Baden-Württemberg, Konstanz: Teilnehmer der Demonstration der Querdenker stehen auf einem Platz bei einer Kundgebung am Ufer des Bodensees am 4. Oktober 2020.
Foto: dpa/Felix Kästle

Was macht eigentlich die Einheit einer Gesellschaft aus? Früher hieß es: eine gemeinsame Sprache, eine geteilte Kultur, ein Glauben oder Grundwerte, die eine Mehrheit verbinden, auch wenn sie sich sonst ziemlich uneins ist. Das Aufweichen solcher kultureller Gemeinsamkeiten – sei es nun die eine Landessprache oder die „christlich-abendländischen Werte“ – haben die Gesellschaft vielfältiger gemacht, aber auch stärker segmentiert. Aber selbst unterschiedliche Sprachen, soziale Codes, Religionszugehörigkeiten, Wertsysteme und Interessen verhindern nicht die Diskussion darüber, was man als Gesellschaft will, was man duldet und was nicht. Ja sogar, was überhaupt als politisches Problem wahrgenommen und diskutiert werden kann.

Der französische Philosoph Jacques Rancière hat argumentiert, dass genau in diesem „Unvernehmen“ Politik besteht. Sie ist nicht das Lösen von Problemen, sondern besteht im ständigen Streit darüber, was überhaupt ein Problem sei, wer mitreden darf, welche Interessen repräsentiert werden müssen. So divers und kontrovers eine Gesellschaft sein mag, muss sie doch, um überhaupt streiten zu können, eines teilen: einen Konsens darüber, was als wirklich anerkannt wird und was nicht. Das mag zunächst banal klingen. Es ist ja nicht so, dass einige Teile der Gesellschaft etwa die Existenz der Schwerkraft leugnen, andere nicht. Aber außer der Schwerkraft scheint es kaum mehr einen Sachverhalt zu geben, der nicht von der einen oder der anderen Seite bestritten würde.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzt Zugang zu allen Online-Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio für nur 9,99 € im Monatsabo.

Jetzt abonnieren

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.