Benjamin Fredrich hat das Katapult-Magazin gegründet.
Fotos: Katapult

GreifswaldEin Blick ins Impressum der Zeitschrift genügt, um festzustellen, dass deren Redaktion keine ganz normale ist. Auf den Eintrag „Layout“ folgt die Rubrik „Küche“. Tatsächlich sind hier die Köchin und der Koch aufgeführt, die nicht nur die derzeit noch 26 und demnächst 33 Mitarbeiter des Magazins für Kartografik und Sozialwissenschaft verköstigen, sondern das gesamte Greifswalder Biotechnikum, ein Büroneubau gleich neben dem Uni-Campus. Hier residieren vor allem Start-ups – und die Redaktion von Katapult.

„Als die Kantine des Biotechnikums geschlossen wurde, haben wir beschlossen, das übernehmen wir jetzt“, sagt Benjamin Fredrich, Gründer, Chefredakteur und Verleger von Katapult. Der schlaksige 33-Jährige trägt ein blaues T-Shirt, kurze schwarze Hosen und schwarze Sneakers. Wir gehen zum Gespräch hinaus in den benachbarten Park.

Auf der einen oder anderen Parkbank habe er schon so manches Personalgespräch geführt. Das liegt daran, dass sich der Verleger ein Büro mit drei Mitarbeitern teilt. Für vertrauliche Gespräche eigne sich das nur bedingt. Der Verzicht auf ein eigenes Büro mit den üblichen Chef-Insignien ist keine leere Geste. Tatsächlich ist Fredrich hier nicht mehr als Erster unter Gleichen. Auch in Bezug aufs Gehalt: Wie jeder Mitarbeiter bekomme er monatlich 3000 Euro ausgezahlt. „Wir beziehen hier alle ein Einheitsgehalt“, sagt er. Kein üppiges Salär, aber „Greifswald ist eine Stadt, in der man günstig leben kann“.

Greifswald ist in der Medienlandschaft ein weißer Fleck

Doch mit Katapult erscheint dort nun eine der erfolgreichsten deutschen Magazin-Neugründungen. Seit die Auflage vor zwei Jahren erstmals von der unabhängigen IVW ermittelt wurde, hat sie sich auf gut 44.000 nahezu vervierfacht. Derzeit wird über Lizenzausgaben im Ausland nachgedacht. Zwei Katapult-Bücher sind bereits erschienen, weitere in Planung. Seit 2016 hat sich das Einheitsgehalt verdoppelt. Die Katapult-Beschäftigten kommen aus ganz Deutschland, eine aus Österreich und einer aus den USA.

Vor allem aber ist Greifswald ein weißer Fleck in der Medienlandschaft: Ein Regionalstudio des NDR, eine Lokalredaktion der in Rostock erscheinenden Ostsee-Zeitung sowie „Moritz“, das Studierenden-Medium der örtlichen Ernst-Moritz-Arndt-Universität. Das war es schon fast.

Das Erfolgsgeheimnis von Katapult besteht darin, Themen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft grafisch anders umzusetzen, als es der Leser gewohnt ist: In der Ausgabe August/September etwa geht es darum, dass deutsche Großstädte nur selten von Frauen regiert werden. Nun könnte man auf einer Deutschland-Karte einfach Bürgermeister-Städte mit einem schwarzen und Bürgermeisterinnen-Städte mit einem grünen Punkt versehen. Das tut Katapult auch. Aber das Magazin hat noch eine dritte Kategorie ausgewertet: Großstädte, deren Bürgermeister mit Vornamen Thomas heißen, erhalten einen blauen Punkt. Und siehe da: Selbst deren Zahl ist mit sieben größer als die der Bürgermeisterinnen.

Die Süddeutsche Zeitung kopierte das Katapult Magazin

Es ist dieser ungewöhnliche Blick, der Katapult auch in kleinen Rubriken wie „Trock’ne Zahlen“ auszeichnet, wenn etwa die Wartezeit auf einen Trabi, die in der DDR in der Spitze bei 15 Jahren lag, mit der auf einen Tesla Model 3 verglichen wird, die 2018 vier Jahre und zwei Monate betrug. Oder wenn in einem Stück über Anti-Amerikanismus die laut Rolling Stone 60 „größten Musiker aller Zeiten“ nach ihrer Nationalität aufgeschlüsselt werden – 13 kommen aus Großbritannien, eine Band aus Irland (U2), einer aus Jamaika (Bob Marley), einer aus Kanada (Neil Young), aber 44 aus den USA. Oder wenn die 10.000 wildlebenden Kamele, die zu Jahresbeginn in Australien abgeschossen wurden, was in Europa Empörung hervorrief, mit den etwa eine Million Rehen in Beziehung gesetzt werden, die jährlich in Deutschland geschossen werden. Oder wenn der Frauenanteil im deutschen Bundestag, er liegt bei 30,7 Prozent, dem der Göttinnen auf dem griechischen Olymp – immerhin 41,7 Prozent – gegenübergestellt wird.

