Baden-Württemberg, Konstanz: Teilnehmer der Demonstration der Querdenker stehen auf einem Platz bei einer Kundgebung am Ufer des Bodensees am 4. Oktober 2020.
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Was macht eigentlich die Einheit einer Gesellschaft aus? Früher hieß es: eine gemeinsame Sprache, eine geteilte Kultur, ein Glauben oder Grundwerte, die eine Mehrheit verbinden, auch wenn sie sich sonst ziemlich uneins ist. Das Aufweichen solcher kultureller Gemeinsamkeiten – sei es nun die eine Landessprache oder die „christlich-abendländischen Werte“ – haben die Gesellschaft vielfältiger gemacht, aber auch stärker segmentiert. Aber selbst unterschiedliche Sprachen, soziale Codes, Religionszugehörigkeiten, Wertsysteme und Interessen verhindern nicht die Diskussion darüber, was man als Gesellschaft will, was man duldet und was nicht. Ja sogar, was überhaupt als politisches Problem wahrgenommen und diskutiert werden kann.

Der französische Philosoph Jacques Rancière hat argumentiert, dass genau in diesem „Unvernehmen“ Politik besteht. Sie ist nicht das Lösen von Problemen, sondern besteht im ständigen Streit darüber, was überhaupt ein Problem sei, wer mitreden darf, welche Interessen repräsentiert werden müssen. So divers und kontrovers eine Gesellschaft sein mag, muss sie doch, um überhaupt streiten zu können, eines teilen: einen Konsens darüber, was als wirklich anerkannt wird und was nicht. Das mag zunächst banal klingen. Es ist ja nicht so, dass einige Teile der Gesellschaft etwa die Existenz der Schwerkraft leugnen, andere nicht. Aber außer der Schwerkraft scheint es kaum mehr einen Sachverhalt zu geben, der nicht von der einen oder der anderen Seite bestritten würde.

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Die Autorin

Eva Horn ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und lehrt an der Universität Wien. In ihren Arbeiten hat sie sich wiederholt mit modernen Katastrophen und Verschwörungstheorien befasst, die sich der menschlichen Vorstellungskraft entziehen. Ihre Analyse „Zukunft als Katastrophe“ ist 2014 im S.-Fischer-Verlag erschienen.

Verfolgt man die Diskussionen der letzten 20 Jahre, so bemerkt man die zunehmende Erosion einer geteilten Wirklichkeit. Erinnert sich noch jemand an die World Trade Center Conspiracy? Unmittelbar nach dem Terrorangriff vom 11. September 2001 begannen Vermutungen zu sprießen, das Pentagon sei von einer Rakete getroffen worden, die US-Regierung habe von den Anschlägen gewusst, ja die Türme seien von innen gesprengt worden. Mag sein, dass man heute nur noch die Achseln zuckt über solche bizarren Spekulationen. Aber in Zeiten, in denen man die Wahl hat zwischen Absurditäten wie „Corona ist nicht schlimmer als Grippe“, „Bill Gates hat das Virus erfunden, um der Weltbevölkerung Chips zu implantieren“ und „eine Weltelite verjüngt sich regelmäßig durch Kinderblut“, erscheinen die Theorien um 9/11 erfrischend vernünftig. Aber sie markieren auch einen historischen Moment, wo gänzlich inkompatible Interpretationen der Wirklichkeit plötzlich nicht mehr nur von einigen Eingeweihten oder Paranoikern geteilt werden, sondern begannen, in einer breiten Öffentlichkeit zu zirkulieren.

Was genau passiert gerade?

