Berlin - Eine Zufallsbegegnung während eines winterlichen Spaziergangs geht mir nicht aus dem Kopf. B. hatte ihre frühere Arbeitskollegin gleich wiedererkannt, bald waren in freundlicher Atmosphäre die nötigen Informationen zu den aktuellen Lebenslagen ausgetauscht. Einig war man sich darin, dass die Pandemie nicht nur die Stimmung beeinträchtige, sondern auch die Zukunftsplanung. Aufgeschobene Urlaube, unterlassene Besuche bei Angehörigen. Was man so mitzuteilen hat in diesen Zeiten.

In der Regel verständigt man sich dann darauf, dass die Lage schlimm sei, man selbst aber damit umzugehen weiß, so gut es eben geht. Psychologen nennen es kognitive Dissonanz. Diese hat nicht zuletzt die Funktion, das Individuum in der Spur zu halten. So ernst die Lage auch sein mag: Der innengeleitete Charakter, so der amerikanische Soziologe Riesman, will sich nicht unterkriegen lassen.

Der Staat als monströser Feind

Von einem bestimmten Punkt an überkam mich jedoch der Wunsch, so schnell wie möglich einen guten Tag und guten Weg zu wünschen. Das sei doch der Plan, hatte der Partner der Kollegin gemutmaßt, ehe er sich wortkarg zu dunklen Ahnungen verstieg. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, betrachtete er den Lockdown als Instrument einer groß angelegten wirtschaftlichen Umverteilungsabsicht. Viele verlieren, wenige werden unfassbar reich. Ich verkniff es mir, ihn zu fragen, wer genau denn eine solche Umverteilung betreibe. Die Regierung, so ließ er wissen, fungiere mit Inzidenzwerten und Corona-Maßnahmen als Agent geheimer Mächte im Dienst einer gigantischen Bereicherung.

Tschüss dann auch, mach’s gut. Nun war also das, was man bevorzugt im Internet verortet, in meinem coronabedingt reduzierten Alltag angekommen. Seither lässt mich die Frage nicht los: Was hätten wir darauf sagen sollen? Was die beiden bewegte, war ja nicht etwa eine mehr als berechtigte Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement von Bund und Ländern. Zu wenig Impfstoff, mangelnde Testmöglichkeiten, fehlende Konzepte zur Rückkehr in eine gesellschaftliche Normalität. Die Kritik der beiden, wenn es denn überhaupt als solche zu bezeichnen war, war fundamentaler Natur. Der Staat als monströser Feind, die Pandemie ein willkommenes Vehikel in einem diabolischen Kulturkampf.

Sollen sie doch denken, was sie wollen

Derart sich verengende Deutungsversuche sind zuletzt häufig als Verschwörungstheorien abgetan worden. Meist wird das Wort benutzt, um die dahinterliegenden Gedanken zu bannen, um sich nicht weiter mit ihnen beschäftigen zu müssen. Das Internet gebiert Ungeheuer, und man muss ja nicht gleich alles, was dort flottiert, als Einladung zum gepflegten Diskurs auffassen.

Nun aber waren sie uns in einem sich unverfänglich anbahnenden Gespräch begegnet. Nachträglich war ich bemüht, mir meine Unlust zur weiteren Auseinandersetzung zu erklären. Einen handfesten Streit, so sagten wir uns, wäre es nicht wert gewesen. Unwahrscheinlich, dass wir in allernächster Zeit erneut auf das Paar treffen würden. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Was aber hatte den Mann dazu gebracht, sich ein derart verwegenes Weltbild anzueignen. Hatte er allen Ernstes mit Zustimmung gerechnet? Oder war er auf vehementen Widerspruch aus?

