US-Schauspielerin Kristen Bell hat morgens Besuch: Auf der Couch, an der Tür und in ihrer Küche lauern Ex-Kollegen aus ihrer vor sechs Jahren eingestellten Fernsehserie „Veronica Mars“ (lief in Deutschland im ZDF). Sie quengeln, Kristen möge doch endlich einen Spielfilm zur Serie in Angriff nehmen. Seit Mittwoch ist der Clip online zu sehen. Mit viel Selbstironie spielt er auf der Internetseite des Crowdfundingportals Kickstarter die Markenzeichen von „Veronica Mars“ durch, auf Zitierfähigkeit optimierte coole Sprüche, schmachtende Blicke, innere Monologe.

Zwei Millionen Dollar brauchten Bell und „Veronica Mars“-Schöpfer Rob Thomas von ihren Fans, um den Spielfilm machen zu können, 30 Tage Frist sind für dieses Budgetziel gesetzt; falls mehr Geld eingezahlt würde, ginge das in den Topf für „Autoverfolgungsjagden und Nacktszenen,“ wird gescherzt. Schon nach zwölf Stunden war der erhoffte Betrag in der Kickstarter-Kasse des „Veronica Mars“-Filmprojekts, inzwischen haben bereits mehr als 55.000 Fans über 3,5 Millionen Dollar eingezahlt. Kein anderes Kickstarter-Projekt hat schneller so viel Geld zusammenbekommen: Warner Bros, Produzent der TV-Serie, hat bereits die Übernahme von Marketing und digitalem Vertrieb des Films zugesichert sowie eine (zumindest kurze) Kino-Auswertung, die Dreharbeiten sollen im Sommer beginnen.

„Veronica Mars“ bislang eher glücklos

Das ist bemerkenswert, auch weil „Veronica Mars“ bislang eher glücklos war. Von 2004 bis 2007 lief die Serie in den USA auf dem Network-Kanal CBS, das ZDF zeigte sie in Deutschland am Samstagnachmittag. Kritiker mochten die Serie, ihre hintersinnige Kombination aus Film-Noir-Motiven und gewieften Screwball-Dialogen, die Übertragung von 50er-Jahre-Jugendkultur in die geschniegelten Fassaden der Neuzeit.

Die von Bell gespielte Titelfigur musste in der wohlhabenden Kleinstadt Neptune mit allerhand Problemen fertig werden: Die Teenagerin gehört nicht zu den populären Cliquen, ihre Mutter ist verschwunden, ihr Vater, Ex-Polizei-Chef und nach dem Mord an Veronicas bester Freundin als inkompetent entlassen, ist als Privatdetektiv nicht beliebt. In der Stadt der Schicken und Schönen ist Veronica Außenseiterin, sie macht das zum Vorteil und versucht, als talentierte Nachwuchs-Ermittlerin nicht nur ihre eigenen Probleme zu lösen. Geschäftlich hat das kaum funktioniert: Nach drei Staffeln und mickrigen Quoten wurde die Serie eingestellt.

Die aktuelle Wiederauferstehung von „Veronica Mars“ dank investitionsbereiter Fans wird nicht folgenlos bleiben. Zwar wurden auch schon andere Filmprojekte per Crowdfunding an Gremien und Buchhaltern vorbei finanziert, die amüsante Nazis-auf-dem-Mond-Groteske „Iron Sky“ ebenso wie der deutsche Erotikfilm „Hotel Desire.“ Aber jetzt ist die Fan-Finanzierung in Hollywood angekommen: Auch die Macher der ebenfalls längst abgesetzten Serie „Pushing Daisies“ hoffen jetzt auf einen Neuanfang, andere Kreative werden wohl folgen – und Kickstarter bald noch öfter eine tragende Rolle im Unterhaltungsgeschäft spielen.

Lockmittel für Crowdfunder

Das Modell der 2008 gestarteten Plattform ist simpel: Kreative sammeln über einen festen Zeitraum eine bestimmte Summe ein, Kickstarter erhält davon fünf Prozent, die Anleger statt einer finanziellen Dividende Sach- bzw. Dienstleistungen. Bei „Veronica Mars“ locken Thomas und Bell mit allerlei: Abhängig von der Höhe der Einzahlungen erhalten Fans ein PDF des Skripts, ein T-Shirt, Poster oder kurz nach der Kinopremiere eine digitale Fassung des Films.

Thomas und Bell folgen ein Jahr lang Spendern auf Twitter, im Angebot sind auch persönliche Mailbox- oder Videonachrichten, Premieren-Tickets, man kann einer Filmfigur einen Namen geben oder selbst als Statist auftreten. Ein Fan hat 10.000 Dollar bezahlt und soll im Film einen Kellner spielen. Eine Rolle mit durchaus ironischem Text: „Die Rechnung, Sir!“