Nun werden einschneidende historische Ereignisse oft begleitet von Geschichten und Vermutungen, die sich nicht mit den offiziellen Erklärungen zufriedengeben. Was genau passiert gerade, und was steckt dahinter? Gibt es indirekte Effekte des Ereignisses, die sichtbar gemacht werden müssen? Wer profitiert von dieser Situation? Solche Fragen zu stellen, bedeutet nicht, notwendig Verschwörungstheoretiker zu werden, sondern einen Bruch in der Wirklichkeit dadurch zu heilen, dass man diese neu interpretiert. Gegenwärtig heißt das für eine große Mehrheit, mit den Erklärungen Schritt zu halten, die die Wissenschaft anbietet. Wir haben in den letzten Monaten einen Crashkurs in Epidemiologie gemacht, fachsimpeln seither über Reproduktionsziffern und Perkolationseffekte, tragen mit Überzeugung Masken und Zoomen bis zum Überdruss. Unsere Wirklichkeit hat sich verändert, aber wir glauben immer noch an die Schwerkraft – und an die Wissenschaft.

Das Besondere an der Corona-Krise ist die enge Verzahnung von Wissenschaft und Politik. Epidemiologen, Virologen, aber auch Bildungsexperten oder Sozialpsychologen sind derzeit gefragte Experten, deren Empfehlungen schnell und bereitwillig umgesetzt werden. Ob man es mag oder nicht: wir leben derzeit tatsächlich in einer Expertokratie, einem politischen System, das nicht von demokratischen Abstimmungen oder Aushandlungsprozessen bestimmt ist, sondern von Sachzwängen. Und was diese Sachzwänge sind, erklären uns Wissenschaftler.

Begleitet ist dies aber von einem fundamentalen Misstrauen gegen diese Experten. So hat sich eine kleine, laute Minderheit gebildet, die das wissenschaftliche Wissen über Corona massiv infrage stellt. Schon früh meldeten sich Ärzte wie Wolfgang Wodarg zu Wort, SPD-Abgeordneter und bislang vor allem als Autor zu verschiedensten sozialmedizinischen Themen in Erscheinung getreten. Corona, so ließ er uns im März wissen, sei nicht schlimmer als die jährliche Grippe. Mittlerweile fordert er, die PCR-Tests „juristisch wirksam zu hinterfragen“. Sucharit Bhakdi, ein emeritierter Professor für Mikrobiologie und Immunologie, geht weiter als Wodarg und nennt Zahlen: 80 Prozent der Deutschen seien ohnehin immun gegen das Virus, die Letalität von Corona, richtig gezählt, nicht höher als die einer Grippe. Neben sinnvoller Kritik an den Verlautbarungen der offiziellen wissenschaftlichen Expertise stehen wirre Spekulationen, ausdrückliche Unwahrheiten und befremdliche Schlussfolgerungen, wie die, dass Maskentragen „Folter“ sei.

Eine künstliche Erzeugung von wissenschaftlichem Dissens

So stehen also Ärzte gegen Ärzte, und auf den ersten Blick könnte man glauben, das sei eine Debatte unter Wissenschaftlern. Wissenschaft lebt von Kontroverse, oft wird hitzig diskutiert, es werden Review-Prozesse eingeleitet und Positionen modifiziert. Bemerkenswert ist, dass Corona-Skeptiker wie Wodarg oder Bhakdi diesen Selbstreinigungsprozess der Wissenschaft aber gerade vermeiden. Sie publizieren nicht in Journalen, die ihre Qualität durch aufwendige Review-Verfahren sichern, sondern als populäres Buch, im Fernsehen oder ein YouTube-Video. Adressaten sind damit nicht die Fachwissenschaftler, sondern eine Öffentlichkeit, die sich durch Doktortitel und medizinisches Fachvokabular beeindrucken lässt. Was so entsteht, ist eine Debatte, die auf Laien wirken mag wie eine wissenschaftliche Diskussion. Aber sie ist es nicht.

