Manchmal glaubt man ja eine Notlüge zu brauchen. Michael Lemling, der in München-Schwabing die Buchhandlung Lehmkuhl führt, wollte taktieren, als er von der Autorin Margarete Stokowski erfuhr, dass sie die bei ihm geplante und bereits ausverkaufte Lesung absagen wolle. Für den 28. November war ihr Auftritt angesetzt, der Buchhändler erklärte gegenüber ihrem Verlag, er würde kurzfristig mitteilen, Stokowski sei erkrankt.

Lügen mögen ja generell kurze Beine haben. In der politischen Auseinandersetzung kann es passieren, dass eine Notlüge ihren Urheber dümmer dastehen lässt, als er es verdient hätte. So auch hier: Die Autorin ging über den Rowohlt-Verlag und ihren Twitter-Kanal an die Öffentlichkeit.

Grundlage der Argumentation 

Der Streitpunkt zwischen beiden ist politischer Natur. Stokowski möchte nicht in einem Laden auftreten, der auch Bücher in seinen Regalen hat, die eindeutig der Neuen Rechten zuzuordnen sind. Ihrer Ansicht nach fördert das eine Normalisierung rechten Denkens und erhöht zudem den Gewinn der entsprechenden Verlage.

Seiner Ansicht nach sollte man zur Auseinandersetzung mit dem rechten Denken auch die originären Argumente kennen und sich nicht nur auf Sekundärliteratur beziehen. Dass er die Bücher unter der Rubrik „Neue Rechte, altes Denken“ zusammengestellt hat, lässt auf seine − kritische − Meinung zum Inhalt schließen. Und er verweist in seiner Stellungnahme im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels und auf der Homepage der Buchhandlung auf das Lesungsprogramm, das er an seinem „linksliberalen Veranstaltungsort“ anbietet. Stokowski hätte da hinein gepasst.
Tatsächlich sollte am Dienstag Corey Robin aus seinem bei Ch. Links erschienenen Buch „Der reaktionäre Geist – Von den Anfängen bis Donald Trump“ bei Lehmkuhl auftreten, in zwei Wochen wird Götz Aly, der Geschwister-Scholl-Preisträger von 2018, sein Buch „Europa gegen die Juden 1880-1945“ vorstellen. Margarete Stokowski muss sich davon nicht beeindrucken lassen. Es steht ihr frei, nicht da zu lesen, wo es ihr unangenehm ist. Schließlich buchen auch andere Veranstalter diese meinungsfreudige Autorin gern. Ihr Berliner Termin am 23. November ist bereits ausverkauft.

Eine zweifelhafte Werbung

Seit Montag greifen einzelne Medien und Online-Kommentare die Aussagen beider Seiten auf. Als Kernfrage erweist sich: Wie gut muss man rechte und rechtsradikale Thesen kennen, um sie zu widerlegen? Genügt nicht ein demokratischer Standpunkt? Dabei werden stets die Titel zweier Bücher wiederholt, die bei Lehmkuhl in München im Regal stehen.

Eine zweifelhafte Werbung. Der Autorin erscheinen sie besonders kritikwürdig. Der Buchhändler hält sie gerade für beispielhaft, um das rechte Denken zu entlarven. Wir nennen sie hier jetzt nicht, dafür aber den Namen von Stokowskis Buch, den vergisst sogar sie selbst zu erwähnen: „Die letzten Tage des Patriarchats“.