Dieser etwas andere Blick gefiel auch Wettbewerbern. Die Süddeutsche Zeitung kopierte das Blatt aus Greifswald in ihrer inzwischen eingestellten Rubrik „Unterm Strich“. Der Hamburger Buchverlag Hoffmann und Campe, bei dem Fredrich 2019 das erste Katapult-Buch „100 Karten, die deine Sicht auf die Welt verändern“ veröffentlicht und mit dem er sich anschließend zerstritten hatte, war besonders dreist: Die Hanseaten ließen einen Autor und einen Grafiker ein Buch mit dem Titel „100 Karten, die deine Sicht auf Deutschland verändern“ im Stil von Katapult entwickeln. Dagegen erwirkte Fredrich eine Unterlassungserklärung. Unter einem anderen Titel erschien das Buch dann aber doch.

Der Mann, dessen Magazin-Schöpfung die Branche elektrisiert, hat nirgendwo volontiert. Die Zeit wollte ihn nicht mal als Hospitanten haben. Fredrich, der aus Wusterhusen stammt, einem Dorf bei Greifswald, hat sich nach dem Studium (Politik und Geschichte) alles selbst beigebracht. Geholfen hat ein Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Dazu gehörten auch Seminare mit Unternehmensberatern. Die erzählten den künftigen Unternehmern, Name, Logo und Produkt sollten unbedingt eine Einheit bilden. Fredrich schlug den Rat in den Wind. Katapult, sagt Fredrich, „fand ich schon immer gut, unter dem Namen wollte ich als Schüler mal eine Band gründen“. Mit dem Inhalt habe der Name rein gar nichts zu tun. Das gilt ebenso für das Logo des Blattes – eine Eiswaffel.

Ungewöhnlich ist auch die Gesellschaftsform einer gemeinnützigen Unternehmensgesellschaft (gUG). Das hatte für ihn zunächst einmal den Vorteil, dass anders als bei einer GmbH, bei deren Gründung ein Stammkapital von 25.000 Euro erforderlich ist, bei einer gUG eine Einlage von einem Euro ausreicht. Allerdings darf der Verlagsgründer keine Gewinne entnehmen. Und die Gemeinnützigkeit muss nachgewiesen werden. Im Fall von Katapult sind dies die Förderung von Bildung und Wissenschaft sowie der Naturschutz.

Auf Werbeerlöse setzt Benjamin Fredrich weniger

Geld verdient der Verlag vor allem mit seinem gedruckten Heft, das pro Ausgabe 5,80 Euro kostet. Dessen Inhalte können mit ein paar Monaten Verspätung – als Beitrag zur Förderung von Bildung und Wissenschaft – umsonst im Netz abgerufen werden. Obwohl Print first aus der Zeit gefallen zu sein scheint, funktioniert das Modell prächtig.

Auf Werbeerlöse setzt Fredrich eher weniger. „Wir sind nur an Werbekunden interessiert, die sich langfristig engagieren wollen“, sagt er. Journalistenpreise sieht er kritisch. Katapult wurde bereits für den Lead Award in der Kategorie Independent und für den Grimme-Online-Award nominiert. In beiden Fällen lehnte er dankend ab. Beim Grimme-Online-Award störte ihn, dass zu dessen Sponsoren der Automobilkonzern Daimler zählt. Der Independent-Preis der Lead Award wird gar von Porsche gestiftet, für den Verleger ebenfalls ein No-go. Noch mehr störte ihn, dass Axel Springers Boulevardblatt „Bild am Sonntag“ auch schon mal mit dem Lead Award ausgezeichnet wurde.

„Einen Preis aus der Region würden wir wohl nicht ablehnen“, sinniert Fredrich. Er ist hier verwurzelt. Derzeit sucht er in der Umgebung von Greifswald ein neues Verlagshaus, nach Möglichkeit im Grünen. Das ist deshalb wichtig, weil Katapult ja eben auch den Naturschutz fördert. Konkret heißt dies, dass Leser als Ausgleich für die Bäume, die für die gedruckten Hefte gefällt wurden, für 33 Euro einen neuen Baum pflanzen lassen können. Bisher kamen so 31.119 Bäume zusammen. Künftig möchte sie Fredrich direkt neben dem neuen Verlagshaus anpflanzen.

Aber nicht nur der Bäume wegen suche er ein neues Domizil. Es gibt ja jede Menge neue Projekte, die Platz erfordern, beispielsweise der Aufbau eines „sozialen Mediums ganz ohne Werbung“. Das klingt ambitioniert, aber Fredrich selbst weiß wohl am besten, dass die Gründung seines kleinen Medien-Imperiums Stoff für eine gute Geschichte ist. Er schreibt sie gerade. Sein erster Roman mit dem Titel „Die Redaktion“ könnte noch dieses Jahr im hauseigenen Buchverlag erscheinen.