Denn betrachtet man die Argumentationsstrategien der Corona-Skeptiker genauer, erscheint ein bekanntes Muster. Sie gleichen den Klimawandel-Skeptikern, die seit den 90er-Jahren im Dienst der Ölindustrie oder konservativer Thinktanks antraten, Umwelt-Themen so lange wie möglich als wissenschaftlich „kontrovers“ erscheinen zu lassen. Professionell produziert wurden diese Zweifel – etwa an der Existenz des Ozonlochs, dem menschengemachten Klimawandel oder der Schädlichkeit von DDT – durch Wissenschaftler, die, ohne Fachexperten zu sein, eine Debatte entfachten, die es ohne sie gar nicht gegeben hätte. Die Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Eric Conway haben die Strategien dieser „Händler des Zweifels“ beschrieben: Da ist etwa das Herauspicken von einzelnen Details, Zitieren aus dem Zusammenhang, die Kritik an Messmethoden, das Aufblasen von Gegenbeispielen – und nicht zuletzt der persönliche Angriff auf einzelne Forscher. Die Strategien der heutigen Corona-Skeptiker erinnern fatal an dieses Arsenal von Nebelgranaten: von Wodargs komplizierten Einlassungen über PCR-Tests, Bhakdis Kritik an den Statistiken des Robert-Koch-Instituts bis hin zum Shitstorm gegen Christian Drosten, zu dem die „Bild“-Zeitung blies. Mit der künstlich erzeugten Kakophonie von „wissenschaftlichem“ Dissens soll der Eindruck erzeugt werden, die Experten wüssten selbst nicht so genau, was eigentlich los ist – oder schlimmer – lügen wider besseres Wissen.

Der Skepsis gegenüber dem Expertentum spielt dabei aber auch eine Eigenschaft echter Wissenschaft in die Hände: Ihr Kenntnisstand ändert sich. Die letzten Monate waren eine rasante Lernkurve über einen Erreger, über den weder Virologen noch Epidemiologen noch Ärzte zu Anfang der Pandemie nur annähernd genug wussten. Übertragungswege, Immunität, der Verlauf der Krankheit und ihre Folgeschäden – ständig kommen neue Einsichten hinzu, müssen frühere Annahmen modifiziert werden. Wer glaubt, wissenschaftliches Wissen bestünde aus in Stein gemeißelten Fakten, die sich nie ändern, wurde eines Besseren belehrt. Aber dies ist eine verbreitete Erwartung an Wissenschaft, sie soll sagen, wie die Dinge sind, nicht wie sie nach heutigem Kenntnisstand sind.

Just google it

Das Problem ist, dass diese Fluidität von Wissenschaft in der Öffentlichkeit nun zu einer seltsamen Diffusion geführt hat, man könnte auch sagen: einer „Demokratisierung“ von Wissenschaft. Den selbst ernannten Skeptikern, ihren YouTube-Vorträgen und süffigen Polemiken ist es zu danken, dass sich mittlerweile jeder mit oder ohne Fachkompetenz als Forscher und Experte fühlen kann. „Just google it“ ist das Mantra von Skeptikern wie Verschwörungstheoretikern geworden. Jeder kann sich eine andere als die offizielle Wahrheit zusammenrecherchieren. Die Such-Algorithmen des Netzes spielen dabei bekanntlich jedem Suchenden das zu, was ihn nach seiner bisherigen Suchgeschichte und Präferenzen zu bestätigen scheint. Und soziale Medien wie Facebook oder Twitter verbreiten Fake News und Sensationsmeldungen sechsmal so häufig wie normale Neuigkeiten. Man findet, was man sucht, wird bestätigt, und die Ergebnisse sind aufregend. Ein Forscherleben wie aus dem Bilderbuch!

Auf den ersten Blick wirkt das sympathisch und selbstbestimmt. „Selber denken“ ist der Schlachtruf der Aufklärung, der „Querdenker“ Inbegriff des kritischen Geists – leider nun auch der Name einer Corona-Skeptiker-Bewegung aus Stuttgart. Mit Blick auf Klimawandel-Skeptiker und die Verschwörungstheorien um 9/11 hat der Wissenschaftsforscher Bruno Latour schon 2004 bemerkt, dass „Kritik“ neuerdings gefährlich dazu tendiere, Fakten im Dienste politischer Agenden aufzulösen. Einst, so Latour, hatte Kritik darin bestanden, scheinbar naturgegebene Sachverhalte wie die Geschlechterdifferenz als soziale oder politische Konstrukte oder Streitsachen zu entlarven. Heute scheint es umgekehrt darum zu gehen, wissenschaftliche Fakten durch eine Kakophonie von selbst gebasteltem Dissens zu liquidieren, um sie in reine Streitsachen zu überführen.

