Es liest sich wie das tausendfach erzählte Märchen vom Aufstieg des Underdogs in die himmlische Sphäre des Massenerfolgs: 1994 gründeten drei arbeitslose Freunde aus Montreal ein von der kanadischen Regierung subventioniertes kostenloses Magazin, ein sogenanntes Fanzine. Fanzine bedeutet, dass Fans für Fans schreiben. Bei Vice, wie das Magazin seit 1996 heißt, ging es um Fetische und Drogen, um Sex, Musik und Gesellschaftskritik.

Fast zwanzig Jahre später hat Vice nichts von seiner ursprünglichen Rotzigkeit eingebüßt. Aber es ist unglaublich erfolgreich geworden. Bei den Lead-Awards wurde Vice in Hamburg zum „Magazin des Jahres“ gewählt. Der renommierte Preis wird seit Jahren vergeben, die Konkurrenz ist namhaft: SZ Magazin, Elf Freunde und Monopol gehörten dazu. Daneben fuhr Vice zwei weitere Gold-Preise für den Beitrag des Jahres in der Kategorie Zeitschriften sowie für die beste Mood- und Modefotografie des Jahres ein.

Das Magazin gibt es online und in gedruckter Version. Das Print-Magazin liegt, noch immer kostenlos, in den Modeläden, Musikgeschäften oder angesagten Bars in mittlerweile 26 verschiedenen Ländern aus. „Vice müht sich nicht mehr mit den zusehends verstopften Vertriebskanälen wie Kiosk oder Buchhandel ab“, sagte der Vorsitzende der Lead-Academy, Markus Peichl, bei der Preisverleihung. Und das Herumklicken im Online-Magazin macht süchtig. Im Durchschnitt halten sich die Leser 23 Minuten auf der Seite auf. Nur zum Vergleich: Spiegel Online brüstet sich mit 13,5 Minuten – und schon die sind weit überdurchschnittlich.

Erstaunliche Geschichten

Aber das Imperium, das sich Vice über die Jahre hinweg aufgebaut hat, geht weit über den Bereich von Print- und Onlinemagazin hinaus. Es gibt eine eigene Fernseh-Produktionsfirma, deren Sendungen in Deutschland auf dem Digitalkanal ZDFneo laufen, es gibt den Verlag Vice Books, ein Plattenlabel sowie eine Werbeagentur. Im August hat sich der britische Medienmogul Rupert Murdoch bei Vice eingekauft, ihm gehören jetzt fünf Prozent der Anteile. 70 Millionen Dollar soll er dafür ausgegeben haben.

Ein Magazin, das als szenige Untergrundzeitschrift angefangen hat, ist zahlenmäßig im absoluten Mainstream angekommen – bleibt seinem Ruf als besonders „authentisches“ und „extremes“ Medium aber treu. Da gibt es in überaus lässiger Explizitheit geschriebene Oralsex-Anleitungen für beide Geschlechter, es gibt den „Drogenratgeber für die feine Dame“, und in der jüngsten Ausgabe hat sich einer einem Selbsttest unterzogen und Kamel-Urin getrunken, der im Jemen angeblich als Allheilmittel gilt.

Der Autor gelangt zu einem wenig überraschenden Fazit: „Warme Pisse schmeckt ekelhaft.“ Auf Facebook „gefallen“ solche Inhalte weit mehr als einer Million Menschen. Die meisten internationalen Lifestyle-Magazine für junge Hipster, die mit dem Ruch von Underground kokettieren, bringen es gerade mal auf etwa 50.000 likes.

Bei Vice gibt es keine Endredaktion, keine wirkliche redaktionelle Richtlinie. Der Tonfall ist subjektiv, gelangweilt oder schockiert, je nachdem. Die weltweit mehr als 3000 Journalisten, die für Vice arbeiten, graben immer wieder erstaunliche Geschichten aus.

So ging es in der letzten Ausgabe um ein bolivianisches Dorf, in dem Mitglieder der Dorfgemeinschaft nachts Frauen angeblich betäubten, um sie zu vergewaltigen – weswegen die Opfer dachten, sie würden im Schlaf von Dämonen missbraucht. Der Name der Rubrik, in welcher der Text erschienen ist, lautet „Stuff“ - Kram also, Vermischtes.

Wenn man in dieser Rubrik weiterliest, landet man bei einer Dokumentation über Lil Bub, eine unglaublich süße, behinderte Katze mit zu vielen Zehen. Darunter ein Text über Pädophile in Marokko. Es gibt bei Vice keinen kategorialen Unterschied zwischen behinderten Katzen und Kinderschändung. Und in beiden Fällen sind die Geschichten so verpackt, dass man sich von Text zu Text, von Bildstrecke zu Bildstrecke klickt.

Alles bunt durcheinander

Das Vice-Magazin ist trotz aller Seltsamkeiten ein Organ des investigativen Journalismus. Vor zehn Monaten widmete die Redaktion das gesamte Heft dem Land Syrien, auch dafür wurde es mit dem Lead-Award ausgezeichnet. Auf dem Titelbild sah man einen vermummten Rebellen in Jesus-Pose vor einer dunklen Rauchwolke, die augenscheinlich von einer gerade explodierenden Bombe herrührt. Das Foto sieht aus, als wäre es für das Cover eines Modemagazins gemacht.

In einer späteren Ausgabe ist es Reportern gelungen, sich nach Nordkorea einzuschleusen und dort mit einer Handkamera zu filmen. Aber was machen die Reporter, wenn sie einmal dort sind? Laufen mit demonstrativ gelangweiltem Gestus durch die nahezu menschenleere Landschaft und machen sich über die kommunistische Propaganda lustig. Das ist das Paradox von Vice: Das Belanglose wird mit der gleichen Drastik verkündet wie das tatsächlich Verstörende. So wird Entsetzliches und Belangloses austauschbar. Und Kritik beiläufig konsumierbar.