Außenansicht der Ausstellung „Studio Berlin“ im Berghain
Foto: Noshe/© Rirkrit Tiravanija

BerlinDer international bekannte Bariton Matthias Goerne ist in der Wochenzeitung Welt am Sonntag hart ins Gericht gegangen mit den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Durch diese sei die Kulturlandschaft in ihrer Existenz bedroht, sagte er, und machte dafür vor allem die strengen Auflagen für Konzerte und andere Kulturveranstaltungen verantwortlich. Wenn die Autoindustrie so behandelt würde wie die Kultur, so Goerne, dann würde schon lange kein Wagen mehr vom Band rollen. Insbesondere dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warf Goerne einen Mangel an Empathie für die existenziellen Nöte der Kulturszene vor.

Abgesehen davon, dass Spahn nicht allein für die Umsetzung von Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie verantwortlich ist – und dass selbst die Autoindustrie gerade hart damit zu kämpfen hat, dass vielerorts die Zulassungsbehörden sehr zum Schaden der Branche mehrere Wochen für die Anmeldung eines neuen Fahrzeugs benötigen –, hat Goerne natürlich recht. Die Kulturbranche, die strenggenommen aus sehr unterschiedlich arbeitenden Teilbereichen besteht, ist einem Umbruch ausgesetzt, den viele Künstler, Veranstalter und Agenturen in ihrer bisherigen Form nicht überstehen werden.

Nicht alle sind gleichwertig von der Corona-Pandemie betroffen

In einer Welt, in der künstlerische Leistungen generiert werden, sind nicht alle auf die gleiche Weise von der Pandemie betroffen. Im Gegensatz zum Sänger Goerne blicken die Kunsthändler verhalten positiv in die Zukunft. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung etwa verwies die Münchner Galeristin Deborah Schamoni auf einen leicht umzudrehenden Schlüssel, um Künstlern und Galeristen aus der Corona-Klemme zu helfen. Die Erhöhung der Mittel der Ankaufskommission des Bundes sei diesbezüglich eine hilfreiche Ansage gewesen. Und eine sehr leicht umzusetzende Maßnahme könnte sein, die Mehrwertsteuer für den Kunsthandel zu reduzieren. Wenn das passieren würde, so prophezeit die ebenfalls zum Gespräch geladene Galeristin Esther Schipper, wäre morgen der Verkaufsboom da. „Der Staat würde sogar noch mehr verdienen an der Kunst, als er verliert. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“

Aber es scheint nicht immer so einfach zu sein, der Kunst und den Künstlern zur Seite zu springen. So hält es der Berufsverband bildender Künstler (bkk berlin) „bei aller Liebe“ zum Berliner Club Berghain für fragwürdig, dass eine Viertel Million Euro an öffentlichen Mitteln „ohne Ausschreibung oder Jury“ in die von der Boros Foundation organisierte Ausstellung „Studio Berlin“ geflossen sei. Das Geld, sah sich Berlins Kultur-Senator Klaus Lederer genötigt festzustellen, komme aus einem Haushalts-Sondertopf, der explizit für förderungswürdig befundene Projekte zur Verfügung stehe. Lederer verwies in diesem Zusammenhang auf die hohe Relevanz des Berghains für die Berliner Kultur.

Die Beispiele zeigen, dass die kulturellen Institutionen und deren Akteure immer stärker Gefahr laufen, in einen erbittert geführten Verteilungskampf um Fördermittel verstrickt zu werden. Das Geld wird nicht für alle reichen, und die anschwellende Diskussion markiert ein kaum zu behebendes Dilemma: Die Ausstellung im Berghain war einerseits ein wichtiges Signal sowohl für die darbende Klubszene, verweist andererseits aber auch auf eine Gerechtigkeitslücke beim Kampf ums kulturelle Überleben.

Wer Neues schaffen will, muss weg von der Prinzipienreiterei

Man scheint sich längst an die Phrase gewöhnt zu haben, dass die Lage ernst sei. Gerade jetzt allerdings gilt es deutlich zu machen, dass die Künste aus sehr unterschiedlichen Produktionssphären hervorgehen. Während sich die öffentlich vorgetragene Musik im Raum verbraucht wie die gefürchteten Aerosole, schafft die bildende Kunst bleibende Werte, die in den frei flottierenden Märkten nach Käufern suchen. Die wiederum sind auf Materielles aus, um ihr ungebundenes Kapital in einen sicheren Hafen zu bringen. Aber selbst im Binnenraum der bildenden Kunst existieren sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle. Die großen Verkäufe sind allein auf der Basis einer reichen Nischenkultur möglich, die von einem künstlerischen Einfallsreichtum lebt, der nicht selten einer Mischkalkulation von Kreativität und Nebenjobs entspringt.

Kulturpolitik, die diesen Namen verdient, darf in dieser Situation nicht zögerlich sein. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Fehler gemacht werden. Doch gerade jetzt wird es darauf ankommen, sich nicht hinter engstirniger Prinzipienreiterei zu verschanzen, um es allen recht zu machen. Ziel von staatlicher Förderung kann nicht länger darin bestehen, das Alte zu bewahren, ohne das Neue hervorzubringen.