In dieser Politisierung von Wissen löst sich, zusammen mit den Mechanismen der Wissenssicherung, Faktizität selbst auf. Klimawandel? Gibt’s vielleicht gar nicht, warten wir’s ab. Corona? Ist nur eine Grippe, wenn überhaupt. Etliche sich um Corona rankende Verschwörungstheorien führen vor, wie diese Art der Politisierung das Feld der Debatte immer weiter entgrenzt, bis eine Diskussion unmöglich wird. Über die Sinnhaftigkeit von Masken, die Kosten des Lockdowns oder den Datenschutz bei Tracing-Apps lässt sich selbstverständlich streiten – über die Frage, ob Bill Gates das Virus in die Welt gesetzt hat, um die Menschheit per Zwangsimpfung mit Chips zu implantieren, nicht mehr.

Die Politisierung von Faktizität

Latour riet damals, diese Politisierung von Faktizität im Zuge eines neuen „Realismus“ anzuerkennen und damit zu arbeiten. Aber das ist nicht ganz so einfach. Denn neben der Tatsache, dass wir weder den Klimawandel noch Corona einfach aussitzen können, hat diese Erosion von Faktizität in den letzten Jahren eine weitgehend unsichtbare Spaltung der Gesellschaft bewirkt. Es ist eine Spaltung, die vielleicht viel gravierender ist als der Unterschied zwischen rechts und links, Arm und Reich, Migranten oder Inländern. Was wir erleben, ist eine Spaltung in inkompatible Wirklichkeiten, die nicht mehr miteinander reden können.

Mit Menschen, die sich weniger vor dem Virus fürchten als vor einer weltumspannenden Verschwörung, die dieses Virus entweder „erfunden“ oder „in die Welt gesetzt“ hat, kann man nicht mehr debattieren. Eine große, leider oft schweigende Mehrheit in Europa lebt in einer Wirklichkeit, in der Wissenschaft Gültigkeit hat, und erwartet, dass Politik sich – beispielsweise auch in Sachen Klimawandel – an diesem Wissen orientiert. Daneben gibt es eine wachsende, sehr heterogene Minderheit, die ihre Wirklichkeit gänzlich anders definiert. Dass diese Gruppe so heterogen ist, hat etwas mit den vielfältigen Quellen und Standards der Information zu tun, aus denen sich ihre Wirklichkeit zusammensetzt. Das Internet ist ein Sammelsurium von Aussagen, für deren Wahrhaftigkeit es keinerlei Verfahren der Überprüfung gibt. Eine Landschaft voller Tunnel, die in Fantasiewelten führen wie das berühmte Kaninchenloch aus „Alice im Wunderland“.

Was wir gegenwärtig beobachten, ist ein Zerbrechen der Einheit von Wirklichkeit. Das ist nicht so neu, wie gelegentlich behauptet wird, und es liegt auch nicht nur an den bösen sozialen Medien. Es ist, wie ich glaube, eher ein Mindset, eine Mischung aus Zweifel und Gutgläubigkeit, die zu einer Erosion von Wissen und Wirklichkeit führt. Mit dieser Erosion des Wissens geht eine Erosion des Politischen einher. Denn auch politischer Dissens ist nur möglich auf der Basis einer geteilten Wirklichkeit. Wer an gänzlich andere Wirklichkeiten glaubt, oder sich um die Wahrheit der eigenen Behauptungen nicht mal mehr schert, mit dem ist kein Streit, keine politische Diskussion mehr möglich. Auch eine zerstrittene Gesellschaft hat noch eine Einheit, die Einheit des Dissenses. Wenn diese Einheit aufgekündigt und aus unvereinbaren Wirklichkeiten heraus gesprochen wird, bleibt am Ende nichts, worüber man noch streiten kann.