Der langsame Wandel

Das Feindbild Staat ist mir nicht unvertraut. Während meiner Adoleszenz in den 1970er-Jahren gehörte ich einem Milieu an, in dem die Überzeugung verbreitet war, dass die demokratischen Verhältnisse Gefahr laufen, in einen totalitären Atomstaat überführt zu werden. Die sogenannte Atomlobby betrachteten wir als übermächtiges Konglomerat, gegen das wir unsere Kräfte mobilisierten. Demonstrationen in Brokdorf und Hüttendörfer in Grohnde und Gorleben galten als symbolischer Widerspruch gegen die Uneinsichtigkeit einer die nukleare Gefahr ignorierenden Staatsmacht. In der Gewissheit, die besseren Argumente auf unserer Seite zu haben, sahen es viele von uns schließlich als Erfolg an, wenigstens die Partei der Grünen als gesellschaftliche Kraft auf den Weg gebracht zu haben.

Bald 50 Jahre später erscheint mir das als saturierte Selbstgefälligkeit. Womöglich stehe ich aber gerade deswegen der „Fridays for Future“-Bewegung eher skeptisch gegenüber. Dann wieder schäme ich mich für mein gönnerhaftes Verständnis gegenüber jungen Leuten, die gesellschaftlichen Fortschritt ungeduldig ablehnen, weil er sich derart langsam vollzieht.

Verschwörerische Theoreme sind nicht auf Vermittlung gerichtet

Vielleicht lässt es sich in diesem Zusammenhang so verallgemeinern: Jede argumentative Auseinandersetzung, in der sich kollektive Bedürfnisse und Erfahrungen bündeln, hat einen monadischen Charakter. Man wähnt sich im Recht, erzeugt zugleich aber auch etwas Undurchdringliches, in sich Eingeschlossenes. Was auf die einen befremdlich wirkt, übt auf andere eine gesteigerte Attraktivität aus. Für die Gemeinschaft der Gleichgesinnten jedenfalls hat es eine stabilisierende Funktion. So gesehen ließen sich die späten 70er-Jahre als eine Kultur der Apokalypse beschreiben, die keineswegs nur wichtiger Bestandteil eines irrationalen Verschwörungsgedankens war, sondern das ökologische Bewusstsein bis heute beeinflusst.

Verschwörerische Theoreme sind nicht auf Vermittlung gerichtet. Der Wandel – der Atomstaat, die mysteriöse Enteignung in der Pandemie, die sogenannte Umvolkung in der Flüchtlingskrise – wird stets mit klandestiner Energie vorangetrieben. Dagegen gibt es kein soziales oder demokratisches Korrektiv. Alles, davon sind die Mahner, Warner, Prediger, Prepper und Reichsbürger überzeugt, geschieht in Form einer unaufhaltsamen Hintergrundaktivität jetzt und sofort. Wer es nicht einfach bei einem düsteren Weltbild belassen will, das man nicht bloß zufällig beim Spaziergang vermittelt, kommentiert und postet es in den entsprechenden Foren.

Ein Fenster in der eigenen Monade

Meine erste Verblüffung jedenfalls ist der Annahme gewichen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Gesellschaft von einer diffusen Staatsfeindschaft durchdrungen ist. Die Neigung zu Verschwörungstheorien jedenfalls ist kein leicht zu isolierendes Randphänomen mehr. Das Medium aber ist eine Erzählung, und deren fehlende Konsistenz, so erkläre ich es mir, ist womöglich auch das Ergebnis eines Mangels an gesellschaftlichen Erzählungen, auf die man sich verständigen und an die man anschließen kann.

Hätten wir nachfragen sollen? Wären sie bereit gewesen, ein wenig Luft in ihre Gedanken zu lassen? Wären wir in der Lage gewesen, an einem bestimmten Punkt der Unterhaltung zu sagen: „Sorry, wir teilen eure Ablehnung des Staats und seiner Institutionen nicht.“ Sicher, wir können uns auf Fehler und Defizite verständigen. Wir aber möchten uns jenem Teil der Gesellschaft zurechnen, die diese Demokratie für eine Errungenschaft hält, die wir nicht leichtfertig preiszugeben bereit sind. Hoffentlich beim nächsten Mal, gerade wenn man glaubt, nicht genug Kopf zum Schütteln zu haben, regt der Impuls, ein Fenster in die eigene Monade zu schlagen – und die der anderen.