierte.

Geduld als Tugend: Jahrzehntelang wartete Christo, der am Sonnabend 80 Jahre alt wird, auf die – behördliche – Genehmigung seiner spektakulären Projekte. Beim Berliner Reichstag dauerte es ein Vierteljahrhundert, bis nach endlosem Für und Wider der Bundestag zustimmte, die 14-Tage-Aktion mit Fünfmillionen-Publikum im Sommer 1995 geschehen, der silbrige Zauber ins kollektive Gedächtnis eingehen konnte. Ebenso lang harrt und hofft Christo aufs Colorado-Projekt. Er will den Arkansas-Fluss mit frei schwebenden Gewebebahnen überspannen. Der betroffene Flussabschnitt zwischen Cañon City und Salida wird immer wieder durch Brücken, Felsen und Bäume unterbrochen, so dass von den über 60 Kilometern mindestens 11 zu „Over the River“ würden.

Doch der Traum des hartnäckigen Aktionskünstlers stockt. Zwar gab das Innenministerium der Vereinigten Staaten 2011 grünes Licht, nur ein Jahr später bekannte der gebürtige Bulgare, das Projekt auf unbestimmte Zeit verschieben zu müssen. Seine Gegner hatten die US-Regierung (nicht den Künstler!) wegen der Genehmigung verklagt. Nun liegt die Entscheidung beim Obersten US-Gerichtshof.

Geradezu einfach erscheint heute das aufwändige Prozedere, mit dem Christo 1983 kleine Inseln vor Miami, Florida, rosa umhüllte, ein Jahr später die Pariser Pont Neuf verpackte und 1991 leuchtend gelbe und blaue Schirme in Kalifornien wie in Japan sich zeitgleich öffnen ließ. Als poetische, friedliche Botschaft, wie er es gehofft hatte. Tief in seiner Seele sitzt wohl auch die Hoffnung, Berlin möge in ihm, wie nach der Reichstagsverhüllung angekündigt, einen Ehrenbürger sehen und postum auch seine 2009 verstorbene Frau und Kunstpartnerin Jeanne-Claude. Zumal jetzt, da ein deutsch-britischer Unternehmer Christos gesamtes Konvolut zu „Wrapped Reichstag“ für zehn Millionen Euro gekauft und als Dauerleihgabe dem Deutschen Bundestag für eine Dauerausstellung ab Herbst im Reichstag überlassen hat.

Harren, Hoffen, turbulenten Aktionen

Es war ja immer so, dass sich Christos Kunst zwischen Harren, Hoffen, turbulenten Aktionen und dann der verdienten Genugtuung abspielte. Er hatte schon als Kind diese Vorliebe fürs große Theater. Eine Kunst, zu deren Zauber auch die Vergänglichkeit gehört. Zwei Wochen gigantischer Schönheit, dann ist alles vorbei, sind die Monumente nur noch in der Erinnerung gespeichert. Wie die 7503 sonnengelben „Gates“ (Tore), die Christo mit Jeanne-Claude noch 2005 im New Yorker Central Park aufstellte, auch dies nach endloser Wartezeit.

Und selbst im effektheischenden Arabien geht es nicht schneller, „schon wegen der politischen Lage“, wie Christo bedauert: Seit 1977 plant er in Abu Dhabi eine „Mastaba“ aus 410 000 Ölfässern – die größte Skulptur der Welt, höher als die Cheops-Pyramide. Im Gegensatz zu allen anderen Werken wird dieses aber nicht wieder nach wenigen Wochen verschwinden. „Mastaba“ soll bleiben, es werde „der neue Eiffelturm im Orient“ – ein bisschen wie ost-westlicher Divan also. Was Kritiker freilich Größenwahn nennen. Und bei Kosten von einer einer halben Milliarde US-Dollar kann der Künstler auch nicht, wie bisher so konsequent, die Finanzierung alleine stemmen, ausschließlich durch Verkäufe aller dazugehörigen Bilder, Entwürfe, Plakate und Fotos. In Abu Dhabi müssten die Ölscheichs zu Mäzenen werden. Damit würde für Christos Ehrgeiz der Zweck die Mittel heiligen. Soweit hat er es bislang aber nicht kommen lassen

Fast schon als Sieger fühlt sich der gealterte Verhüller zumindest beim Projekt „The Floating Piers“ in Italien. Das Land, wo die Zitronen blühen, wird ihn wohl bald gewähren lassen: Safranrote Stege aus Polyäthylen mit Schwimmkörpern will er vom Ufer des Iseosees auf die Inseln Monte Isola und San Paolo führen. Damit wäre Christo, nach dem vergleichsweise bescheidenen „Big Air Package“ im Gasometer Oberhausen 2013, wieder ganz bei der Landschaftskunst: Sie verändert sich ständig durch das wandernde Sonnenlicht, den Mondschein, Wolken, Wind und Regen. Und dazu die Menschen, als Teil einer großen, friedlichen Inszenierung.